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Ihr seid mit Eurem Spanisch am Ende? Wir fangen doch gerade erst an. ;-)

Urlauber unter Hausarrest

Liebe Leidgenossen,

wir wollen uns nach langer Zeit mal wieder aus unserem selbstgewählten Exil bei Euch melden.
Aber zuvor möchten wir aus einer Zeit jenseits der geänderten Umstände berichten. Vor etwa 2-2,5 Wochen haben wir uns zusammen mit unserer Gastfamilie an einem Abend eines der Wahrzeichen der Stadt, die Virgen de el Panecillo angeschaut. Das Gute: Da unsere Gastfamilie ein Auto besitzt, konnten wir direkt mit dem Auto auf den Berg fahren, auf dem die Statue steht, ohne dabei die persönliche wirtschaftliche Krise schon vor dem Einschlag der Coronakrise in Form des Ausraubenlassens eintreten zu lassen. Über dem Museum, das sich im Fundament der Statue befindet, gibt es eine Plattform, von der aus wir die Stadt bei Nacht betrachten konnten. Hat es zehn Minuten vorher noch einer Weltuntergangsstimmung entsprechend geschüttet, so war die Sicht nun frei für das ein oder andere schöne Foto, Gott sei Dank, in Anbetracht dessen, dass wir aktuell zu solchen Zeiten nicht mehr raus können.

Dann waren wir an einem der folgenden Tage bei Freunden unserer Familie zum Essen eingeladen. Die Familie, bei der wir gegessen haben, war auch sehr nett, nur haben wir an dem Tag sehr zu schätzen gelernt, wie ansehnlich und lecker die Speisen unter Vicentes und Marthas Küche sind. Leider haben wir kein Foto von der traditionell ecuadorianischen Suppe gemacht, die uns an dem Abend angeboten wurde (dies erschien uns ein wenig unhöflich), jedoch lässt sich die Vorspeise in wenigen Worten wie folgt beschreiben: Die Suppe wirkte von außen, als wollte jeden Augenblick ein außerirdisches Wesen aus ihr in unser Gesicht springen. Nach anfänglicher Skepsis jedoch ließ sich die Suppe doch essen, ohne dass (bis heute zumindest) ein fremdartiger Parasit unseren Körper befallen hat. Im Nachhinein hat man uns darüber aufgeklärt, dass es sich bei der Brühe um Körperteile des Schweins handelt, die in unseren Breitengraden eher selten vom Menschen verzehrt werden.

Am nächsten Tag, das war der vorletzte Tag, an dem in Ecuador Bewegungsfreiheit herrschte, sind wir alle nach Tena, einer kleinen Stadt etwa 4 Stunden mit dem Auto von Quito entfernt, gefahren, die am Rande des Dschungels liegt. Von dort aus sind wir mit Juan, einem Freund unserer Gastfamilie, auf die Ländereien des Dschungels, die Juans Familie gehören, gefahren und er hat uns verschiedenste Pflanzen vom Kakaobaum, verschiedensten Kräutern und Nutzpflanzen über die Banane bis hin zu Litschi-ähnlichen Bäumen gezeigt. Beim Zeigen blieb es nicht, streng genommen haben wir einen Bananen- und Litschigroßeinkauf gemacht und auch verschiedene andere Raritäten haben den Weg in unsere Taschen bzw. in die Kofferräume der beiden mitgefahrenen Autos gefunden. Glücklicherweise haben es besagte Kofferräume samt der dazugehörenden Gefährte und Insassen über eine zu überquerende Brücke, die eher einer Hängematte als der Waldschlösschenbrücke ähnelt, über einen Fluss etwa 20 km von Tena entfernt geschafft. Nach der Plünderung der Ländereien, es war nun 14 Uhr und deutlich über 30 Grad im Schatten, haben wir uns mit unserer Beute auf den Weg zu den - O-Ton unserer Freunde - blauen Lagunen gemacht; unsereins würde dieses Erlebnisbad wohl eher als Wildwasserfluss bezeichnen. Es war super angenehm, in die Kälte des Flusses abzutauchen und ein wenig in den Strömungen des Wassers treiben zu lassen. Es erinnert ein wenig an Termen, nur das die Strudel und Strömungen hier natürlich waren. =) Ein Manko hatte das Ganze: Neben uns gab es auch reichlich andere, etwas kleinere Besucher, die frecherweise nicht einmal Eintritt bezahlt haben: Moskitos. Während wir also schwammen und im Anschluss unseren auf traditionelle Weise in großen Blättern auf dem Grill gekochten Fisch verzehrten, bedienten sich die zahlreichen Biester auch an uns. =D
Am späten Nachmittag haben wir uns wieder auf die lange Reise zurück nach Tena aufgemacht. Und mit lange meinen wir wirklich lange. Zunächst fuhren wir wie geplant los, bis wir dann plötzlich auf einer Straße an einem mobil aufgestellten Schild vorbei kamen, auf dem geschrieben stand, dass ab 18 Uhr keine Durchfahrt mehr gestattet war. Selbstsicher mit der Bestätigung von Einheimischen fuhren wir gegen viertel sieben möglichst schnell an dem Schild vorbei und weiter in Richtung der Engstelle, die laut Schild ab 18 Uhr geschlossen sein sollte. Bereits auf dem Hinweg war diese Engstelle sehr abenteuerlich, da dort mit Ach und Krach gerade so ein normales Auto passieren konnte, ohne den Abhang hinabzustürzen. Doch an dem Abend wurden kurzerhand die an den folgenden Tagen geplanten Straßensperren vorgezogen. Aufgrund eines optimal quergeparkten Baufahrzeuges war kein Durchkommen möglich. (Der Grund war hier aber tatsächlich nicht das Coronavirus, sondern dass nachts so viel Wasser den Berg herunter läuft, dass ein Passieren wohl zu gefährlich wäre.) Blöderweise hatten wir keine andere Wahl als umzukehren und den Weg zurück nach Tena über Puyo, Baños und vorbei am Cotopaxi zurück nach Quito zu fahren. Als wäre das nicht genug, hatten wir kurz darauf auch noch eine Reifenpanne, sodass wir kurzerhand noch einen Reifen gewechselt haben und den defekten Reifen sogar, trotz dass es bereits jetzt 20 Uhr war, kurz darauf noch haben reparieren lassen können. Als hätten wir es geahnt, dass man bereits zwei Tage später nachts gar nicht mehr frei fahren darf, haben wir also die Nacht halb durchgemacht, um noch möglichst viel von Ecuador zu sehen, wenn auch bei Nacht. ;-) Etwa zehn Stunden nach unserem Start sind wir gegen 2:30 Uhr finally zurück in der Sprachschule gewesen, in der wir mehr als erwartet wurden, denn einer der beiden zu dem Zeitpunkt noch verbliebenen weiteren Sprachschüler stand seit etwa 14 Uhr vor verschlossener Tür, da er seinen Schlüssel in seiner Jackentasche auf dem Cotopaxi hat liegen lassen und sowohl der andere Sprachschüler als auch wir nicht in der Sprachschule (beinhaltet auch die Apartments, in dem die beiden gewohnt haben) gewesen sind.

Seither sind wir aufgrund der Ausgangssperre weitgehend im Haus, das aus den Wohnungen unserer Gastfamilie, den Apartments, einer Art Gesellschaftsraum und der Sprachschule besteht. Trotz etwa 6 Stunden Spanisch am Tag haben wir natürlich noch recht viel Zeit, in denen wir uns zunehmend verschiedenen Projekten widmen. Zum Beispiel bekommt Magda Privatstunden im Gitarreunterricht und klimpert fleißig rum, wir haben begonnen hier BodyPump zu trainieren (wir haben zwar nicht all zu viele Gewichte auftreiben können, jedoch sind 5 Kilo auf dieser Höhe gefühlt mehr als das 4fache in Deutschland^^), ab und an tanzen wir (auch das ist sehr anstrengend, hoffen wir aber aufgrund von BodyPump in Zukunft mehr und mehr zu können), wir haben begonnen etwas zu programmieren und natürlich schauen wir auch immer mal wieder den ein oder anderen Film/Serie, was wir ab morgen auch auf Spanisch tun werden. =) Was Ideen für die Freizeitgestaltung angeht, haben wir tatsächlich mehr als wir Zeit haben.
Wie man merkt, haben wir uns dazu entschlossen, in Ecuador zu bleiben. Das war für uns keine einfache Entscheidung, jedoch haben wir uns eine Pro-Contra-Liste angefertigt und gesagt, dass wir uns entscheiden müssen. Denn das Schlimmste war eigentlich, dass wir in so einer Schwebe waren zwischen Bleiben und Gehen und das belastet einen viel mehr als alles andere an der Situation.

Zum Abschluss dieses Blogbeitrags möchten wir noch etwas über die Situation in Ecuador schreiben, weil das bestimmt den ein oder anderen von Euch auch interessiert:
Wie bereits geschildert, haben auch hier vor zwei Wochen die Maßnahmen gegen das Coronavirus begonnen. Seit dem 17.03.20 wurde in Ecuador der Fern- und Nahverkehr (beides im Grunde Busse) eingestellt, nachdem bereits ab Sonntag Abend (der Tag, an dem wir in Tena waren) alle Grenzen Ecuadors geschlossen wurden. Diese Maßnahmen waren begleitet von ähnlichen Maßnahmen wie in Deutschland: Einschränkung der Mobilität auf das Wesentliche (Arzt, Apotheke, Supermarkt und ähnliches). Der Unterschied zu Deutschland: Hier wurden die Sperren, zumindest in Quito, deutlich stringenter durchgeführt in Form von Kontrollen auf den Straßen und auch in den Supermärkten durften nur begrenzt viele Menschen gleichzeitig eintreten. Diese Maßnahmen und eine absolute Ausgangssperre ab 16 Uhr in Quito&Guayaquil (im Rest des Landes ab 19 Uhr) wurden zu einem Zeitpunkt eingeführt, zu dem es in Ecuador unter 100 bestätigte Coronafälle gab. Natürlich ist das auch zurückzuführen auf ein deutlich schlechteres Gesundheitssystem, welches deutlich schneller als das Deutsche versagen würde.
Seit dieser Woche Dienstag wurden weitere Maßnahmen in Kraft gesetzt: die absolute Ausgangssperre wurde für das ganze Land auf zwischen 14 Uhr nachmittags und 5 Uhr früh erweitert. Ein Zuwiderhandeln wird hier seit Anfang an mit sehr hohen Strafen von bis zu 6000 Dollar oder Freiheitsentzug bestraft. Des Weiteren wurden die Supermarktbesuche noch weiter beschränkt. So gibt es ein System, nachdem am Montag lediglich Inhaber eines Personalausweises mit den Endziffern 1 und 2 in den Supermarkt dürfen. Dienstags 3 und 4. Und so weiter. Am Samstag alle geraden Zahlen, Sonntag alle ungeraden Zahlen. Blöd nur, dass unsere Pässe mit einem X enden. :D Ein Supermarkt in der Größe eines großen REWE-Marktes darf zudem inklusive Personal nicht mehr als 50 Personen zur gleichen Zeit beherbergen. Dies hat zur Folge, dass man aktuell gut eine Stunde an einem normalgroßen Supermarkt wartet und dann auch nicht zu zweit in den Supermarkt kommt. Oben drauf ist es seit Dienstag Pflicht, in einem Supermarkt sowohl eine Mundschutzmaske als auch Gummihandschuhe zu tragen. Über den Sinn und Zweck der Handschuhe lässt sich streiten, jedoch kann man in Ecuador beobachten, dass die paar verbliebenen Personen auf der Straße ALLE eine Maske tragen und das schützt letztlich dadurch, dass Keime deutlich weniger versprüht werden. (Sollte man noch keine Masken oder Handschuhe besitzen, sind diese für "nen Appel und nen Ei" direkt vor dem Supermarkt käuflich zu erwerben, wahrscheinlich bereits infiziert. ;-) )

Ein Gutes hat das Ganze: Die Luft in Quito ist so sauber wie nie und wir würden schwören, dass aktuell die Klimaziele ganz gut vorangetrieben werden. ;-D Greta ist bestimmt stolz auf Ecuador. ^^

Liebe Grüße aus dem fernen Ecuador, bleibt gesund und aktiv!
Magda, Carsten und Olaf

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