28.03.26 San José – Alles kommt anders (Teil I)
Eines steht bereits fest. Was diesen Tag betrifft, blicke ich wirklich nicht gerne zurück. Denn noch immer löst er in mir sehr viel aus. Gleichzeitig weiß ich, dass es wic


Veröffentlicht: 22.04.2026
Nach einem kurzen Stopp im Hotel brechen wir vier direkt wieder auf. Wir verlassen die Straße in der unser Hotel Fleur de Lys liegt und biegen links auf eine stärker befahrene Straße, der Av. del Libertador Juan Rafael Mora Porras, ein. Hier sieht man viele Autos, Busse und Lastwagen, und auch die Seitenwege weisen viel mehr Fußgänger auf. Eben richtiges „Großstadttreiben“.
Wir laufen einige Meter und müssen dann, obwohl wir auf derselben Seite bleiben, eine zuführende Straße ohne Ampelschaltung, überqueren. Mir fällt auf, dass die Bürgersteige hier, im Vergleich zur befahrenen Straße, recht hoch und teilweise unterschiedlich gut ausgebaut sind. Teilweise sieht man hier auch größere Löcher, die nicht ausreichend abgedeckt sind. Ich frage mich, wie hier Mütter mit Kinderwagen bzw. ältere Menschen mit Gehbehinderungen zurechtkommen? Meine Gedanken verfliegen aber direkt wieder. Hin zum nächsten Ziel und Kaffee. Kaffee auf die Eins. Wir kommen an so einigen Menschen vorbei. Dann müssen wir jedoch auf die rechte Straßenseite wechseln, weswegen wir an einer Kreuzung mit Ampelschaltung halten. Hier passieren wir dann die große Straße. Wir laufen weiter und die Av. geht in die Carr. Interamericana Sur über. Noch einmal müssen wir zwei zuführende Straßen überqueren. Wir sind derweil schätzungsweise an die zehn bis fünfzehn Minuten unterwegs. Ich verlasse mich auf meine Gruppe bzw. auf die Navigation einer Mitreisenden.
Mir ist danach auf mein Handy zu sehen, warum genau, kann ich rückblickend nicht genau sagen. Vielleicht wollte ich die Uhrzeit wissen. Evtl. wollte ich etwas fotografieren. Sonst konnte ich während der Reise, also abseits von Unterkünften, gar nicht so viel am Handy machen, weil ich, anders als viele Mitreisende, keine eSim habe. Somit für mich kein Datemroaming im Ausland. An sich war das bis hier hin auch okay. Meine Meinung hierüber habe ich nun aber grundlegend geändert. Warum, erzähle ich euch im Verlauf. Ich greife also nach meiner Schultertasche, um diese zu öffnen und bemerke gleichzeitig, dass diese offen ist. Panik durchfährt meinen gesamten Körper. Meine Gedanken überschlagen sich. Warum ist die Tasche offen? Gleichzeitig schellt mein Blutdruck in die Höhe und mein Herz pocht. Ich realisiere folgend, dass mein gelbes Portemonnaie fehlt. Parallel sage ich zu den Anderen, die wenige Meter vor mir laufen: ,,Moment, wartet mal kurz – hier stimmt etwas nicht.“ Die anderen Mädels bleiben sofort stehen und sind irritiert von meinem Satz. Ich fühle mich wie gelähmt. Sie fragen mich, was passiert sei und ich sage ihnen, dass meine Börse nicht mehr da ist. Irritation und Entsetzen zugleich. Meine Tasche ist nicht sonderlich groß. Erneut prüfe ich den Inhalt. Mir fällt wieder ein, was ich vor hatte. Auf mein Handy schauen – das war’s! Das Handy und der Reisepass sind noch da, aber von der Börse keine Spur. Hilflosigkeit. Nicht nur bei mir – sondern auch bei den anderen. Wie konnte das passieren? Wie ist das bloß möglich? Wie kommt das zusammen? Habe die Tasche nah an meinem Körper getragen, bloß nicht vor meinem Bauch, sondern auf meinem Rücken. Ich denke mir, dass hätte ich doch bemerken müssen!
Ich beschließe hastig, ich muss den Weg zurückgehen. Ich kann nicht mit zum Café des Nationaltheaters gehen, so sehr ich mir das auch wünsche. Gleichzeitig habe ich Angst davor, mich alleine in der Stadt zu bewegen und den Rückweg zum Hotel anzutreten. Doch so kommt es, weil niemand der anderen sagt, ich oder wir begleite/n dich.
Ich frage mich noch immer, wieso das so war? Parallel steigt in mir so eine Wut auf, weil ich mein Bedürfnis bzw. meinen Wunsch, nach Begleitung, nicht "extra" kommunizieren will. Ich denke mir, darauf muss man doch wohl kommen! Ist das nicht an sich eine Selbstverständlichkeit? Ich bin unnötig stur, was bedeutet, dass sich hier unsere Wege trennen, was man, in meinen Augen, egal zu welcher Tageszeit, in einer Großstadt nicht tun sollte! Zumal ich auch die Person bin, die keine mobile Daten hat. Natürlich kann man sich diese spontan über den mobilen Anbieter dazu buchen, aber falls es mal schnell gehen muss, steht man dann da. So wie ich nun. Mit etwas Abstand betrachtet, weiß ich, dass dieser Moment für uns alle eine Ausnahmesituation war! Ich glaube auch, dass mir in dieser Situation nicht zu helfen war. Keine Ahnung. Mauer eben hochgezogen. Was muss ich jetzt machen? Geldkarten sperren! Das sollte schnell gehen, besonders mit Blick auf meine Kreditkarte. Mein wichtigstes To-Do. Was brauche ich dafür? Internetzugang bzw. muss ich telefonieren. Weiteres Problem. Wichtige Handynummern befinden sich in meinem Rucksack. Wo steht dieser? Im Frühstücksraum des Hotels. Ich könnte schreien. Also, bitte daran denken. Wichtige Telefonnummern direkt ins Handy einspeichern oder auf einen Zettel notieren.
Die drei Mädels gehen weiter. Wir verbleiben so, dass ich mich aus dem Hotel, wo ich wieder WLAN-Zugang habe, bei ihnen melde. Ich trete den Rückweg an. Gehe exakt dieselbe Strecke zurück und suche jeden Winkel ab. Schaue mir jeden Bordstein und jede Kante an. Sehe in die Löcher hinein. Ich sage euch, in so einer Extremsituation wächst man über sich hinaus. Doch ich kann nichts finden. Nichts. Mich spricht auch niemand an. So gehe ich vor, bis ich wieder am Hotel ankomme. Was mache ich jetzt? Ich spreche eine junge Frau vom Hotelpersonal an und auch diese ist mit der Situation überfordert. Alle sind überfordert. Die Sprachbarriere macht es nicht unbedingt leichter, aber ich bin mir sicher, dass sie mich verstanden hat. Ich lasse mir den Frühstücksraum aufschließen, um dort bei meinem Gepäck nachzusehen, ob ich die Börse dagelassen habe, obwohl ich mir sehr sicher bin, dass dies nicht der Fall ist. Fehlanzeige. Ich vergesse in dem Moment, die notwendigen Kontakte aus meinem Rucksack zu holen. Die Mitarbeiterin schließt wieder ab. Mein Zimmer, aus dem ich ja schon ausgecheckt bin, wird parallel kontrolliert. Jede Option in Betracht gezogen. Ich suche den Flur und die unten liegende Toilette ab. Aber auch hier nichts. Der Druck wird immer größer. Ich muss jetzt wirklich Kontakt zu meiner Bank aufnehmen. Dann fällt mir auf, dass ich ja immer noch die Telefonnummern benötige, weswegen ich mir erneut den Frühstücksraum, der jetzt quasi als Gepäcklager fungiert, aufschließen lassen muss. Ich denke mir, was hinterlasse ich hier bloß für einen Eindruck. Vielleicht ist der Frühstücks-Vs.-Gepäckraum doch gar kein so verkehrter Ort gewesen!
Ich nehme in der Lobby Platz und tippe mit zittrigen Händen die Nummer meiner Bank – zur Kartensperrung – ein und rufe an. Doch es kommt nur eine spanische Durchsage, die ich dummerweise nicht verstehe bzw. einordnen kann. Vermutlich habe ich die falsche Vorwahl, sodass mein Anruf nicht durchkommt. Jetzt ist der Punkt, an dem ich meine Emotionen nicht mehr kontrollieren kann. Der Damm bricht nun und die Tränen laufen – und wie. Ich fühle mich elendig, klein und verloren und das Alleinsein in bzw. mit dieser Situation überfordert mich total. Aber sind wir Menschen da nicht alle ähnlich unterwegs? Mit Dingen, bei denen uns die Routine fehlt? Ich wähle die Nummer meines ehemaligen Lebenspartners, von dem ich schon länger getrennt lebe. Da ist noch immer dieses vertraute Gefühl, wenn ich einmal wirklich Hilfe brauche – oder nach wie vor eine Art von Abhängigkeit? Weiß mir nicht anders zu helfen und bin so erleichtert, als er abnimmt. Ich formuliere meine dringende Bitte, ob er parallel bei meiner Bank anrufen kann, um meine Karten sperren zu lassen. ,,Bitte wenigstens versuchen, sage ich“. Großes Gefühlschaos. Das kann ich ziemlich gut, leider. Er fragt mich, wo denn unser Reiseleiter ist, und sagt mir, dass ich mich an diesen wenden soll. Aber das hilft mir in der Situation überhaupt gar nicht weiter. Denn wo Jefrey ist, weiß ich auch nicht. Und während der letzten 3 Reisetage, hat sich das Gefühl von einer Gruppenreise irgendwie auch aufgelöst. Ich denke mir, ich habe jetzt keine Zeit Jefrey anzurufen – ich muss doch meine Karten sperren! Er gibt mir den Hinweis, dass ich es im Online Banking versuchen soll. Ich lege auf und hoffe parallel, dass er für mich anruft. Ob er dies getan hat, weiß ich bis heute nicht, weil wir nicht mehr gut miteinander kommunizieren können. Ich logge mich ein und tatsächlich bekomme ich es hin. Alle Karten sind gesperrt und ich mache Screenshots. Sicher ist sicher.
Ich überlege in Windeseile; was muss ich jetzt machen? Ich denke nach, was sich alles im Portemonnaie befunden hat. Personalausweis, Versicherungskarte. Zum Glück kein Bargeld mehr; ein paar wenige Colónes-Münzen und wenn überhaupt 2-3 Euro. Nicht relevante Notizen. Ich google und lese, dass man auch den Verlust des Personalausweises polizeilich melden muss. Ich denke nach und beschließe, dass ich dies, aufgrund der geringen zeitlichen Ressource, direkt nach meiner Ankunft in Deutschland machen werde. Die Mitarbeiterin im Hotel kommt noch einmal auf mich zu. Im Zimmer wurde nichts gefunden. Das war mir aber eigentlich klar. In der Zwischenzeit konnte ich noch einmal überlegen, was ich in der der letzten Stunde unternommen bzw. bezahlt habe. Es ist jetzt ungefähr – schätzungsweise – 13:00 Uhr. Ich sehe, dass mich Nachrichten per WhatsApp erreicht haben. Die Kleingruppe nimmt Kontakt zu mir auf. Sie berichten, dass sie nochmal im Café, in dem wir zusammen waren, geguckt und nachgefragt haben und ebenfalls nochmal im Supermarkt waren. Und dass sie nicht zum Nationaltheater bzw. in das Café gegangen sind. Ich bin gar nicht dazu in der Lage, auf das kurze Gespräch einzugehen. Antworte, dass die Bankkarten gesperrt sind.
Ich entscheide mich dazu, die Strecke noch einmal abzulaufen und dem Ganzen eine zweite Chance zu geben. Versuche noch genauer hinzusehen – mit neuer Konzentration und neuem Mut. Doch leider erneut Fehlanzeige und kein Erfolg. Ich muss die Zeit im Auge behalten, da wir um 14:00 Uhr alle wieder zurück im Hotel sein müssen. Auf einmal wird mir bewusst, was noch in der Börse war. Mein loser Wohnungsschlüssel. Doch dass der Verlust des Schlüssels nachfolgend zu einem wesentlich größeren Problem wird, daran denke ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht! Was jetzt tun? Welche Option gibt es noch? Ich beschließe ebenfalls noch einmal in den Supermarkt zu gehen und dort gezielt jemanden vom Personal anzusprechen. Ich komme an und sehe Polizei, vermutlich eher den Sicherheitsdienst/die Security. Ich atme durch und auf geht’s. Ich spreche den Mann an, vermutlich in einem ähnlichen Alter wie ich, frage ihn, ob er Englisch spricht, was er leider verneint. Doch er bringt mich zu einem Mitarbeiter an einer Kasse, der etwas Englisch spricht. Ich schildere diesem kurz die Situation. Dass ich vor kurzer Zeit im Markt war und an welcher Kasse ich etwas eingekauft habe. Da ich die Kasse und den ungefähren Zeitpunkt benennen kann, passiert etwas total Verrücktes. Im Hintergrund wird die Videoaufnahme gecheckt, die mir der Sicherheitsdienst kurze Zeit später auf einem Tablet zeigt. Dort sieht man mich, wie ich an der Kasse bezahle, mein Portemonnaie in meine Schultertasche packe, den kleinen Einkauf unter den Arm geklemmt, und mit meiner Gruppe den Supermarkt verlasse. Das war auch mein Bauchgefühl, dass die Börse nach dem kurzen Aufenthalt im Hotel entwendet wurde. Dennoch, dass man mir im Supermarkt so gut weitergeholfen hat, berührt mich ungemein. Ich möchte ein großes Dankeschön aussprechen! <3
Ich beschließe an dieser Stelle, es dabei zu belassen. Ich gebe auf. Ich gehe denselben Weg vom Supermarkt zum Hotel zurück, wie nach unserem Einkauf und suche hier nochmal alles ab. Aber auch hier leider nichts. Ich komme total erschöpft und verschwitzt im Hotel an, ca. 13:30 Uhr. Die Gruppe, in der ich unterwegs war, ist nun auch wieder zurück und auch ein paar andere Mitreisende. Irgendwie ist die Stimmung total komisch und ich gebe den 3 Mädels ein kleines Update. Ich setze mich zu ihnen in die Lobby bis unsere Gruppe wieder vollständig ist. Ich fühle mich hilflos. Jefrey ist nun auch wieder da. Ich sitze in einem Sessel und wieder kullern die Tränen. Ich spreche kurz mit Jef, der mit der Situation irgendwie auch ziemlich überfordert ist. Er wendet sich auch nochmal an das Hotelpersonal, aber es gibt keine neuen Informationen. Das Pärchen aus Frankfurt hat derweil auch mitbekommen, was passiert ist. Sie schauen mich mit großen und traurigen Augen an. Ich halte es nicht mehr aus und spreche die Frau des Frankfurters direkt an, ob sie mich mal in den Arm nehmen kann, was sie bejaht, und erneut bricht mein Damm. Diese Umarmung tut mir unendlich gut!
Das Gepäck wird nun in unseren Bus eingeladen und mittlerweile hat sich in der gesamten Gruppe herumgesprochen, was passiert ist. Ich nehme Platz auf meiner Rückbank, wo bereits die Münchnerin sitzt. Auch sie ist sehr betroffen, so mein Gefühl. Wir brauchen eine Weile bis wir am Flughafen ankommen. Während der Fahrt denke ich nach und die Tränen laufen und laufen. Ich finde irgendwie gar keine Zuversicht mehr. Taschentücher werden gereicht und auf einmal spricht mich eine Mitreisende - die Berlinerin, eine Sitzreihe schräg vor mir, an und drückt mir einen größeren Geldschein in die Hand. Und ich bin dankbar und sprachlos zugleich. Und mir wird bewusst, dass ich zwar zum Glück mein Zugticket (Rail & Fly) habe, aber nun erstmal komplett ohne Bargeld und auch ohne Option bin, Geld am Schalter abzuholen. Es ist die Mitreisende, für die ich während unserer Reise Colónes abgehoben habe (ihre Kreditkarte machte hierbei Probleme), da wir einige Dinge nur Cash bezahlen konnten. Sie sagt: ,,Kopf hoch, das wird schon wieder – du hast mir auch ausgeholfen!“ Und ich bin tief berührt. Tausende Gedanken in meinem Kopf. Ich denke darüber nach, wieviel Glück ich gehabt habe, dass mein Reisepass noch da ist. Wäre der Reisepass ebenfalls entwendet worden, hätte die ganze Lage viel dramatischer ausgesehen. Allein der Gedanke daran, erschreckt mich sehr. Ich denke daran, dass ich noch einen Wohnungsschlüssel bei einem Freund und Nachbarn hinterlegt habe. Jedoch wird mir bewusst, dass dieser aktuell nicht in Hamburg ist. Und wieder dreht sich mein Magen um. Dann fällt mir aber ein, dass ein weiterer Schlüssel bei meinen Eltern hinterlegt ist und ich atme auf.
Leider kommen wir schon sehr früh (ungefähr gegen 15:00 Uhr) am Flughafen an. Hier wird es noch einmal sehr emotional, denn wir bedanken uns bei Viktor, unserem Fahrer. Auch für ihn haben wir Geld gesammelt und ein Gruppenmitglied spricht stellvertretend für uns und überreicht Viktor den Umschlag. Er ist sehr gerührt. Wie auch Jefrey am Vorabend im Sloth Coffee Shop. Dort haben wir nämlich Jef überrascht. Viktor konnte beim gestrigen Abend leider nicht dabei sein. Wir alle verabschieden uns mit herzlicher Umarmung von den beiden und in diesem Moment endet die gemeinsame Reise mit ihnen. Jefrey spricht mir gegenüber noch einmal sein Mitgefühl aus. Die Sonne scheint und es ist ganz warm. Die Gruppe betritt gemeinsam den Flughafen. Da wir so früh da sind, hat noch kein Lufthansa-Schalter zur Gepäckaufgabe geöffnet. Also suchen wir uns in einem Cafébereich freie Plätze. Ich werde wieder aufmerksam von der Berlinerin angesprochen, dass ich mich melden soll, wenn ich etwas trinken oder essen möchte. Jedoch ist mir die ganze Situation einfach nur unangenehm. Ich bin nach wie vor vollkommen überfordert. Zwar etwas ruhiger, aber dennoch stehe ich neben mir. Am Platz, auf dem ich sitze, gibt es direkt eine Steckdose. Ich lade erstmal meinen Handyakku. Logge mich ins Flughafen-WLAN ein und schaue nochmal im Online-Banking nach. Bis zum Abflug um kurz vor 21:00 Uhr werde ich dies noch häufig tun. Ich recherchiere noch einmal zum Personalausweis. Und ich habe Angst, ob in der kurzen Zeit, irgendeine Art von Missbrauch möglich ist. Ich habe Sorge vor der Ausreise und schiebe innerlich die totale Paranoia. Das bringt einfach gar nichts und zieht nur weitere Energie. Ich verbringe die Wartezeit damit, erste Mails rauszuschicken. Unter anderem an meine Krankenkasse. Ich werde zeitnah einige, neue Karten brauchen. Ich tausche mich mit meinen Eltern aus und informiere sie über die aktuelle Situation. Ich kühle etwas runter. Wie lange wir dort sitzen, kann ich gar nicht mehr sagen, aber bestimmt so an die zwei Stunden.
Nun geht es los, denn der Lufthansa-Schalter öffnet jetzt. Hier ist alles gut organisiert und es geht zügig voran. Ich atme noch einmal tief durch und als ich an der Reihe bin, lege ich meinen Reisepass vor. Das klappt gut. Als ich meinen Koffer aufs Band stelle, schellt mein Puls noch einmal an die Decke, da ich über 1,5 kg Übergewicht habe und ich hierüber einfach nur fassungslos bin. Wie schafft man es, dass 23 kg Gepäck nicht ausreichen? Doch! Ich schaffe das und ich schäme mich in Grund und Boden hierfür. Klar, während der Reise hat es mir an nichts gefehlt und kleidungstechnisch hätte ich meine gesamte Gruppe mit ausstatten können. Aber kein Mensch, mich eingeschlossen, braucht so viel Kleidung. Überall gab es die Möglichkeit, Kleidung vor Ort abzugeben und diese waschen zu lassen. Ich denke an den Song „Leichtes Gepäck“ von Silbermond und sage mir innerlich, beim nächsten Mal mache ich es besser. So vieles wusste ich "eigentlich" bereits vor dieser Reise. Vieles lernt und versteht man aber erst wirklich, wenn man es selbst erlebt hat. Am eigenen Leibe. Ein Glück sagt die Mitarbeiterin am Schalter nichts. Und ich denke mir nur so, Übergepäck hätte ich gar nicht bezahlen können :-). Keine Bankkarten mehr. Ich hätte ihr höchstens den 100 Euro-Schein, den ich mir geborgt habe, auf den Tresen legen können.
Weiter geht es zur Sicherheitskontrolle. Hier wird der Reisepass noch einmal geprüft und unterzeichnet. Ich atme auf und denke mir, ich kann heute Abend mit den anderen zusammen nach Hause fliegen und muss nicht alleine hier bleiben, oder mir einen neuen Flug organisieren. Und wieder empfinde ich tiefe Dankbarkeit. Alles klappt reibungslos. Und während die anderen sich in zahlreichen Shops verlieren, sich die Zeit auf unterschiedliche Art und Weise vertreiben, führt mein Weg mich schnurstracks zum Gate in den Sitzbereich. Dort sitze ich lange und starre einfach nur durch die Gegend. Und versuche mich zu erholen, von dem Vormittag. Ich brauche nichts. Ich habe meine Trinkflasche, die ich hier am Wasserspender auffüllen kann. Und ich reflektiere für mich, dass man nicht immer alles im vollen Überfluss haben muss. Ich kann auch mal ein paar Stunden ohne Essen auskommen, außerdem habe ich auch noch ein paar Kekse im Rucksack. Vollkommen ausreichend. Im Flugzeug wird es, mehr als ich brauche, geben. Am späten Nachmittag passiert dann etwas sehr Besonderes, was ich erstmal einordnen muss. Ich sehe eine Mail in meinem Postfach. Ich habe eine Info bekommen, dass mir jemand eine Nachricht über meinen Reiseblog zukommen lassen hat. Ich öffne den Blog und finde unter meinem letzten Post eine Nachricht von Natalia <3
Dear Natalia,
If you happen to read this, I want you to know that I thank you from the bottom of my heart for your post. I deleted it immediately after reading your message because it contained your phone number, which I absolutely wanted to keep private. I want to tell you how much it helped me that you reached out, and I wish there were more honest people like you. It was so thoughtful of you to seek me out and contact me. Thank you for our conversation and the sense of security you gave me. I had a wonderful time in Costa Rica, and I will always associate this trip with the memory of you. Please also thank your friend who found me on Instagram for me. I wish you and your families all the best! And if you ever come to Germany and happen to be in Hamburg, please get in touch!
Für alle anderen Lesenden. Was ist passiert? Natalia hat in einem öffentlichen Bus in San José, in den sie gestiegen ist, den ich aber nie benutzt habe, meine beiden Bankkarten gefunden. Dort lagen sie wohl lose auf einem Sitz. Sie nahm diese an sich und hat mich daraufhin kontaktiert. Natalia lebt in San José. Leider fehlt von dem Rest meiner Börse weiterhin jede Spur. Aber zu wissen, dass wenigstens die Karten, die zwar längst gesperrt waren, nicht ziellos in der Welt herumliegen, beruhigt mich etwas. Und es bestätigt mein Gefühl, dass ich wirklich beklaut wurde. Welcher Mensch tut so etwas und warum? Wäre Bargeld in meiner Börse gewesen; ich sage es euch ehrlich, es wäre mir egal gewesen. Aber was will man mit Bankkarten, die gesperrt sind, Ausweisen aus einem anderen Land? Wieso kann man diese nicht bei der örtlichen Polizei oder im Fundbüro abgeben? Ich werde das niemals verstehen und ich werde vermutlich auch keine weiteren Antworten bekommen. Der Rest der Börse? Unklar.
Um kurz vor 21:00 Uhr ist es dann soweit. Flug LH519 hebt ab und ich bin an Board (YEAH) und mit dabei eine supercoole Flug Crew. Habt ihr schon mal – bitte nicht falsch verstehen – ältere FlugbegleiterInnen auf eurem Flug gehabt? Obwohl ich schon oft geflogen bin, habe ich bisher und auch international betrachtet, ausschließlich sehr junges Personal beobachtet. Auf diesem Flug ist das anders und die Crew überaus sympathisch und wirklich toll mit Blick auf Service und Sicherheit. Und jederzeit mit einem flotten Spruch auf den Lippen und ein Lächeln im Gesicht. Wir fliegen durch die Nacht und ich „überfliege“ das erste Mal die Zeitumstellung, die Deutschland in dieser Nacht bevorsteht. Jetzt sind es acht Stunden Zeitverschiebung. Ich kann sogar etwas schlafen. Wir landen pünktlich am Sonntagnachmittag, gegen 16:00 Uhr, in Frankfurt. Was sehr schade ist, da wir alle sehr verteilt im Flieger sitzen und einige der Gruppenmitglieder Anschlussflüge haben, dass wir uns nicht mehr vollständig voneinander verabschieden können. Ein Teil der Gruppe strebt direkt die Gepäckausgabe an, ein Teil ist bereits auf dem Weg zum neuen Gate. Jeder geht so seinen Weg und hat hier vielleicht eine andere Priorität? Ich schaue mich jedenfalls nochmal gründlich um, weil ich mich auch gerne noch von der Berlinerin verabschiedet hätte, die mir mit dem Bargeld ausgeholfen hat. Einige Mitreisenden finde ich aber wieder, so z.B. die tollen Frankfurter, von denen ich mich noch persönlich verabschieden kann. Viele Liebe Grüße gehen auch raus nach Dortmund, München, Stuttgart und in die Schweiz.
:-)
Für mich geht’s nun vom Flughafen zum Hauptbahnhof in Frankfurt und von dort mit dem ICE nach Kassel-W. Dann noch einmal Umstieg und das letzte Stück nach Paderborn. Hamburg muss noch ein bisschen warten. Ich brauche meinen Wohnungsschlüssel und lasse mich von meinen Eltern im Kontakt mit der Polizei unterstützen. Ich komme um kurz nach 21:00 Uhr in Paderborn an und sitze nach unzähligen Stunden auf der Wache in Paderborn und gebe meine Anzeige auf.
Ihr habt es fast geschafft.
Warum teile ich diese Informationen mit euch?
Weil ich nicht möchte, dass euch dasselbe wie mir passiert!
Weil ich aus dem Ganzen gelernt und an innerer Stärke gewonnen habe.
Meine wichtigsten Tipps für euch als Fazit. Überlegt euch gut, wohin ihr euren Reisepass mitnehmt. Am besten unterwegs gar nicht dabeihaben, da kommt man gut mit Sicherheitskopien aus; entweder als Ausdruck oder als Foto auf dem Handy gespeichert. Und wisst ihr was? Hatte ich sogar (der gute, alte Ausdruck), aber ich wollte meinen Pass einfach nicht in diesem mysteriösen Frühstücksraum zurücklassen, der sich rückblickend als richtigen Sicherheitsort herausgestellt hat. Verrückt! Notiert euch wichtige Telefonnummern in eurem Handy oder auf Papier, niemals aber eure Pins! Auch über eine eSim sei gründlich nachgedacht. Ich denke, auf weiteren oder folgenden Reisen, werde ich eine haben. Falls man auf einer Reise mal alleine unterwegs sein sollte, was ich nicht unbedingt empfehle, hat man die Möglichkeiten, Google Maps aufzurufen, Verbindungen rauszusuchen. Man ist besser erreichbar. Kann schneller an relevante Infos kommen. Denkt an sicheres Handgepäck, welches ihr möglichst im Blick habt. Was ihr auf keinen Fall machen solltet. Packt niemals euren Wohnungsschlüssel mit in eure Börse. Und erst recht keinen Zentralschlüssel.
Tut es einfach nicht!
NIEMALS
:-)
Ok? Versprochen?
Danke
<3
Nehmt am besten gar keinen Schlüssel mit in den Urlaub. Es gibt zahlreiche andere Möglichkeiten!
Und wo ich schon mal dabei bin. Falls ihr eine Wohnung bezieht, so wie ich, zu der eine Zentralschließanlage gehört, dann denkt bitte an eine entsprechende Versicherung. Sprich eine ausreichende Haftpflichtversicherung. Die sind nämlich gar nicht so teuer. Und dasselbe gilt für einen guten Rechtsschutz. Ich glaube, es ist oft so. Wenn man die entsprechenden Versicherungen braucht, sind sie nicht da oder eben nicht ausreichend, so wie bei mir.
That’s life?!
Prüft besser euren Mitvertrag, als ich das getan habe.
Und vielleicht ein Letztes. Scheut euch nicht, über eure Gefühle zu sprechen oder ein Bedürfnis zu kommunizieren z.B. „Hey, ich mag jetzt nicht alleine sein. Kannst du mich begleiten?“ Falscher Stolz oder Bockig-Sein sind hier unnötig. Bringt einfach nichts. Hilft niemanden.
Ich weiß, ich habe mein Bestmögliches in dieser Situation getan. Karten lassen sich ersetzen. Klar, ein bisschen Rennerei hat man.
Das Wichtigste bleibt aber immer, dass man gesund ist!
Niemand ernsthaft in Gefahr geraten ist.
<3
Viele von Euch fragen sich bestimmt, wie das nun mit meinem Schlüssel weitergeht?
Ich kann euch sagen. Da sieht es nicht gut für mich aus. Aber auch das werde ich überstehen.
Da ich hier mitten im Prozess bzw. in der Lösungsfindung stecke, kann ich hierüber nicht berichten.
Für mich ist der richtige Weg immer der ehrliche Weg.
Das ist aus meinem Naturell nicht raus zu kriegen.
Aber ich möchte mich bei allen bedanken, die mich physisch und psychisch unterstützen.
<3
Ich hoffe, ich habe euch nicht gelangweilt und jeder kann vielleicht etwas für sich mitnehmen.
Wir sind so gut wie am Ende dieses Reiseblogs angekommen. Ich plane noch ein kleines Fazit zu Costa Rica im Allgemeinen zu schreiben.
Also einen Post wird‘s noch geben und dann ist hier erstmal Sendepause.
:-)
