Miriam
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Live Südafrika

Kapstadt zwischen gestern und heute

Veröffentlicht: 22.08.2026

Taxi
Waterfront → … → Innenstadt
Kapstadt, Südafrika
Attraktion
Robben Island
Kapstadt, Südafrika
Attraktion
Bo-Kaap
Kapstadt, Südafrika
Sehenswert
Waterfront
Kapstadt, Südafrika

Mit dem Uber-Taxi fahren wir heute Morgen zur Waterfront. Unser Fahrer Shammy kommt aus Simbabwe – wieder jemand, der sein Heimatland aus wirtschaftlichen Gründen verlassen hat und in Südafrika sein Glück versucht.

Eigentlich seien „alle“ aus Simbabwe hier, meint er. Die Einreise sei einfach, man brauche nur einen Pass, und die Aussichten seien gut. Er selbst hatte zunächst einen Shop und beschäftigte Einheimische. Damit habe er allerdings schlechte Erfahrungen gemacht: Sie seien unzuverlässig gewesen, oft nicht zur Arbeit erschienen, an den Wochenenden nie. Seine Erklärung dafür fällt ziemlich pauschal aus: Sie seien nicht entsprechend sozialisiert und nicht arbeitsbereit. Deshalb wolle sie niemand einstellen.

Trotzdem ist er überzeugt davon, dass hier grundsätzlich jeder eine Chance habe. Und auch für Simbabwe hat er die Hoffnung nicht aufgegeben. Irgendwann werde sich die Situation dort ändern, glaubt er. Nur werde er das vielleicht selbst nicht mehr erleben.

An der Waterfront angekommen, sieht Kapstadt gleich wieder ganz anders aus. Es ist hübsch hier und selbst an einem Wintertag mit Nieselregen gut besucht. Vom Tafelberg ist allerdings aufgrund des Wetters nichts zu sehen. Wir schlendern noch eine Weile herum, bevor wir zum Fähranleger nach Robben Island gehen.

Knapp 40 Jahre ist es her, dass auf meiner Jutetasche „Free Mandela!“ stand und ich südafrikanische Weintrauben boykottiert habe. Wie winzig wirken solche Gesten plötzlich gegenüber dem, was sich symbolisch auf Robben Island abgespielt hat.

Wir gehen durch das ehemalige Gefängnis, vorbei an den Doppelzäunen. Dann beginnt unser Guide zu erzählen – und ziemlich schnell wird klar, dass dies für ihn keine Geschichte ist, die er irgendwann gelernt hat.

Er wurde 1986 mit 19 Jahren hier inhaftiert.

Er erzählt von den Zuständen im Gefängnis und davon, wie sich die Haftbedingungen für die politischen Gefangenen erst ganz allmählich verbesserten.

Während er eine Tafel hochhält, auf der die Essensrationen aufgeführt sind und deutlich wird, dass schwarze Häftlinge noch einmal weniger bekamen als die übrigen Insassen, dürfen wir ihn fotografieren, ausdrücklich sogar.

Sie hätten versucht, körperlich und mental gesund zu bleiben. Sie wussten, wofür sie dort waren: für eine große Sache, für die Befreiung der schwarzen Südafrikaner in ihrem eigenen Land.

„Freedom is essential for the human psyche.“

Wenn die äußere Freiheit genommen wird, muss man versuchen, wenigstens innerlich frei zu bleiben. Sie unterstützten sich gegenseitig und lernten voneinander – unter ihnen waren Lehrer, Anwälte, Ärzte und Menschen mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen aus dem ganzen Land. Das Gefängnis wurde auf bizarre Weise auch zu einem Ort des Austauschs von Wissen und Erfahrungen. Auch das half ihnen, mental gesund zu bleiben.

Ich frage ihn, wann er beschlossen habe, an diesen Ort zurückzukehren und genau das zu tun, was er heute tut.

Er zögert.

Er sei sehr jung gewesen, als er ins Gefängnis kam, und Mitte zwanzig, als er wieder herauskam. Eine kurze Zeit hätten sie etwas Unterstützung bekommen, eine wirkliche Entschädigung aber nie. Er habe nicht einmal Geld für eine Tube Zahnpasta gehabt.

Der Job hier im ehemaligen Gefängnis sei anfangs sehr schwierig für ihn gewesen. Und auch heute gebe es Tage, an denen es ihm nicht leichtfalle, hier zu sein.

Aber er weiß, warum er es tut.

Er möchte erzählen. So vielen Menschen wie möglich. Damit wir zuhören und das Gehörte weitertragen.

Denn eigentlich, sagt er, gehe es gar nicht allein darum, dass es keine getrennten Einrichtungen für Schwarze und Weiße geben dürfe. Es gehe um etwas viel Grundsätzlicheres: darum, einander mit Menschlichkeit zu begegnen.

Was gebildete und intelligente Menschen einander antäten, würden uns wilde Tiere niemals antun.

Ich muss an unsere Tierbegegnungen der vergangenen Tage denken und bin so berührt, dass mir leise ein paar Tränen über die Wangen laufen.

Manchmal klingen seine Ausführungen fast wie die eines Predigers – nicht pathetisch, sondern weil sie so offensichtlich von Herzen kommen. Immer wieder läuft alles auf dasselbe hinaus:

Humanity.

Die Führung endet mit einem Blick auf den Gefängnishof und in die Zelle, in denen Nelson Mandela 18 Jahre verbrachte. Es ist beklemmend.

Zurück auf dem Festland wollen wir noch etwas von Kapstadt sehen und laufen durch den Regen Richtung Innenstadt. Vorbei am Finanzdistrikt scheint der Weg zu unserem ersten Ziel, Bo-Kaap, schier endlos.

Auffällig ist die viele Security. Männer und Frauen in gelben Westen stehen gefühlt überall. Einen von ihnen fragen wir schließlich nach dem besten Weg und erfahren dabei, dass die Sicherheitsleute gar nicht für die jeweiligen Gebäude zuständig sind, vor denen sie stehen.

„For the public“, erklärt er. „To prevent crime.“

Einige Schilder mit der Aufschrift „Crime Hotspot“ sind uns gestern unterwegs bereits begegnet.

Es regnet noch immer und langsam wird es dunkel. Also geben wir unseren Stadtrundgang zu Fuß auf und rufen wieder ein Taxi. Diesmal fährt uns ein junger Kenianer auf unseren Wunsch noch an den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Innenstadt vorbei. Auch er habe sein Heimatland verlassen. Obwohl er seit zehn Jahren hier lebt, kenne er allerdings nur drei andere Kenianer.

Bo-Kaap ist so bunt wie auf den Postkarten, wirkt aber erstaunlich unbelebt – und das trotz der vielen parkenden und vorbeifahrenden Autos. Vielleicht ist das im Sommer anders. Fotografieren dürfen wir nur durch einen geöffneten Spalt des Autofensters. „For security reasons.“ 😬

Zwischen modernen Gebäuden tauchen ab und zu schöne historische Bauten auf, aber ein Zentrum, durch das wir jetzt unbedingt noch stundenlang schlendern möchten, entdecken wir nicht.

Vielleicht ist das heute aber auch gar nicht nötig.

Unser stärkster Eindruck von Kapstadt ist an diesem Tag ohnehin kein Gebäude und keine Sehenswürdigkeit.

Es sind die Menschen und ihre Geschichten.

Und morgen verlassen wir die Stadt schon wieder und fahren in die Winelands – eine weitere Unterkunft und vermutlich wieder eine ganz andere Seite Südafrikas.

Auf einen Blick

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Wetter
Winter
Kulturell
  • Waterfront bei Nieselregen
  • Robben Island und die Führung durch das ehemalige Gefängnis
  • Bo-Kaap
  • Stadtrundgang durch die Innenstadt bei Regen
StadtGeschichteArchitekturTransit
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