Kapstadt zwischen gestern und heute
Mit dem Uber-Taxi fahren wir heute Morgen zur Waterfront. Unser Fahrer Shammy kommt aus Simbabwe – wieder jemand, der sein Heimatland aus wirtschaftlichen Gründen verlassen hat...

Veröffentlicht: 23.08.2026






















Heute geht es in die Winelands.
Die Fahrt aus Kapstadt heraus empfinden wir heute Morgen wieder streckenweise bedrückend. Kilometerlang fahren wir an dicht bebauten, sehr ärmlich wirkenden Stadtvierteln vorbei. Wir sind fast erleichtert, als die Stadt hinter uns liegt und die Landschaft ländlicher wird. Irgendwie erwarten wir, damit auch die sichtbare Armut und die krassen Gegensätze hinter uns zu lassen.
Stellenbosch gefällt uns auf Anhieb. Eine kleine, lebendige Universitätsstadt mit Cafés und Restaurants, alten Bäumen und wunderschönen, gepflegten Häusern. Der botanische Garten der Universität ist klein, aber ausgesprochen nett, mit hohen Palmen und kleinen Bonsais, bei denen sogar der jeweilige Gestalter namentlich genannt wird. Und die theologische Fakultät ist ein Traum von einem Gebäude.
Überhaupt wirkt Stellenbosch erstaunlich europäisch. Die Architektur, die alten Häuser und die niederländisch anmutenden Namen – manches könnte ebenso gut irgendwo in den Niederlanden oder Norddeutschland stehen.
Im Heimatmuseum besuchen wir vier Häuser aus verschiedenen Epochen des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie wurden von wohlhabenden holländischen und deutschen Familien bewohnt, die wichtige Funktionen in der Stadt innehatten. Möbel, Geschirr und Einrichtung unterscheiden sich kaum von dem, was wir aus europäischen Heimatmuseen oder den Schränken unserer Groß- und Urgroßeltern kennen. In einem der Häuser sehen wir ein hochkant gebautes Klavier, von dem es laut unserer Führerin nur sechs auf der Welt gibt. In einem anderen Zimmer befindet sich eine für damalige Verhältnisse erstaunlich moderne Dusche.
An der Tür jedes Hauses empfängt uns eine Frau in der Kleidung eines damaligen Dienstmädchens und führt uns durch die Räume. Alle sind schwarze Südafrikanerinnen aus Stellenbosch.
Irgendetwas daran fühlt sich für mich merkwürdig an. Wir, weiße europäische Touristen, lassen uns die Häuser der damaligen weißen europäischen Oberschicht zeigen – von schwarzen Frauen in der Rolle des Dienstpersonals.
Eine von ihnen spricht Englisch mit einem Akzent, den ich für niederländisch halte. Ich frage sie, ob sie aus den Niederlanden komme. Sie schaut mich erstaunt an. Nein, aus Stellenbosch. Vermutlich höre ich den Einfluss des Afrikaans. Die europäische Geschichte dieser Stadt steckt offenbar nicht nur in ihren Häusern.
Als wir später Franschhoek erreichen, sehen wir zunächst dicht an dicht stehende kleine Häuser am Berghang, die aus der Entfernung beinahe den Hang hinunterzurutschen scheinen. Danach kommt das Franschhoek aus dem Reiseführer: Weingüter, Restaurants, Galerien, gepflegte historische Häuser und Guesthouses vor spektakulärer Bergkulisse.
Auch unser Guesthouse ist wunderschön: ein altes, liebevoll eingerichtetes Haus mit Garten, ergänzt durch einen sehr gut dazu passenden neuen Gebäudeteil. Wir freuen uns.
Später schaue ich mir den Ort auf dem Satellitenbild an. Und erst jetzt wird mir klar, was wir vom Boden aus gar nicht verstanden haben.
Franschhoek scheint aus verschiedenen Welten zu bestehen: großzügige Grundstücke und viel Grün auf der einen Seite, extrem dicht bebaute Gebiete auf der anderen. Die „runterrutschenden“ Häuschen vom Ortseingang sind teilweise einfache Häuser und informelle Behausungen, teilweise gleichförmige kleine Häuser in geordneteren Strukturen, die nach sozialem Wohnungsbau aussehen. Direkt daneben liegt der wohlhabende Wein- und Touristenort, dazwischen einige Anbauflächen.
Offenbar waren wir heute Morgen einem Denkfehler aufgesessen. Was uns bei der Fahrt durch Kapstadt so bedrückt hat, ist kein Phänomen der Großstadt. Auch kleinere Orte sind in sehr unterschiedliche Lebenswelten geteilt – im hübschen Zentrum von Stellenbosch war uns das nur kaum aufgefallen.
Ich fange an nachzulesen. Die Zahlen machen das Satellitenbild noch einmal verständlicher: Bei der letzten detailliert aufgeschlüsselten Volkszählung lebten im Gebiet Franschhoek rund 17.500 Menschen – etwa 12.600 davon allein in der dicht bebauten Siedlung am Ortsrand.
Und wie so oft in Südafrika landet man ziemlich schnell wieder bei der Apartheid und ihren Folgen. Die damalige räumliche Trennung nach Hautfarbe prägt die Städte bis heute. Die Gesetze sind seit mehr als 30 Jahren verschwunden, ihre Folgen nicht.
In den dicht bebauten Gebieten leben überwiegend schwarze und als Coloured bezeichnete Südafrikaner. Viele arbeiten in der Landwirtschaft, auf den Weingütern, in Restaurants, Hotels und Guesthouses oder in privaten Haushalten – also auch in jener Welt, die Franschhoek für Besucher so schön macht.
Tourismus schafft Arbeitsplätze und Einkommen, macht Wohnraum aber zugleich begehrter und teurer. Häuser werden zu Guesthouses und Ferienimmobilien, während Wohnen in den attraktiven Bereichen für Menschen mit niedrigen und teilweise auch mittleren Einkommen kaum erschwinglich ist.
Und plötzlich muss ich an eine Begegnung vom Vormittag denken.
Als wir zu Beginn unseres Besuchs in Stellenbosch bei Aunt Sophie’s in einem Café saßen, fragte uns die Servicekraft, ob wir zum ersten Mal hier seien und wohin wir anschließend wollten.
„Franschhoek.“
„That’s far“, sagte sie. Dann schaute sie uns an: „You are rich guys.“
Wir waren irritiert. Franschhoek ist gut 30 Kilometer entfernt. Für uns eine kurze Autofahrt. Aber sie sagte es nicht scherzhaft. Es klang schwer.
Vielleicht meinte sie etwas ganz anderes als Kilometer.
Manche Entfernungen lassen sich offenbar nicht in Kilometern messen.
Und während ich noch darüber nachdenke und mich ein bisschen festlese, wird es Zeit fürs Abendessen.
Dort gibt es ein „Winter Special“ von Mai bis August. Mit Schneeflocke. ❄️😂
Man kann schließlich nicht alles an einem Nachmittag verstehen. 🙈
