châteaugeschichten
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Ein sonniges und warmes Oktoberwochenende kündigt sich an und warum nicht die Gelegenheit beim Schopfe packen, das Château anhängen und einen Ausflug ins Grüne wagen?

Wir entscheiden uns für den schönen Solling, wo ausgedehnte Mischwälder bunte Herbstfarben versprechen, rote Äpfel an den Straßenbäumen leuchten und sogar ein Flohmarkt lockt.
Einen Platz für den Wohnwagen kennen wir schon, also machen wir uns am Freitagabend auf zu einer kleinen Reise.

Bei unserer Ankunft ist es bereits dunkel und sanfte Nebelfelder hüllen die Landschaft in eine mystische Stimmung, Grimms-Märchen-Flair liegt in der klaren Luft. Und rasanter als gedacht sind wir schon an der richtigen Zufahrt zu unserem Plätzchen für die Nacht vorbeigesaust.

Jetzt heisst es mal wieder wenden. Mit dem Caravan im Gepäck kann sich aus einem simplen Manöver schnell ein größeres Abenteuer entwickeln. Doch im nächsten Ort entdecken wir ein Hinweisschild zu einem Wanderparkplatz. Selbiger stellt sich leider als viel zu abschüssig als Platz für die Nacht heraus, ich schätze die Steigung auf etwa 8%. Also umdrehen und zurück zum ursprünglichen Ziel.

Die glatte Fläche, auf die der Kangoo nun mit großem Wendekreis zusteuert, scheint fatalerweise nur oberflächlich betrachtet eben und fest. Recht ergiebiger Regen der letzten zwei Tage hat den Boden vor dem neu erbauten Dorfgemeinschaftshaus in einen schlammigen Sumpf mutiert. Und eh wir uns versehen, haben sich die Vorderräder in die Pampe gewühlt, spritzen Modder in alle Richtungen und stecken fest!

Was in neun Wochen wunderbarer und erholsamer Sommerfahrt ausnahmsweise kein einziges Mal passiert ist, ist nun hier, in der sagenhaften Märchenwelt des norddeutschen Solling ganz flott grausame Realität. Die festgefahrene schwere Räuberhöhle benötigt immer unbeschreiblich viel Finger- und Fußspitzengefühl zur Befreiung, mit dem Château im Schlepptau sieht die Welt gleich noch viel matschiger aus.

Also als erstes den Wohnwagen abkoppeln und in die Parklücke dahinter schieben.
Klappt nicht, es geht bergauf.
Das Château ist eigentlich ein Leichtgewicht, doch zu zweit haben wir keine Chance, das Gefährt den Buckel hoch zu schieben.

Dann eben bergab! Mit der Deichsel nach unten und Stück für Stück rollen lassen, die Handbremse ziehen, dann wieder rollen lassen. Klingt ernst, ist es auch. Ich werde sofort angemeckert, mich nicht hinter den Wagen zu stellen. Jaaaa – der Meister hat wie immer Recht!

Nach einigem Gerolle und Gebremse steht der Caravan weit genug vom Auto entfernt, so dass dieses aus dem Dreck bugsiert werden kann. Und mit dem üblichen Vor-Zurück-Geschaukel steht der Kangoo recht fix wieder auf festem Boden.

Herbstfarben

So weit, so gut. Nun guckt der Wohnwagen aber in die falsche Richtung und muss umgedreht werden, damit er wieder angehängt werden kann. Erschwerend steht ein geparktes Auto im Weg herum und muss geschickt und möglichst ohne Beulen umschifft werden. Mit der Brems-Roll-Technik kommt das Château in der Lücke neben dem PKW zum Stehen. Jetzt muss das Gefährt rückwärts und bergab in eine Postion gelangen, um am Kangoo andocken zu können. Also wieder rollen und Bremse ziehen.

Doch oh Schreck, oh Graus! Das Unfassbare tritt ein: die Bremse zieht rückwärts nicht, stoppt nicht, bremst nicht! Das Schlößchen nimmt Fahrt auf, wird immer schneller und saust ungehemmt dem Abhang entgegen! Jegliche Rettungsaktion ist für die eigene körperliche Unversehrtheit undenkbar.

Oh nein, oh nein, oh nein, Kreuzspinne und Kreuzschnabel, herrje und ach Gott! Ich schlage die Hände vors Gesicht, ich kann dem Drama nicht zuschauen. Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie unser rollendes Zuhause in die reißenden Fluten der Helle stürzt, von den wilden Wassermassen mitgerissen wird und als trauriger Abschied die Deichsel einen letzten Gruß schickt, bevor auch sie im eiskalten Nass versinkt. Und wie mir nun voll Entsetzen bewusst wird die ganze Reisebande mit sich zieht, die fröhlich schon bei Fahrtbeginn ihren Abenteuerplatz mit Aussicht im Château eingenommen hat! Panik erfasst mich, die Unfähigkeit zu denken und die Unmöglichkeit zu handeln lähmt meinen ganzen Körper.

Reisebande im Chateau

Just in diesem schrecklichen Moment reißt mich ein gewaltiges Krachen, Knirschen und Knarzen aus dem grausamen Alptraum. Ich traue meinen wieder offenen Augen kaum: der Wohnwagen ist kurz vor dem Abgrund zum Stehen gekommen! Doch oh weh, das nicht von allein. Bei näherer Untersuchung offenbart sich ein massiver, mächtiger, von grünen Moosen überwucherter Findling als unnachgiebige, gnadenlose und starrköpfige Bremse. Der Abhang ist so steil und zusätzlich nass und glitschig, dass es beinahe unmöglich ist, nach der Inspektion wieder zurück auf den befestigten Weg zu gelangen. Die Deichsel ragt hoch hinaus ins finstere, im Nebeldunst versunkene Firmament.

Bremsklotz in letzter Sekunde

Jetzt erst mal tief durchatmen. Glücklicherweise habe ich einen Stetseinelösungwisser und Ewigeinenkühlenkopfbewahrer an meiner Seite. Ohne diesen wäre ich hier schon längst verzweifelt, hoffnungslos und gebrochen dem Caravan in die Helle gefolgt.

Zappa kramt das Abschleppseil aus dem Auto, bindet es mit geschickten Händen an die Deichsel, während ich wenigstens mit der Handytaschenlampe Licht spendend meinen Beitrag zur Rettung leisten kann. Nun muss der Kangoo seinen Dienst tun.

Nach einigem Geziehe und Gezerre, Krachen, Knirschen, Knarzen und weiteren ganz schrecklich klingenden Geräuschen gelingt es dem Meister und seinem Wagen, das Château aus dem tiefen Abhang zu ziehen und aus den Fängen des Eiszeitmonstrums zu befreien.

Rechts die Brücke über die Helle, hinter dem Baum der Abhang!

Endlich können die Bremsklötze unter die Räder geschoben werden und siehe da, der Wohnwagen rollt nun nicht mehr bergab. Die Anhängerkupplung final unter die immer noch in den schwarzen Himmel ragende Deichsel zu zirkeln, wirkt am Ende des Tages beinahe wie ein Kinderspiel.

Nach einer Stunde haben wir das Wendemanöver beendet und können uns glücklich, geschafft und meinerseits aufgewühlt und am Ende aller blankliegenden Nerven an unserem ursprünglichen Ziel zur Nacht betten.

Das Château hat nun ein weiteres Loch in der schon arg bröckelnden Fassade, aber der Schaden ist nicht so schlimm, wie das berstende Geräusch zunächst befürchten ließ. Zum bestehenden Sanierungsstau ist nun eine weitere Instandhaltungsmaßnahme hinzugekommen. Wir gratulieren uns ein weiteres Mal zu dem Beschluss, es bei dem guten Alten zu belassen und nicht in ein neues mobiles Zuhause zu investieren. Dazu sind die Ausflüge momentan einfach zu abenteuerlich.

Loch an Loch...

In jedem Fall werde ich zukünftig Ende Oktober keine Kürbisse mehr schnitzen, sondern den Steinen der letzten Eiszeit ein Opfer darbringen, denn ohne Findling wäre das Château in den Fluten der Helle für immer versunken.

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