Aufgesattelt 15
Liebe Familie, liebe Freunde und Bekannte, Juchhe, die Medizin ist angekommen, und es machte so richtig plumps, als der Stein der Erleichterung von meinem Herzen fiel. Beruhigt...

Veröffentlicht: 09.09.2019
Liebe Familie, liebe Freunde und Bekannte,
wir hoffen, dass es euch allen gut geht und ihr Zeit und Muße habt, unsere Berichte zu lesen. Jetzt geht es leider mit unserer Tour zu Ende, und in einem Monat sind wir auch schon wieder Zuhause. Der Gedanke stimmt mich traurig, denn das Reisen ist was ganz Außergewöhnliches, diese Freiheit und die Zweisamkeit, die wir hier genießen können, haben wir Zuhause nicht. Doch freuen wir uns auch auf das Gewohnte, das Angenehme, doch vor allem auf Euch.
Doch erst mal weiter von der Fahrt an den Don. Es waren nur 90 km, doch diese waren mit Abstand die Schrecklichsten auf der Reise. Wir lernten den grausigen, russischen Verkehr kennen. Die Straße schimpfte sich Autobahn von Ost nach West, doch war es noch nicht mal wie eine gut ausgebaute Schnellstraße bei uns. Ein LKW nach dem anderen, dazu die verrückten Autofahrer, die so überholten, dass es für uns oft gefährlich wurde und wir auf den Schotterweg ausweichen mussten. Dazu die Abgase und das laute Geräusch der schlechten Straßen. Natürlich hatten wir Gegenwind, und es ging mehr bergauf als bergab. Es machte einfach keinen Spaß.
Die Nacht verbrachten wir in unserem Zelt, etwas abseits von der Straße (die Geräusche der Straße hörten wir etwas gedämpfter die ganze Nacht), der Platz selber war aber schön, und bis auf einen Bauer und ein paar Feldarbeiter kam niemand vorbei. So lange die Sonne noch schien, war es gemütlich warm. Wir kochten, beobachteten den schönen Sonnenuntergang. Doch langsam begann ich zu frieren, in der Nacht wurde es lausig kalt und meine kleine Wärmflasche, Stephans dicker Pullover und meine warme Kleidung halfen mir nicht, und so fror ich bei 11 Grad vor mich hin. Das hört sich alles wieder schrecklich an, doch auch das gehört dazu. Ich nahm mir fest vor, in Kalatsch eine Decke zu kaufen, denn auf der Rückfahrt wollten wir wieder im Zelt übernachten.
In Kalatsch am Don fanden wir ein nettes Guesthouse, und am Abend erlebten wir ein feierndes Dorf, und es gab sogar ein Feuerwerk – bestimmt nur für uns –, klein aber fein.
Am nächsten Tag fuhren wir den Don entlang, ein ganz gemütlicher und im Verhältnis zur Wolga kleiner Fluss, viele Angler am Ufer. Wir bekamen einen getrockneten Fisch geschenkt, den ich aber schnell wieder ins Wasser warf, denn er roch nicht so ganz astrein. Ich kaufte mir eine tolle Kuscheldecke für 3 Euro und freute mich auf das nächste Zelten. Gerne wären wir noch ein paar Tage geblieben in diesem gemütlichen Dorf.
Auf der Rückfahrt nahmen wir eine andere Straße, mehr am Kanal entlang. Zwar dauerte sie etwas länger, aber sie war viel viel schöner. Auf einer nicht ganz so gut ausgebauten Straße fuhren wenige Autos. Auch hier war es etwas hügelig, doch zum Glück hatten wir nur Seitenwind und wir kamen flott voran. In einem kleinen Dorf fanden wir in der Nähe des Kanals einen schönen Platz und verbrachten – dank Kuscheldecke – eine gemütlich warme Nacht. Wir wachten gegen drei Uhr auf, da dicke Regentropfen auf unser Zelt prasselten. Es war das dritte Mal, dass wir vom Regen überrascht wurden. Am Morgen gab es noch etwas Tau, doch bald kam die Sonne raus, und so trocknete unser Zelt schnell.
Weiter ging es Richtung Wolgograd,aber ungemütlich wurde es erst, als wir in den Stadtverkehr kamen. Die Autos rasten teilweise mit einem Affentempo über die mehrspurige Einfallstraße, und wieder die Abgase, die uns vor allem von den Bussen ins Gesicht bliesen.
Ein kleiner Abstecher, und wir kamen zu einer alten wunderschönen Schleuse, machten ein paar Fotos, und weiter ging es 35 km in das Stadtzentrum (15 km davon konnten wir trampen).
Diesmal war das Hostel sehr zentral gelegen, und so konnten wir alles in den nächsten Tagen gut erreichen. Doch erstmal mussten unsere Fahrräder in Ordnung gebracht werden, was einen Tag dauerte. Stephan fuhr, seit er seine eine Speiche verloren hatte, unter erschwerten Bedingungen. Das Hinterrad hatte einen Achter, der Reifenmantel war abgenützt und die Gangschaltung spann auch. An meinem Rad hatte sich nur mein Tacho etwas gelöst, und das Quietschen der Bremsen und das Schleifen der Schaltung können wir nicht beheben, ist aber nicht mehr so schlimm, und ich lernte damit zu fahren.
Wir haben gelernt, wie eine russische Küche ausgerüstet ist: Kühlschrank, Arbeitsfläche, mit Glück eine Spüle, und auf alle Fälle eine Mikrowelle; wenig Geschirr, keine Töpfe, und das Besteck besteht aus Gabeln, Löffel und einem scharfen Messer. Ich lernte so mit einer Mikrowelle zu kochen, machte sogar richtige Gerichte, z.B. Melanzane, Omelette und Spiegeleier.
Nach zwei Tagen wechselten wir in ein 4*-Hotel in Bahnhofsnähe, diesmal mit Frühstücksbuffet, und somit ein wenig Luxus auf dieser Reise. Am Abend gönnten wir uns ein gutes Essen in einem gemütlichen Restaurant. Wir aßen lecker Fisch, Boeuf Stroganoff, Suppe und tranken einen leckeren Wein – der leider erstmal warm war, denn wir glauben, dass dies die Russen mögen: warm und halbsüss. Dazu, wie immer, laute Musik, denn auch dies mögen die Russen.
Trotz der immensen Kriegsschäden, die die Stadt sehr zerstört haben, gibt es immer noch sehr schöne Gegenden mit alten Gebäuden. Insgesamt gab es 1 Million Tote im Kampf um Stalingrad, davon 700 000 Russen und 300 000 Deutsche. Kein Wunder, dass die Stadt ein Denkmal nach dem Anderen hat, um an diese grausame Zeit zu erinnern.
Wir machten schöne Touren durch die Stad, an der Wolga entlang, und ließen uns einfach treiben. Ich ließ mir die Haare für 5 Euro schneiden und sehe mal wieder etwas geordneter aus.
Wolgagrad ist eine Reise wert, eine Stadt, die uns von der Lage, den Menschen, von den Märkten und der Gegend gut gefallen hat.
Im Hotel trafen wir die ersten Deutschen auf unserer Reise durch Russland, ein Pärchen die ihre Tante besuchten, und eine lustige Rentnergang (5 Personen), die mit dem Auto Südrussland erkunden.
Nun sitzen wir seit gestern Abend im Zug nach Moskau in der dritten Klasse. Leider nicht ganz so gemütlich wie sonst, es fehlten die Kinder, die immer für Leben sorgten. Dafür hatten wir aber drei besoffene Kerle neben uns, die aber bald von allen im Abteil zur Ruhe gezwungen wurden. Die ganze Aufregung um die Räder war umsonst, wir konnten wie immer die Räder in das Abteil stellen, ohne sie zu verpacken oder etwas zu verstellen.
Heute Abend haben wir Karten für das Ballett Schwanensee. Es ist der letzte Tag eines Ballett-Festivals in Moskau. Wir sind sehr gespannt, wie dies wird.
Nun, in oder nach Moskau wird unser letzter Bericht kommen.
Wir hoffen, dass es euch allen gut geht, und da wir (leider) bald Zuhause sind, hoffen wir sehr, euch wohlauf zu sehen, dies spätestens am 27. Oktober zum Brunch bei uns. Viele Rückmeldungen haben wir leider noch nicht bekommen.
Es grüßen euch alle ganz herzlich
Die Radler
Corrina und Stephan