Tag 24-33: Ärger in der Tramily
Tag 24: Da wir noch ein kleines Frühstück in einem Café haben wollen, bevor es zurück auf den Trail geht, stehen wir früh auf. Auf dem Weg sehen wir einen Kojoten, der durch die...

Veröffentlicht: 17.05.2022




































Wir wollen ausprobieren, unseren Tagesablauf etwas anzupassen, um mehr Meilen zu schaffen. Bisher haben wir meist zwei große Blöcke gemacht und waren dann früh im Camp, aber zu kaputt, um weiter zu laufen. Stattdessen wollen wir zwei größere Pausen am Tag einlegen und ihn so quasi dreiteilen. Heute hat das schon mal gut funktioniert und wir haben 24,7 Meilen geschafft, obwohl unsere Rucksäcke so schwer sind wie noch nie zuvor. Wir haben nämlich Essen für sechs Tage dabei, da wir uns einen Resuppliehitch sparen wollen und vier Liter Wasser, da die nächste Quelle, an der wir jetzt campen, entsprechend weit weg war. Ninjas Bein geht es zumindest soweit besser, dass sie den Tag auch gut überstanden hat, also sind auch sie und Taco hier, was mich sehr freut. Heute war ein weiterer windiger Tag, wenn auch zum Glück nicht ganz so schlimm, wie wir es schon hatten und wie es hieß, dass es werden soll. Trotzdem ist es durch den Wind auch wieder kalt und heute Nacht soll es Temperaturen um den Gefrierpunkt haben. Dafür, dass das hier die "Dessertsektion" sein soll ist es schon bemerkenswert, dass mir mehr kalt als warm war. Aber naja, der Sommer wird wohl noch kommen. Mit meinen neuen Schuhen bin ich sehr zufrieden. Die ganzen kleinen Wehwehchen, die ich in den letzten Tagen an den Füßen hatte, sind verschwunden und ich fliege wieder über den Trail.
Wir campen auf einem Campground im Wald. Damit ist es zumindest windgeschützt, aber trotzdem kalt, also sind wir wieder schnell in den Schlafsäcken. Das ist heute aber gar nicht schlecht, da ich ja noch ein Nähprojekt habe. Ich bin ganz zufrieden damit, wie meine Shorts am Ende aussehen und kann sie auf jeden Fall weiter verwenden.
Während wir weiterlaufen, wird es langsam sehr warm. Kurz vor unserer Mittagspause überqueren wir 1000km. Da es keine Markierung gibt (dämliche Imperialisten) malt Natalie eine in den Sand. Leider fällt mir erst am Abend auf den Bildern auf, dass sie 10.000 geschrieben hat.
Unser Rastplatz hat einen Picknicktisch, unter dem ich nach dem Essen die restliche Pause verbringe. Am Nachmittag schließlich wird die Landschaft noch karger und der Trail verdammt anstrengend, da er ausschließlich mit Sand bedeckt ist, was uns deutlich verlangsamt. Nach 22 Meilen erreichen wir schließlich das Ziel für heute. Einen weiteren Watercache und das letzte Wasser für 20 Meilen. Hier gibt es aber nicht nur Wasser, sondern auch eine Box mit einem Trailregister, Medikamenten, Elektrolyten und Toilettenpapier und eine weitere Box mit Powerbanks. Ich finde eine volle und lade all meine Geräte auf. Alles in allem war es ein sehr schöner und erfolgreicher Tag auf dem Trail.
Nach dieser schönen Überraschung und zwei Hot Dogs, zwei Limos, zwei Äpfeln und diversen Snacks geht es vollbrpackt mit Wasser (auch von unseren drei Trailangels) die letzten fünf Meilen zum Camp bergauf. Dabei überqueren wir Walkers Pass. Der ist aus zwei Gründen interessant. Geologen und Bergsteiger sehen ihn als die Grenze der Sierras. Da wir aber Hikertrash sind, beginnen die Sierras für uns aber erst in Kennedy Meadows. Der andere Grund ist der, dass er erst 1834 entdeckt wurde, zumindest von weißen Einwanderern. Das führt vor Augen, wie jung dieses Land ist. Als ich den Gedanken mit Ben teile erwiedert er, dass in Europa 100 Meilen als weit gelten und in Amerika 100 Jahre als alt. Da ist definitiv etwas wahres dran.
Die Stimmung heute im Camp ist großartig und da es noch lange warm ist meditieren wir gemeinsam und haben viel Spaß zusammen. Leider werde ich Opfer eines Angriffs von roten Ameisen und werde zweimal gebissen. Das ist verdammt überraschend schmerzhaft und ich weiß leider nicht, was ich ihnen getan habe, um das zu verdienen. Zum Abschluss des Tages schaue ich mir den Sonnenuntergang an und bin einfach dankbar dafür, dass ich hier auf dem Trail sein kann.
Tag 38: Der Tag beginnt sehr aufregend. Während alle langsam beginnen, zusammen zu packen, schreit Warrior plötzlich leise auf und beginnt in ihrem Schlafsack stehend einen kleinen Tanz. Grund dafür ist ein Skorpion, der sich unter ihrer Isomatte versteckt hatte. Es ist der erste Skorpion, den wir auf dem Trail gesehen haben.
Danach geht es über einen Höhenzug auf einem schönen Pfad und immer wieder netten ausblicken. Da sich die Wüste wohl gebührend von uns verabschieden möchte ist es ein weiterer heißer Tag. Für unsere Frühstückspause ist der einzige schattige Platz, den wir finden, mitten auf dem Trail. Glücklicherweise kommt niemand durch, während wir hier sitzen. Danach geht es weiter zur nächsten Wasserstelle. Eigentlich wollten wir hier nur kurz rasten, bleiben am Ende aber über zwei Stunden, da unsere Frühstückspause kurz war und wir die größte Hitze mit der stärksten Sonne abwarten wollen. Danach geht es nochmal 500 Meter einen Berg rauf und dann lange bergab. Wir wollen zu einem Campground, auf dem es Wasser geben soll. Gerade als ich an die Straße komme und zum Campground abbiegen will, ruft mich ein Mann zu sich. Es ist Monarch, ein Hiker in den Zwanzigern, der letztes Jahr auf dem Trail war und jetzt Trailmagic hier ausrichtet. Ich kann unser Glück kaum fassen, große Trailmagic zwei Tage in Folge und nach dem anstrengenden Tag sehr willkommen. Der Tag selbst war anstrengend, aber ich glaube ein großer Teil ist auch der mentale Aspekt. Alle wollen endlich Kennedy Meadows erreichen und diesen Teil des Trails abschließen. Monarch jedenfalls hat Cola und Bier, Früchte, Muffins und Croissants. Nach und nach trudeln die anderen ein. Da es laut Monarch auf dem Campingplatz kein Wasser gibt und er uns genug geben kann, damit wir die nächsten zwei Meilen zur nächsten Wasserstelle kommen, beschließen wir, hier zu campen. Wir haben einen super schönen Abend und unterhalten uns mit Monarch über den Trail, während wir Bier trinken und essen. Am Ende habe ich eine Cola, drei Bier, zwei Croissants, einen Apfel und zwei Muffins. Für einen Augenblick wird unsere Entscheidung, um 4 Uhr auf den Trail zu starten, um früh nach Kennedy Meadows zu kommen, den Vollmond für einen Nighthike zu nutzen und vor allem der Hitze zu entgehen in Frage gestellt. Am Ende bleiben wir aber dabei, was mich sehr freut. Unter dem Vollmond zu wandern verspricht eine schöne Erfahrung zu werden.
Wir laufen weiter, kommen an einer Quelle vorbei, an der wir etwas Wasser auffüllen und laufen weiter, während langsam die Sonne aufgeht. Nach dem wir den Höhenzug überwunden haben, steigen wir in ein Tal hinab, das zum ersten Mal richtig nach den Sierras aussieht. Ein weites Tal, durch das ein Fluss fließt, eingerahmt von Bergen mit schroffen Felsformationen und abwechselnd Flächen von Buschwerk und Kiefernwäldern. Es ist wieder heiß und obwohl wir es kaum erwarten können, nach Kennedy Meadows zu kommen, lassen wir uns Zeit. Am Ende haben wir es aber geschafft und als wir den kurzen Roadwalk zum Community Store hinter gebracht haben, werden wir vom Applaus der bereits anwesenden Hiker begrüßt, was ein unfassbar schönes Gefühl ist. Wir haben den ersten großen Abschnitt des PCTs, die Dessertsektion in SouthCal endgültig abgeschlossen. Wir sind 700 Meilen gewandert und jeder von uns hatte seine persönlichen Hoch- und Tiefpunkte. Und bei jedem von uns kann man bereits eine Entwicklung beobachten, denn jeder hat hier seine Themen, mit denen man sich zwangsläufig auseinandersetzt. Ich jedenfalls hoffe, dass ich meine zwei schlechtesten Tage bereits hinter mich gebracht habe und wir auch als Gruppe unsere größte Belastungsprobe bereits gemeistert haben. Bisher hat der Trail in keiner Weise enttäuscht. Die Landschaft war unheimlich abwechslungsreich und ich habe viel gesehen, dass ich vorher noch nie gesehen habe. Aber vor allem die Menschen, die ich bisher kennengelernt habe, machen den Trail zu dem, was er ist. Seien es meine Freunde, mit denen ich wandere, Trailangel, Menschen in den Trailstädten oder Fremde, die einen als Anhalter mitnehmen. Ich kann überhaupt nicht fassen, dass wir bereits ein Viertel des Trails geschafft haben und seit 40 Tagen unterwegs sind. Ich habe bereits so viel erlebt und trotzdem fühlt es sich so an, als ob ich vor gerade einmal einet Woche gestartet wäre. Ich freue mich definitiv auf alles, was noch vor uns liegt. Vor allem da SouthCal von den meisten Hikern im Rückblick als der schwächste Abschnitt des Trails bewertet wird. Es ist wieder einmal interessant, wie unfassbar viele Hiker hier sind, die ich noch nie gesehen habe.
Nachdem wir uns etwas erholt haben fahren wir mit einem Shuttle zu Grumpy Bears Retreat, dem hiesigen Pub. Vor allem für Warrior erfüllt sich ein kleiner Wunsch. Der Shuttle ist nämlich ein PickUp Truck und wir fahren auf der Ladefläche mit, obwohl das in Kalifornien verboten ist. Aber es vermittelt durchaus ein Gefühl von Freiheit und macht unfassbar Spaß. Bei Grumpy Bears gibt es den Tripple Crown Burger der aus drei Patties besteht, einem Spiegelei, Avocado, ein wenig Grünzeug und der mit Pommes und Zwiebelringen serviert wird. Da ich bereits zwei bis drei Kilo abgenommen habe und nicht wirklich sechs bis neun weitere verlieren kann, bestelle ich ihn, obwohl ich von einigen Hikern gehört habe, die ihn nicht geschafft haben. Er ist sehr gut und obwohl es eine wirklich große Portion ist, schaffe ich ihn ohne Probleme und hole mir noch einen Milkshake zum Nachtisch.
Danach geht es mit dem Shuttle zurück zum Community Store, hier können wir umsonst Campen, Waschen und Duschen. Wie immer ist es verblüffend, wie sehr sich die Stimmung hebt, nachdem man geduscht hat. Den Rest des Tages lassen wir bei einem Spaghettidinner, Bier und mit Kartenspielen ausklingen. Und wir schauen uns natürlich die Mondfinsternis an, von der ich keine Ahnung hatte, dass sie stattfindet.
