Woche 62 - Alaska Highway
Am Wochenende mussten wir bei nächtlichem Regenwetter leider feststellen, dass unser Camper ein Leck hat. Die Nacht überbrückten wir mit Lappen, doch uns war klar, dass wir zur...

Veröffentlicht: 18.07.2018
Als wir nachmittags nach einem wirklich anstrengenden Flug endlich unser Visum in der Hand hatten und aus dem Flughafen herauskamen, sahen wir schon, was diese Stadt ausmacht: Berge und Meer.
Mit der U-Bahn ging es Richtung Downtown in unser Hostel. Nach einem Bier und was zu essen fielen wir dann aber auch schon ins Bett.
Für den nächsten Morgen nahmen wir uns vor die bürokratischen Verpflichtungen möglichst schnell zu erledigen. Die Beantragung der Steuernummer und das Eröffnen eines Bankkontos waren schnell geschafft. Als wir den restlichen Tag in der Stadt verbracht haben, waren wir beide positiv überrascht. Für eine Stadt mit der Größe von Vancouver war es angenehm ruhig und auch am Wochenende nicht stressig oder überlaufen. Die Menschen in der Multikulti- Metropole sind unglaublich nett und zuvorkommend.
Die nächsten Tage verbrachten wir auf dem Fahrrad im Stanley-Park (größer als der Central Park) oder am Strand. Abends war es ein leichtes bei ein „paar“ Bierchen neue Leute aus aller Welt kennen zu lernen.
Nach unseren Erfahrungen in „VanCity“ können wir guten Gewissens sagen die Wahl zu einer der drei lebenswertesten Städte der Welt ist absolut gerechtfertigt. Der Blick auf die Berge durch die Straßen Downtowns ist einfach unschlagbar. Dazu das Klima, das Meer und die freundlichen Menschen. Es war nicht das letzte Mal, dass ich in dieser Stadt war!
Nach vier Tagen in der Hauptstadt British Columbias ging es mit dem Greyhound weiter nach Vernon ins Okanagan Valley. Nach der sechs stündigen Busfahrt kamen wir endlich an. Ein wunderschönes Tal mit unendlich vielen Seen. Der größte von ihnen, der Okanagan Lake zieht sich 80 Kilometer durch das Valley und ist von der Fläche genauso groß, wie der Bodensee.
An der Greyhound Station in Vernon wartete auch schon Colin, ein alter Geschäftspartner von Niklas Vater. Er hat uns netterweise Angeboten in den ersten Tagen bei ihm zu bleiben und uns bei der Jobsuche zu unterstützen.
Was wir dann in den nächsten Tagen in Colins Haus in Enderby, einem kleinen Dorf etwas nördlich von Vernon, erleben durften ging weit über unsere Vorstellungen hinaus. Schon am ersten Abend lernten wir einen Großteil der Familie Matejka; Gail, Colins Frau hatte bereits Essen gemacht und auf uns gewartet. In den nächsten Tagen merkten wir, dass das keine Seltenheit war. Sie ist einer der freundlichsten, nettesten und aufmerksamsten Menschen, die ich in meinem Leben kennenglernt habe. (“she is ridiculously kind” Zitat von Sohn Taylor).
Colins jüngster Sohn Taylor ist ein Weltenbummler, die letzten Jahre ist er durch Australien, Indonesien und Südostasien gereist, wo er auch seine Freundin Tatiana aus Portugal kennengelernt hat. Die beiden werden nach dem Sommer ein Hostel in Nicaragua eröffnen.
Sein ältester Sohn Brock wohnt mit seiner Verlobten Brittany und seiner kleinen Tochter Charlee gleich neben an. Er ist ein waschechter Redneck und hat eine riesen Farm und eine Werkstatt.
Alle haben uns super freundlich aufgenommen und uns verschiedene Aktivitäten angeboten um die Gegend zu erkunden.
Colin hat uns auch ein Auto bereitgestellt und uns Arbeit für die ersten Wochen auf der Farm gegeben. Die Farm der Matejkas züchtet hauptsächlich Bullen fürs Rodeo.
Als wir Colin nach dem Plan für die nächsten Wochen fragten, bot er uns an einen Truck seiner Firma nach Edmonton zu fahren. Auf diesem Weg konnten wir erstmals die Rocky Mountains sehen und gleichzeitig Geld für unsere Reisekasse verdienen. Eine bessere Möglichkeit konnte sich für uns nicht ergeben!
Anschließend können wir den Sommer in einem Apartment in einem nahegelegenen Skigebiet verbringen.
Wir müssen uns also nicht um ein Dach oder einen fahrbaren Untersatz kümmern. Wir konnten der Familie gar nicht sagen, wie dankbar wir für diese Unterstützung sind!
Es ist nicht selbstverständlich zwei jungen Reisenden, die die Matejkas vorher noch nie gesehen haben, so zu unterstützen.
Am ersten Wochenende im Okanagan, hatten wir dann die Möglichkeit Taylors Freunde kennenzulernen. Auf einer kleinen Poolparty trafen wir viele nette Leute, und hatten eine Menge Spaß. Später sind wir dann in eine typische Nordamerikanische Karaokebar gegangen. Wir wissen nicht mehr viel von der Nacht, doch zwei Dinge wissen wir jetzt mit Sicherheit: Mit den Jungs kann man ordentlich Spaß haben und es geht nichts über deutsches Bier!
Sonntags haben uns Gail und Colin hoch zum SilverStar Mountain gebracht und uns dort die Gegend und ihr Apartment gezeigt danach ging es weiter an den Kal Lake und wir trafen Taylor, Tatiana, Brock und Britt zum Pizza essen. Auch Braden, Colins dritter Sohn, kam mit seiner Freundin Amanda dazu.
Er ist ein super netter Kerl, die Matejkas nennen ihn nur den „City-Boy“, weil er in der nächsten Großstadt Kelowna wohnt.
Braden wurde beim Las Vegas-Shooting auf einem Country-Festival in seinen Hinterkopf geschossen. Nur wenige Millimeter trennten ihn vom Tod. Er hat immer noch mit den physischen und psychischen Folgen zu kämpfen. Aber es ist toll zu sehen, wie die Familie damit umgeht.
Es war wirklich eine herzzerreißende Geschichte. Der schlimmste Teil der Geschichte ist aber, dass Braden immer wieder Morddrohungen auf seinen sozialen Netzwerken von Amerikanern bekommt, die denken der Vorfall wäre von der Regierung inszeniert worden, um Angst zu schüren. Sie können einfach nicht glauben, dass jemand mit einem Kopfschuss überlebt hat.
Sowas hat niemand verdient, der ein solches Trauma durchstehen musste.
Nach einer weiteren Woche abwechslungsreicher Arbeit auf Brocks Farm, in der wir weiter alles für Britts und Brocks Hochzeit vorbereitet haben, hieß es am Wochenende: „Happy Canada Day!“. Am langen Wochenende über den ersten Juni findet traditionell auch das Enderby FUNtastic statt. Ein riesen Softball Turnier bei dem das Trinken und der Spaß im Vordergrund steht. Und naja was soll ich sagen? Die Kanadier, um Tatiana, Tay und seine Freunde, haben uns einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie wissen, wie man feiert. Und zwar für drei Tage, ohne Pause!
In den nächsten Tagen sind wir unter anderem die Enderby Cliffs hochgewandert, waren beim Bullryding und haben die Sonne am Pool genossen.
Nach knapp drei Wochen war es dann soweit: für uns ging die Reise weiter.
Einen besseren Start für unser Abenteuer hätten wir uns nicht vorstellen können. Wir wurden herzlich aufgenommen und sofort, wie ein Teil der Familie behandelt. Wir können gar nicht sagen, wie dankbar wir für die Unterstützung der Matejkas sind. Eins ist klar: Das ist kein Abschied, es ist ein „Bis Bald“!
