châteaugeschichten
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Ich habe alles gelöscht! Die ganze Normandie ist weg. Nichts ist übrig geblieben, kein Punkt und kein Komma, bis zum letzten Buchstaben komplett auf Nimmerwiedersehen im technischen Nirvana verschwunden.

Stundenlanges Ringen mit Worten und Formulierungen, blumige Beschreibungen kleiner Dörfchen mit Stein- und Fachwerkhäuschen, farbigste Darstellungen wunderbarer Sonnenuntergänge - nichts ist mehr da. Fröhliche Begegnungen mit Einheimischen, die stundenlang über ihre Heimat schwärmen, eine dramatische Suche nach dem Hunde, der im hohen Weizenfeld die Orientierung verliert, intensive Beschreibungen von Wanderungen an der Steilküste entlang und Bibas gourmandeuse Erinnerungen an Palmen, Feigen und Apfelplantagen - ich habe alles gelöscht!

Commes

Wir sitzen am Abend beisammen und nehmen gemeinsam den letzten Schliff an meinen Erzählungen aus der Normandie vor. Beinahe um jeden Buchstaben wird gerungen, damit das, für alle zufriedenstellende Ergebnis entsteht. Formulierungen werden geändert, Beschreibungen geschönt und vor allem muss Zappa die endgültige Dramaturgie in die Suche nach den Hühnergöttern einfließen lassen. Als alles gut zu sein scheint, speichere ich die fünf Seiten Anekdoten und bin bereit, morgen neue Storys in die Welt zu posten.

Grandes Dalles

Doch nun will Zappa die Öffentlichkeit noch mit der schaurigen Mär von unserer Wanderung bei Ebbe auf eine steinerne Insel nahe dem normannischen Ufer schockieren:

Wir laufen los und kommen nach mehreren Kilometern über Stock und Stein an der kleinen Insel vor der Küste an. Krebse kann Zappa leider bisher nicht fangen, da muss er sich noch Tricks von den örtlichen Möwen abgucken. Die Sonne brennt vom normannischen Himmel, doch der kalte Wind sorgt für stetige Abkühlung. Dennoch sind wir, auf dem Eiland angekommen hungrig und durstig. Meine kleine Wasserflasche und die Butterkekse sind schnell fast vertilgt.

Wir stöbern auf dem Felsen begeistert nach Muscheln, Steinen und Krebsen. Während wir Berge aus riesigen Jakobsmuscheln auftürmen, rollt von uns unbemerkt die Flut heran.

Barfleur

Wir reden hier nicht von mickrigen 80cm-Gezeiten, wie wir sie von der Ostsee oder dem Mittelmeer kennen, wir reden hier von 8m-Tidenhub des Atlantik am Ärmelkanal. Ehe wir uns versehen, ist der Weg zur Räuberhöhle durch kalte, unbarmherzige Wellen versperrt.

Die Flut klatscht an den Felsen und wir klettern auf deren Spitze zu den Möwen, damit wir keine nassen Füße bekommen. Das Eiland wird immer kleiner und kleiner und ich bekomme langsam Panik, dass der Stein am Ende ganz überflutet ist.

Zappa amüsiert sich anfangs, doch als die Sonne sich anschickt, im Meer zu versinken, wird uns beiden im steifen Wind scheißekalt. Der letzte Keks ist bald geteilt, der letzte Schluck Wasser aus der Flasche getrunken, während langsam die Nacht hereinbricht und tausende Sterne und eine schmale Mondsichel über uns leuchten. Wir sitzen eng umschlungen im Windschatten eines Felsens, Hunger und Durst nagen an den Gemütern und ich kann Zappa nur mit Mühe davon abhalten, den Möwen die Eier aus den Nestern zu mopsen und auszulutschen. Auch der Seetang, den wir von den Steinen kratzen, macht uns nicht satt, nur sehr-sehr durstig.

Commes

Erst weit nach Mitternacht sind die Fluten soweit zurück gegangen, dass wir trockenen Fußes, uns aber heiß liebend in unsere warme Räuberhöhle zurückkehren und in unsere dicken, warmen Decken kuscheln können.

Erkenntnis des Tages: wer auf eine einsame, windige Insel geht, sollte eine warme Decke dabei haben.

Jaaa, wir können die Angst und das Unverständnis in euren Augen ahnen! 

Das ist natürlich nur wildes Reise-Latein und feinstes Seemannsgarn. Eine ulkige Baron-Münchhausen-Geschichte mit krummen Beinen und langer Nase, die kurz vor dem Sonnenuntergang unserer gemeinsamen Phantasie entsprungen ist. Sowas Dummes würden wir doch nie-nie machen! 

Doch eines stimmt tatsächlich: die 8m Wasserunterschied zwischen Ebbe und Flut!

Cayeux-sur-Mer

Beide sind wir mit Leib und Seele in dieser Geschichte gefangen, mittlerweile sind auch an Ort und Stelle des Schreibens die Temperaturen empfindlich gesunken. Wir sind in unsere dicken Decken gehüllt und um meine, von der Erzählung aufgewühlten Nerven zu beruhigen, beuge ich mich zu einem letzten Gummibärchen vor. Dabei drückt die wärmende Schicht eine mir bisher unbekannte Tastenkombination und der gesamte Text der letzten wunderbaren Reisetage, komplett alles ist plötzlich auf Nimmerwiedersehen verschwunden! Einzig ein einsames O ist wie zum Hohn auf der Seite geblieben!

In meiner Verzweiflung über diese Katastrophe drücke ich die Taste ins Menü zurück und speichere damit endgültig den Verlust sämtlicher literarischer Ergüsse der letzten Woche. Alles-alles ist weg! 

Jaaaa, ich weiß: nicht immer gleich drauflos klicken, erst denken, dann handeln und vielleicht für jedes Kapitel ein neues Dokument beginnen! Hinterher sind andere immer schlauer.

Cayeux-sur-Mer

Ich kann nicht mehr. Ich gehe ins Bett. Zappa versucht noch, letzte Zeilen zu retten, doch vergebens. Ich habe ganze Arbeit geleistet.

Ich werde die Abenteuer aus der Normandie nicht erneut aufschreiben, das kann nur schlecht werden. Wir werden hier nur noch Fotos aus dieser wunderbaren französischen Region zeigen.

Zappa hat versprochen, "Der mit den Robben tanzt" und "Lebensgefahr durch Glücksbringer" für euch neu zu verfassen.

Der Wohnmobiler versteht zu leben...

Ich will jedoch nicht mehr. Ich schaue jetzt in die Zukunft, in die Bretagne und freue mich auf Crêpes, Gallettes und Breizh-Cola! 

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