Reiseblog von Fabienne & Simon
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F: Puerto Natales und Torres del Paine

(Sorry, die meisten Fotos sind auf dem Handy (s.u.), und die bei "Reise-Internet" auf den PC laden zu wollen ist hoffnungslos.)

Puerto Natales

Die Ankunft in Puerto Natales hielt schon eine gute Überraschung bereit: die guten Hostels waren sehr gut ausgebucht. Das hatten wir bis jetzt noch nicht erlebt, normalerweise buchen wir frühestens einen Tag im vornherein und immer hatte es überall genügend Platz. Nun sind wir also im dünn besiedelten aber touristisch gut besuchten Patagonien angekommen. Für diesen (sowieso schon späten) Abend buchten wir also in einer schäbigen Unterkunft, Tags darauf zügelten wir ins gemütliche Singing-Lamb-Hostel.

Wir verbrachten die Tage reichlich unaufregend. Aber genau das brauchen wir von Zeit zu Zeit, damit wir verarbeiten können und wieder mit Elan und Neugierde in die nächste Etappe starten. Es gab auch noch ein paar Dinge vorzubereiten für meinen grossen Wunsch: Den O-Trek rund ums Torres-del-Paine-Massiv. Ich hatte gehört, dass wasserdichte Kleidung und Schuhe wahnsinnig wichtig seien, da mitunter täglich mit Regen zu rechnen sei. Also imprägnierten wir all unsere Regensachen penibel.

Gleich am ersten Tag in Puerto Natales trafen wir uns mit den anderen vier Schweizern wieder, es war ein lustiger Abend und Simon war überglücklich, dass er endlich wieder einmal mit zwei anderen Männern über den Durst trinken kann. ;-)
Sam, ein 27-jähriger und Simon Gisler, ca. 35, waren auf dem Schiff zusammen in der Kabine (ich glaube die teilen extra gleiche Länder zueinander ein), und mit denen hatten wir auf dem Schiff noch nicht so viel geredet. Aber an dem Abend habe ich mich gut mit Simon G. unterhalten.
Am nächsten Tag war Simon zu faul, verkatert, müde um aufzustehen und so ging ich alleine aus dem Haus und streifte durch das Städtchen. Ich suchte Imprägnierungsmittel, wollte den Preis für Wanderstöcke checken und mich einfach ein bisschen umschauen. Ich traf Sam an, der leicht angespannt durch die Stadt lief. Er hatte sich entschieden, mit Dagmar und Tobias und Simon G. (der sich schon am Tag vorher den beiden anschloss,) den W-Trek im Torres del Paine zu machen. Dafür brauchte er noch etwas Ausrüstung. Ich musste ohnehin auch in ein Ausrüstungsgeschäft, also gingen wir zusammen. Irgendwo trafen wir dann auch noch auf Simon G. und gingen am Schluss noch etwas Trinken. So war ich Stunden mit denen unterwegs.

Als ob wir auf dem Schiff nicht schon genügend geschlafen hätten, schliefen wir in diesen Tagen weiterhin recht viel. Insbesondere Simon war in ausgeprägter Hänger-Stimmung, er übertraf mich, was sehr selten vorkommt. Einmal ging ich sogar joggen, während er sich mit Age of Empires befasste. An einem Tag wollten wir noch eine kleine Wanderung machen. Wir mieteten Velos und fuhren zum Fuss des Cerro Dorotea, eigentlich die einzig mögliche Wanderung vom Dorf aus. Der Weg dahin war nicht ganz einfach zu finden, und nachdem wir eine Abzweigung auch nach der zweiten Sackgasse nicht finden konnten, drohte Simons Laune abzustürzen. Wir kletterten über einen Zaun, um auf die gesuchte Schotterpiste zu finden, wobei Simon noch einen schönen Triangel in seine Hose schränzte. Er sagte: «Pass auf, zerreiss nicht deine Hose, so wie ich gerade». Ich versuchte also nicht am Zaun anzukommen – ratsch! – im letzten Moment blieb auch ich mit dem Knie am hervorstehenden Nagel hängen. Zum Glück fand ich es ausserordentlich lustig, sodass wir nicht beide frustriert und genervt wieder umkehrten.

Am Fuss des Cerro Dorotea mussten wir in einer krummen Hütte Eintritt bezahlen. Mir schienen, die Leute Mapuche zu sein und vielleicht ist der Weg auf ihrem Privatgrundstück? Es war jedenfalls offiziell, sie sagten uns das mit dem Eintrittspreis schon im Hostel. Der Weg war schön, die Vegetation patagonisch abwechslungsreich mit Büschen, die sich mit Wiesen abwechseln und dann wieder kleinere und grössere Wäldchen. Wir durchquerten auch einen sehr jungen Wald, der vor wenigen Jahren abgebrannt sein muss, man konnte die Spuren noch sehen. Noch bevor wir auf dem Gipfel waren – welcher einfach eine Kante mit einem Sendemast und Aussicht auf die Bucht von Puerto Natales war – fing es an zu regnen und zu winden, und zwar erbarmungslos. Wir waren innert kürzester Zeit pflotschnass. Eine gute Vorahnung für die Mehrtageswanderung, dachten wir. Die Regenwand zog aber nach einer knappen Stunde vorbei und der Wind trocknete danach wenigstens die Regenjacken einigermassen ab. Als wir unten ankamen luden uns die Herren im krummen Häuschen zu einem Kaffee mit Brötchen ein, das sei im Preis inbegriffen. Wir betraten die Hütte und fanden, sofern das Geld hier bleibt, es sei doch ziemlich gut investiert. Diese Leute haben nicht viel! Aber sie gaben sich grosse Mühe uns ein rechtes zVieri zu servieren. Nach der Rückfahrt mit den Velos durch den Wind, waren bei Ankunft in Puerto Natales sogar unsere Jeans praktisch wieder trocken! Dieser Wind ist trotz Meeresnähe offenbar ziemlich trocken und lau.

Meine Sorge um mein Knie liess mich nicht los. Seit ein paar Jahren – ja ich bin auch nicht mehr zwanzig – reklamiert mein Knie in unregelmässigen Abständen bei Abstiegen, völlig unvorhersehbar aber wenn, dann heftig – ich brauchte zuletzt für den Abstieg von der Glärnischhütte, hinkend, hüpfend und stöhnend, doppelt so lang wie der Rest der Gruppe. Für die Neuntageswanderung in Huaraz kaufte ich mir deswegen bekanntlich zwei Wanderstöcke. Doch ich brauchte sie schliesslich kaum, das Knie tat brav und der eine Stock ging am dritten Tag kaputt. Deshalb machte es mich wenig an, wieder ein Paar Stöcke – diesmal zu chilenischem Preis – zu kaufen und unnütz mitzuschleppen. Aber was, WENN mein Knie weh tut, zum Beispiel auf dem langen Abstieg an Tag zwei?! Nach (natürlich) reiflichem Überlegen und Abwägen entschied ich mich dafür: Eine Knie-Bandage-Stütze, eine Rheuma-Salbe mit Diclofenac und ausreichend Ibuprofen.


Circuito Torres del Paine

Am 27.01.20 gings endlich los, ich freute mich wahnsinnig. Es ging erst am Nachmittag mit dem Bus von Puerto Natales zwei Stunden nordwärts bis zur Schiffanlegestelle am Ufer des tieftürkisen Lago Pehoe. Schon diese Farbe….! Während der Überfahrt zum Refugio Paine Grande (am Fuss des mächtigen Paine Grande) regnete es in Strömen, alle montierten ihre Regenhosen. Doch bei der Ankunft war das Ganze schon wieder vorbei. Für diese Nacht hatten wir ein Zelt reserviert, auf dem Platz gleich hinter dem Refugio. Das Refugio selbst ist eher ein Hotel, es gibt Massage-Angebote, eine Bar, und Essen in Selbstbedienung. Auf dem Weg zum Zelt blieb ich mit einer Schuhbändelschlaufe des einen Wanderschuhs (muss sich gelöst haben, ich mache immer einen Doppelknopf um genau das zu verhindern) am Häkchen vom anderen Wanderschuh hängen und unumgänglich knallte ich, ohne mich mit einem Ausfallschritt retten zu können, mit vollem Schwung mit beiden Knie aufs Kies. Ich sah Sternchen! Autsch! «Das fängt ja gut an!»

Die Nacht war ein Erlebnis für sich, es windete wie wahnsinnig. Es heulte und rüttelte am Zelt wie ich es noch nie erlebt habe. Ich war also am Morgen beeindruckt, dass das Zelt diesem Sturm Stand hielt ohne einen einzigen Hering zu verlieren. Auch der Schlafsack war schön warm, das Mätteli tiptop, alles gut. Nur meine Knie waren schön verfärbt und schön warm… :-/

Der Weg der ersten Etappe führte durch Südbuchenwäldchen, und Gebüsch, über Bächli und Brüggli, am Lago Skottsberg vorbei und mir war schon als sei ich in einem Bilderbuch gelandet. Auch wenn das Wetter grau war, der Paine Grande von Wolken verhangen, und es heftig windete. Simon zupfte beim laufen Gräsli und Blettli vom Wegrand ab, plötzlich blieb er stehen und sagt: «Oh, der riecht nach Zimt», und tatsächlich ein Busch, der sehr ähnlich aussieht wie die Südbuche, riecht stark nach Zimt, wenn man an den Blättern reibt!
Im Campamento Italiano legten wir das meiste Gepäck ab, und stiegen nur mit dem Picknick ins Valle Francés hoch, meistens durch einen wunderschön ungepflegten, recht dichten Wald. Schon bald konnte man den schön blau schimmernden Glaciar Francés sehen, der für uns statt vom grossen Paine Grande herunter mehr einfach aus dem Grau hervor zu fliessen schien. Bis wir beim Ziel, dem Mirador Britànico ankamen, windete es so kalt, dass uns beim hervorklauben des Lunchs sogleich die Klüppli abfroren. Dennoch verharrten wir ein Weilchen auf dem Aussichtspunkt, um von der «Aussicht» zwischen den schnell vorbeiziehenden Nebelschwaden wenigstens in Einzelstücken etwas erhaschen können. Schlussendlich waren wir mit den einzelnen hellen Momenten sogar ziemlich zufrieden.

Auch beim Abstieg spürte ich kaum die Unfallknie, und montierte für das Altersknie die Stütze. So kam ich tiptop unten an.

Eigentlich waren wir bei Ankunft im Italiano schon recht müde, zumal wir vermutlich schon etwa sechs Stunden unterwegs waren. Doch bis zu unserem Übernachtungsort, dem Refugio Cuernos erwarteten uns noch einmal etwa zwei. Bald erschienen diese steinernen Cuernos (span. für Hörner) in unserem Blick und das entschädigte gut für den langen Weg. Nach gut der Hälfte führte der Weg an den See (Lago Nordenskjöld) hinunter, und ich stand auf einem Kiesstrand an diesem türkis Wasser, es war unbeschreiblich schön!

Was uns hier so sehr beeindruckte, sind diese wilden Weiten ohne Spuren von menschlichem Wirtschaften. Man läuft Stunden lang und sieht keine Hütte, keine Fahnenstange, keine gemähten Felder, keine Kuh, kein Mäuerchen, kein Stacheldraht, keine Zaunpfähle – auch keine alten, längst nicht mehr benutzten. Man hört keine Kuhglocke, schon gar kein Verkehr, auch kein Handmäher und kein Summen einer Seilbahn. Man sieht auch nicht keine Strasse, keine Dächer unten im Tal, kein Kirchlein am Hang vis-à-vis. Zwar sind auf den Wanderwegen viele Menschen unterwegs, aber die Landschaft ist einfach so, wie sie schon immer war. So wie sie eben ist, wenn man sie einfach in Ruhe lässt.

Das Refugio Cuernos gab uns dann dieses gemütlich-alpine Gefühl, das wir tags zuvor vermissten. Es ist deutlich kleiner als Paine Grande und ziemlich ähnlich wie eine SAC-Hütte aufgebaut und organisiert. Ich war froh, dass ich mich entschieden hatte, die Turnschuhe mitzunehmen (danke für den Tipp, Götti!), für die Stunden in der Hütte.

Quasi als Belohnung für die lange erste Etappe wanderten wir am zweiten Tag bloss ein paar Stunden vom Cuernos zum Refugio Chileno. Das Wetter war gut, man konnte die Schichtung des Fels’ an den Cuernos besonders gut erkennen, und landschaftlich ging es genauso wundervoll weiter, wie gestern. Weite Wiesen drängten sich nun zwischen die Gebüsche, in schönen herbstlichen (für hier sind es wohl Sommer-) Farben, mit Blumen und teils hohem Gras. Irgendwo schmiegt sich die Laguna Inge zwischen rostrosten Polsterwuchs und gelbbraune Gräser, der perfekte Platz für eine Pause. Das Valle Rio Ascencio war wild und gefiel mir mega gut, mit dem schönen Gletscherbach und im unteren Teil wenig bewaldet.

Im Chileno studierten wir den angeschlagenen Wetterbericht. Für den folgenden Tag war noch einmal weniger Bewölkung angesagt, also könnte es sich lohnen zum Sonnenaufgang zum Lago Torres, dem berühmten Aussichtspunkt für die tres Torres hinaufzusteigen… In der Nacht windete es, als bliese es gleich die Hütte vom Berg. Ich erwachte mehrmals und dachte nur: «ja, das wars dann mit dem Sonnenaufgang bei den Torres.» Um 3:50 Uhr ging Simon dennoch vor die Hütte um das Wetter zu prüfen. «Sternenklarer Himmel!»

Der Wind heulte nach wie vor und es war unerwartet warm. Wir fühlten uns wie bei einem Föhnsturm in einem urner Föhntal. Der Aufstieg durch den Wald mit der Stirnlampe erforderte gute Konzentration, der Weg war nicht immer ganz offensichtlich. Nach uns startete noch eine Gruppe Franzosen und bei der Hütte sahen wir auch Gestalten, die vom Tal aus gestartet waren. Aber wir waren beim Aufstieg alleine, was ich sehr genoss. Mich erinnerte es an Cevi-Nachtübungen, so mit der Stirnlampe durch den dunklen Wald zu stolpern, aus dem es knackt und raschelt, der Wind heult, und dazwischen ungeheuer still ist.

Der obere Teil des Weges ist eher schlecht präpariert, er führt improvisiert über Fels und Geröllhalden. Es wurde schon recht hell, hinter uns leuchtete es schon rötlich am Horizont zwischen den Wolken hervor, weshalb wir uns beeilten. Der Wind pfiff weiterhin kräftig und windete immer wieder Sandtornados empor, und Staubwolken in unsere Gesichter. Es zog sich… Und dann waren wir da! Ein milchigtürkiser Gletschersee, Felswände bilden eine Arena und an deren Rand thronen die drei Türme. Wahnsinn!

Wir versuchten, ein einigermassen windgeschütztes Plätzchen zu finden, frühstückten und beobachteten das Panorama. Auf dem Seeli liess der der Wind die Wellen tanzen, und trieb immer wieder ganze Wolken aus Wassertröpfchen über die Oberfläche. Zuerst wurden die Torres in gelblichem Licht immer heller beleuchtet, und erst als es schon fast taghell war, erschien die Felswand ganz plötzlich rötlich und immer röter (allerdings vorallem die Felswand neben den Torres, vermutlich störte eine Wolke die einheitliche Beleuchtung, doch es tat dem Eindruck keinen Abbruch!). Der Zauber war recht schnell vorbei, als die Sonne sich endgültig über den Horizont gearbeitet hatte.

Und quasi genau in dem Augenblick ging die Fotokamera kaputt. Es muss Sand zwischen die Zoom-zylinder gewindet worden sein. Eigentlich wäre hier ein Zusammenbruch meinerseits zu erwarten. Wenn ich diese schöne Welt und meine so reichen Erlebnisse nicht mit Fotos festhalten kann – das stresst mich! Aber irgendwie konnte ich das ziemlich pragmatisch wegstecken, da es aussichtslos war, dieses Problem hier irgendwie lösen zu wollen. Tja. Gibts halt nur noch Handyfotos.

Als wir uns schon in der zweiten Hälfte des Abstiegs befanden, kamen uns immer mehr Leute entgegen. Immer mehr und mehr und mehr! Aha, die Busse aus Puerto Natales müssen beim Hotel/Refugio Las Torres angekommen sein und das sind die Tagestouristen. Aber diese Mengen! Plötzlich realisierten wir, wie schön einsam es mit diesen vielleicht zwanzig Personen heute morgen am Aussichtspunkt war. Simon zählte in einer Zeitspanne von 6 Minuten 64 entgegenkommende Leute! (Zugegeben, es gab auch Minuten in denen wir niemanden kreuzten, aber das gibt dennoch ein horrender Durchschnitt).

Das Wetter war unterdessen fast windstill, strahlend blau und sehr warm. Wir legten uns am Wegrand in die Sonne und packten den Lunch aus. Ich war überglücklich, im warmen Gras, in einer bilderbuchhaften Natur, mit Simon, im Sonnenschein… es hätte nichts besser sein können. Und genauso kernglücklich ging der Tag weiter.

Las Torres ist mehr ein Hotel als eine Alphütte, und weil wir ja so früh aufgestanden waren, waren wir früh angekommen. So gönnten wir uns zuerst eine Dusche, wuschen die T-Shirts und fläzten dann den ganzen Nachmittag in der Sonne vor dem Haus. Ein Hase hoppelte vorbei. Gegen vier bestellten wir ein Glas Rosé und waren uns einig, dass es nicht schöner sein könnte.

Die folgenden zwei Etappen waren beide recht flach und auch nicht allzu weit. Und ich genoss sie so sehr! Diese Landschaft – bei weiterhin strahlendem Wetter – wirkt auf mich wie Drogen. Es wirkte alles so lieblich, als würde gleich auf dem nächsten Stein ein Zwergli höcklen und so das Märchen vollenden. (Wobei in Wirklichkeit hier nachts Füchse Hasen reissen und tagsüber Eidechsen Libellen bei lebendigem Leib verspeisen). Högerige Weiten von kurzem Gras mit Polsterwuchs und kleinen buckeligen Büschen, einzelnen, knorrigen Bäumen. Dann ein Wäldchen, mit viel, viel Totholz. Ganze Bäume liegen am Boden, haufenweise totes Geäst, moosüberwachsene uralte Holzreste. Ein Traum für all die Klein- und Kleinstlebewesen. Bald hinter Las Torres kommt der Rio Paine dazu, ein grosser, breiter und dennoch trübe und türkis wie Gletschermilch. Das kenne ich sonst nur von kleineren Gletscherbächen und - Seen. Er fliesst langsam und stark mäandernd durch das minime Gefälle des breiten Tals. Und es sah so schön aus, wie dieser breite türkise Streifen sich durch die rostrote, dunkelgelbe und dunkelgrüne Landschaft schlängelt. In den ebenen Flächen im weiten Tal des Rio Paine breiteten sich Wiesen mit brusthohem, herbstgelben Gras aus, das im Wind wiegelte; mitten drin ein alter Baum, Margriten und andere Blumen. Ich kam mir vor wie Yakari, der Indianerjunge aus dem Comic. Als streifte ich durch eine endlose, vollkommen intakte und unwirklich schöne, idyllische Natur.

Das Campamento Serón ist ein Zeltplatz mit einer winzigen Hütte als Essraum. Seit Las Torres waren schon deutlich weniger Leute unterwegs. Denn auf dieser Strecke bewegen sich fast nur noch die, die den ganzen Circuit machen. Simon schätzte dies enorm, ihm war es bisher eher etwas zu organisiert und institutionalisiert zu und her gegangen. Ich hatte so sehr damit gerechnet, und mich so darauf eingestellt, dass mit Einsamkeit und Selbstversorgergefühlen hier gar nichts ist, dass ich sogar eher überrascht war, dass es nicht noch überlaufener war.

Seit dem Abstieg tags zuvor schmerzte Simons Knie. Bei der Ankunft im Serón war es nun auch geschwollen, warm und tat ihm ziemlich weh. Die mega netten Hüttenwarte hier gaben uns Eiswürfel zum Kühlen. Anschliessend kam mein super Knie-Rettungs-Kit zum Einsatz. Was für ein Glück rannte ich von Pontius bis Pilatus um das zusammen zu kramen, und brauchte es selbst gar nicht! Denn Simon war für den Rest der Wanderung nur noch mit der Kniebandage unterwegs, und machte eine Ibuprofentherapie.

Beim Abendessen trafen wir eine Führerin, die ein australisches Paar als Gäste hatte. Sie erzählte sehr interessantes über den Nationalpark. Diese nordöstlichen, flachen Gebiete des heutigen Nationalparks gehören einer Einwandererfamilie aus Kroatien, die früher hier Estancias (Schaffarmen) hatte. Eine Estancia war genau hier, und wurde von Señor Serón geführt. Nach Errichtung des Parks gründete die Familie die Firma Fantástico Sur (bei denen wir das Trek-Package mit allen Übernachtungen buchten) und diese betreibt vier Refugios im Park (und macht damit eine richtig gute Menge Geld). Die anderen Hütten sind staatlich und werden als Konzession für einige Jahre an einen Betreiber vergeben, im Moment Vertice. Die kostenlosen und sehr einfachen Zeltplätze werden von CONAF, dem Staat direkt betrieben.

Die bereits fünfte Etappe, von Serón nach Camp Dickson, war wie gesagt, ebenfalls eine eher kurze, flache Strecke und Landschaftlich ging es genauso weiter wie tags zuvor. Es kam stellenweise noch ein toller Blick auf den Dicksongletscher dazu. Mir war in dieser traumhaften Natur weiterhin super leicht um mein Yakari-Herz.

In der Nacht regnete es schauerweise, aber der letzte ging pünktlich zum Frühstück nieder und dann wurde es im Laufe des Tages nur noch besser. Aber es windete etwas kräftiger. Ich legte mir deshalb eine neue, sehr empfehlenswerte Anziehstrategie zu: Die Regenjacke verkehrt anziehen (mit der Rückenseite am Bauch) und mit den Armen aus den Lüftungslöchern unter den Achseln heraus. So schützt man sich perfekt vor dem Wind und hat doch nicht zu heiss. :-P

Im Dickson hatten wir ein winziges Zimmerchen für uns alleine. Als wir uns einrichteten und eine kleine Siesta machten, prasselte wieder ein Schauer nieder. Wir wurden edel verschont, bis jetzt mussten wir noch kaum bei Regen wandern. Die Dusche im Camp sei gerade diesen Vormittag zu Bruch gegangen (der Wassertank), hiess es. Das brachte tatsächlich meinen Haarwaschplan etwas durcheinander, denn wie mir andere sagten, gebe es im nächsten Camp nur kaltes Wasser.

Beim zNacht lernten wir die Schweizer Dani und Sandra aus Aarau kennen, ein sympathisches Paar, mit denen wir uns in den nächsten Tagen gut unterhielten.

Die Etappe nach Los Perros war sehr kurz und wir beeilten uns deshalb am Morgen nicht. Der Weg verlief praktisch durchgehend im Wald. Wie immer, alles über und über voller Flechten und Moose. Allgemein war der Wald hier feuchter und etwas üppiger als auf der Ostseite. Wir sahen viele Vögel, zum Teil sehr schöne, mit roten und gelben Bäuchen. Und den Specht mit dem roten Kopf! Der Wald änderte sich ständig, von feuchten Senken mit hohem Gras und sumpfigem Boden, dann wieder felsigere Stellen, ein Bachbett mit glasklarem Wasser oder lockerer Bestand, mit viel Gebüsch. Einmal tat sich der Wald plötzlich auf und es zeigte sich ein wunderschönes kleines Hochmoor.

Kurz vor dem Ziel verlässt man den Wald und der Weg führt auf eine ehemalige Endmoräne hinauf. Dahinter liegt ein kleiner Gletschersee und darüber ein kleiner Hängegletscher. Hätte es nur nicht so fies gewindet, hätte ich hier Stunden verweilen können.

Das Campamento Los Perros liegt als einziges im Wald. Die Wege waren pflotschig und die Zelte feucht, mir gefiel es nicht so sehr, dort. Der Aufenthaltsraum war kahl und kühl, aber das Essen war sehr gut und der Koch mega nett.

Die siebte Etappe war die längste. Sie führte über den John Garner Pass, was ein Aufstieg von knapp 800 Meter bedeutete, ein Abstieg zum Campamento Grey von 1100 Meter, eine Gesamtdistanz von 14km. Wir starteten wir um 7 Uhr. Der erste Teil führte durch die gleiche Art von Wald wie gestern; voller Flechten, viel Totholz, Unterholz, Gebüsch und Farn, eher dicht und dadurch etwas dunkel, feucht-kühl und fast mystisch. Der Weg war etwas mühsam, weil es sumpfig war, glitschig und man häufig Stellen umgehen musste.
Für mich war der Wald etwas zu düster, aber Simon gefiel dieser tiefe Urwald sehr gut. Nach der Baumgrenze geht der Weg in eine alpinere Umgebung über, das Gelände Fels und Geröll, was mir dann sehr gefiel. Links sah man die hohen, weissen Gipfel Cerro Blanco Sur (& Co?), Hänge voller Geröllschutt. Auf der rechten Seite blickt man direkt an den Gletscher am Cerro Condor. Und geradeaus schlängelte sich der Weg zum Paso John Garner. Aus dem Geröll sickerte Wasser zu einem glasklaren Bach, wo wir unsere Feldflaschen füllten – es gibt kein feineres Wasser!

Sobald man den Garnerpass erreicht tut sich einem ein herrliches Panorama auf! Unter mir die eeeewig lange Greygletscherzunge und dahinter ein fröhliches Gezacke von vielen, vielen weiteren, weissen patagonischen Gipfeln. Der Wind blies kräftig und kühl, wobei er hiernscheints oft noch viel wüster wütet, wir verweilten aber dennoch nicht allzu lange. Es folgte ein sehr schöner Abstieg mit stetem Blick auf den Gletscher – wunderschön! Auch unten im Wald konnte man zwischen den Bäumen immer wieder das Eis erspähen.

Der Abstieg zog sich sehr in die Länge. Und der arme Simon hatte Knieweh und legte den ganzen Weg hinkend zurück. Ausserdem hatten wir beide natürlich schon auch ein bisschen müde Füsse von den vielen Tagen wandern. Aber die immer wieder kehrenden Aussichtspunkte auf den Gletscher – nun auch «von vorne», wo er im Lago Grey endet – und diese Friedlichkeit im idyllischen Wald konnten viel entschädigen. Ganz besonders schön war die Aussicht auf die kleine Bucht im Lago Grey wo sich grosse und kleine Eisberge stauen.

Das Campo Grey war wieder näher bei einem Hotel, aber in einem hübschen, rustikalen Stil. Wir waren darüber auch nicht unglücklich :-). Ich gönnte mir eine heisse Dusche und frische Kleider, und dann ruhten wir uns in der Lounge vorne aus. Wir trafen wieder die Schweizer und hatten einen guten Abend zusammen. Daniel hat sein Camperbüssli vollständig selbst gebaut. Er hat einen Pickup gekauft und darauf die vollständige Ausstattung eines Campers gebaut, auch das Gehäuse!

Der letzte Tag war wie eine Zusammenfassung des ganzen Parks. Wir wanderten noch einmal vorbei an kleinen Seen, hatten eine herrliche Aussicht auf den Lago Grey, der Weg führte durch Wälder und über Wiesen mit hohem Gras, über Matten von Gebüsch und Tundraflora, über Stock und Stein. Und wieder versank ich fast in dem Anblick, weil es einfach so unbeschreiblich lieblich und ungestört friedlich aussieht – und das auch irgendwie ausstrahlt. Ich fühle mich in solcher Umgebung immer so ruhig und zufrieden.
Die Strecke hinunter zum Paine Grande, von wo das Schiff erst um 18 Uhr losfuhr, war so kurz, dass wir bis und mit zMittag im Grey bleiben konnten. So schliefen wir etwas aus, und genossen ein paar gemütliche Stunden mit #12 App etc. 

Simon war froh, dass wir fertig sind. Ihm gefiel die Natur sehr, aber weniger dass alles so genau geregelt ist, die Leute so viel Geld mit den Touristen hier verdienen. Er wäre lieber irgendwo wild campieren gegangen. Und ihm tat das Knie weh und war es ein bisschen leid, damit herum zu humpeln.

Wir querten auch wieder die vielen toten, glatten, grauen Baumstämme, die vom Waldbrand zurück geblieben waren. An manchen sah man auch noch verkohlte Stellen. Der Brand wurde von wild zeltenden Wanderern verursacht. Daraufhin wurde das wild campieren im Park verboten. Ich verstehe das.

Im Laufe des Nachmittags klärte dass Wetter auf. Die Wolkendecke bekam Löcher, die immer grösser wurden… Bei der Ankunft im Hotel Paine Grande konnten wir unseren ersten Blick auf den Berg Paine Grande werfen, bei der Ankunft vor acht Tagen steckte er ja in den Wolken. Wir hatten noch etwa zwei Stunden bis zur Abfahrt des letzten Katamarans. Und für diese Zeit setzten wir uns in die Bar, wo wir natürlich wieder Dani und Sandra trafen, unterhielten uns, bestellten eine Pizza und gönnten uns ein kühles Bier!

Unterdessen entwickelte sich draussen wahrhaftiges Bombenwetter. Die schon recht flach stehende Sonne leuchtete mit warmem Licht, die letzten Wolken verzogen sich und der Lago Pehoe war so kräftig türkis als leuchte er von innen heraus. Was für ein Abschied! Auf dem Katamaran verbrachte ich praktisch die ganze Zeit auf dem Dach und staunte sprachlos in die Kulisse, die wir verliessen.

Klar, kann man das nie sagen, aber während dieser Woche fühlte es sich an, als hätte ich meinem Leben noch nie etwas so schönes gesehen, wie diese Landschaften im Torres del Paine.

Chile

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Kommentare

Peter
Und was ist mit diesen Platzhaltern?