Travelotta

Mein schonungslos ehrliches, unzensiertes Reisetagebuch. Lesen auf eigene Gefahr.

Von Ausgangssperre und Sinneswandel

Samstag, 21.03.2020

Mit größter Vorsicht mache ich mich auf den Weg nach Chillán. Leider gibt es keine Masken mehr zu kaufen, deshalb nutze ich meinen Buff als Mund- & Nasenschutz. Im Flughafen sowie im Flieger von Punta Arenas nach Concepción fühle ich mich unwohl, da einfach alle super verunsichert sind. Aber hier ist das Ansteckungsrisiko noch eher gering, da es in der gesamten Region bisher nur zwei bekannte Fälle gibt. In Concepción angekommen mache ich mich direkt per Uber auf zum Busbahnhof und hoffe, dass die Busse noch fahren. Auf dem Weg sieht man, wie ein komplettes Auto desinfiziert wird. Der Busbahnhof ist so leer wie ich noch keinen auf meiner Reise gesehen habe, und das an einem Samstag. Ein gutes Zeichen. Einige Unternehmen haben den Betrieb tatsächlich eingestellt, aber ich bekomme noch einen Bus nach Chillán und muss auch gar nicht lange warten. Mit mir im Bus reisen nur 4 weitere Personen. In Chillán gehe ich gezwungenermaßen in den Supermarkt, um mich für die nächsten 1-2 Wochen mit Essen einzudecken. Am Boden sind Abstandsmarkierungen, am Eingang muss man sich die Hände desinfizieren und es ist auch hier wenig los, besonders für samstags. Von 08:00 - 10:00 Uhr dürfen nur Leute über 60 Jahren in den Supermarkt. Es geht direkt per Uber weiter zum Haus von Juan's Mama, Ursula, die mich netterweise für eine Weile bei sich aufnimmt. Sie ist gerade selbst bei ihrer Mutter zu Besuch und ich habe das Haus erstmal für mich allein.

Ich mache abends eine Runde Yoga und lese mich noch ein bisschen in Ayurveda ein und übe etwas Spanisch, dann geht es früh ins Bett.

Sonntag, 22.03.2020

Nachdem ich so richtig ausgeschlafen habe mache ich mir einen gesunden Frühstücksbrei und einen Kakao und starte langsam in den Tag. Mittags gehe ich eine Runde laufen, obwohl ich nicht weiß, ob das erlaubt ist. Ich begegne auf meiner Strecke einer Person mit 6 Metern Abstand. Ursula wohnt zum Glück am Stadtrand, sehr abgelegen, und meine Strecke führt mich zu einem schönen Fluss, der kaskadenartig über eine breite Steinkante fällt.

Zurück im Haus erhalte ich von Verwandten besorgte Nachrichten mit dem eindringlichen Aufruf, so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen. Ich verstehe die Besorgnis durchaus, aber ich habe lange und ausgiebig abgewogen, bevor ich zu dieser Entscheidung gekommen bin, und ich weiß, dass sie nicht für jeden nachvollziehbar ist. Das ist OK. Ich fühle mich hier, wo ich bin, gerade den Umständen entsprechend sehr wohl und sicher und hoffe, dass meine Lieben zuhause sich nicht mehr Sorgen um mich machen, als ich mir um sie. Der Ernst der Lage ist mir durchaus bewusst, soweit man das überhaupt verstehen kann. Sowohl zuhause als auch hier werden wir alle die Lage aufmerksam verfolgen und jeder für sich hoffentlich die richtigen Entscheidungen im richtigen Moment treffen. Unvernünftig oder leichtsinnig zu handeln kann in Zeiten dieser Krise fatale Folgen haben, aber dies sind beides Eigenschaften, die nicht gerade meinem Charakter entsprechen.

Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen und es als Chance zu sehen - für die Natur, die Wirtschaft, die Menschheit und für mich persönlich. Ich habe nun Zeit, ganz nach meinen Bedürfnissen zu leben, gesund zu kochen, achtsam zu essen, mich viel zu bewegen und mich zu weiterzubilden. Mir ist bewusst, dass ich mich zusätzlich in einer Ausnahmesituation befinde, da ich aktuell nicht arbeite, aber das ist auch Teil meiner Reise und ich genieße es sehr, ohne mich schlecht zu fühlen. Das habe ich mir verdient. So selbstbewusst und optimistisch wie in diesem Moment, in dem ich das hier schreibe, fühle ich mich natürlich nicht immer - mein zweiter Vorname lautet "Zweifel". Aber vielleicht lehrt mich diese Zeit, mich von diesem alten Denkmuster, Glaubenssatz würde meine Mama sagen, zu lösen. Lasst uns alle das Beste aus der Situation machen und nicht verzweifeln, wir haben sowieso keine Wahl.

Montag, 23.03.2020

Nachdem ich gestern Nachmittag, beim Tagebuch schreiben, voller Zuversicht und Überzeugung war, hatte ich am Abend die totale Sinnkrise. Auslöser war die Tatsache, dass Deutschland nun auch ein Rückholprogramm für Chile gestartet hat. Ich habe eine Email vom Konsulat bekommen, und musste mich aktiv entscheiden, ob ich zurückgeholt werden möchte oder nicht. An der restlichen Situation an sich hat sich eigentlich nichts geändert, aber der Denkanstoß hat gereicht, um meine Entscheidung komplett zu hinterfragen. Unruhig bin ich durch die Zimmer gelaufen und habe nochmal alle möglichen Artikel gelesen. Eine weitere Info, die ich so erhalten habe ist, dass Chile ab heute die Stadt Chillán abriegelt, wo ich gerade wohne. Ich habe versucht, mich nicht verrückt machen zu lassen, sondern einfach alles aufzusaugen und rational zu entscheiden. Aber mit dem Kopf allein wird man bei so großen Themen nicht weit kommen, also hab ich erstmal eine Nacht drüber geschlafen.

Der Tag läuft dann eigentlich ganz gut, ich schaffe viele meiner Projekte, wie Yoga, Meditation, Ukulele spielen und lerne ein bisschen was über Ayurveda. Ursula hat beschlossen, noch länger bei ihrer Mutter zu bleiben, ich bin also weiterhin allein im Haus. Ich koche viel und esse viel, und überlege, wie es weitergeht. Komplett sozial abgeschottet zu sein ist anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich glaube, wenn ich jederzeit die Möglichkeit hätte, mich mit Menschen zu treffen, wäre es nicht so schlimm. Aber der Gedanke, dass das einfach nicht geht, auch wenn ich unbedingt wollte, ist belastend. Ansonsten genieße ich die Zeit alleine schon, grundsätzlich bin ich gerne allein.

Abends helfe ich Ben, zum Flughafen in Punta Arenas zu kommen, in dem ich ihm ein Uber bestelle. Sein Flieger soll um 02:00 Uhr nachts gehen, er ist kurz vor 22:00 Uhr am Flughafen. Dieser ist jedoch komplett leer und verlassen. Keine Menschen, kein Personal, keine Infos zum Flug, keine Taxis. Online prüfe ich, was mit seinem Flug los ist und sehe, dass der erste von drei Fliegern eine Verspätung von neun Stunden ankündigt. Ben wurde nicht per Mail oder anderweitig informiert. Damit verpasst er sicher den Anschlussflug. Ich versuche, ein Uber oder Taxi zurück ins Hostel zu bestellen, aber nichts geht mehr. Die nächtliche Ausgangssperre ab 22:00 Uhr wird todernst genommen. Ben verbringt eine ungemütliche Nacht am Flughafen und ich hänge eine halbe Stunde erfolglos in der Warteschleife von Iberia. Auch das gibt mir nochmal stark zu denken.

Dienstag, 24.03.2020

Nach ein paar Stunden Schlaf rufe ich um 06:00 Uhr nochmal bei Iberia an (Ben würde es mega viel kosten) und sein Flug wird umgebucht. Angeblich fliegt er nun heute Mittag. Der Mitarbeiter scheint aber auch verwirrt und unsicher und prüft immer und immer wieder die Verbindung. Ben kann nur für die ersten beiden Flüge einchecken, für den dritten ab Madrid nicht. Das bleibt spannend. Ich trage mich in die Liste für das Rückholprogramm ein und schlafe nochmal ein bisschen. Da Ben sich irgendwann nicht mehr meldet gehe ich davon aus, dass der erste Flieger nach Santiago abgeflogen ist.

Nach dem zweiten Aufstehen mache ich Frühstück, Yoga und eine Meditation. Das hilft mir gerade schon sehr. Tendenziell zieht es mich nun doch mehr nach Hause, als hier zu bleiben. Jeden Tag zeichnet sich auch auf's neue ab, dass die Situation global noch viel schlimmer werden wird und tatsächlich sehr sehr lange dauern könnte. Ich bin niemand, der das dramatisiert, aber mein Bauchgefühl ist Stück für Stück umgeschwenkt, sodass ich die Zeit doch gerne bei meiner Familie verbringen möchte, in einer vertrauten Umgebung. Ich warte jetzt noch ein paar Tage ab, was aus der Rückhol-Aktion wird, dann buche ich vielleicht selbst einen Flug.

Mittwoch, 25.03.2020

Ich hab schlecht geschlafen. Hab Hummeln im Hintern. Seit sich der Gedanke in meinen Kopf gepflanzt hat, ich müsste vielleicht doch nach Hause, kann ich an nichts anderes mehr denken und das Hier-sein nicht mehr genießen. Dieses schweben im Gedanken-Nimbus ist das schlimmste. Ich telefoniere nochmal mit der Botschaft, heute Abend geht in Santiago ein Flug zurück. Das schaff ich aber nicht mehr, selbst wenn die Busse fahren und ich aus Chillán rauskomme. Am Vormittag versuch ich mich noch ein bisschen abzulenken, in dem ich die alt gewordenen Pflaumen zu Marmelade und die überfälligen Tomaten zu Soße verkoche - in unterbewusster Voraussicht, dass ich nicht mehr da sein werde, um alles rechtzeitig aufzuessen.

Mittags packt mich dann endgültig die Unruhe und ich muss es jetzt wissen - komm ich aus der abgeriegelten Stadt Chillán noch raus? Ich kann eben doch nur ganz oder gar nicht. Meine Sachen sind in 10 Minuten fertig gepackt, doch am Busbahnhof die erste Enttäuschung. Bis auf einen Sicherheitsbeauftragten ist niemand zu sehen. Vor allem keine Busse. Der nette Herr winkt mich erst nur ab mit dem Kommentar, dass hier mindestens zwei Wochen gar nichts mehr geht. Mit einem Mitleid erregenden Blick hake ich nochmal nach und werde zu einer Brücke außerhalb der Stadtgrenze geschickt - dort fahren die Busse aus anderen Städten vorbei. Mit dem Uber möchte ich zur Brücke fahren, doch mein Fahrer sagt, weiter als zur Stadtgrenze geht es nicht. Niemand kommt rein, niemand kommt raus. Auch hier versuche ich es mit einem traurigen Hundeblick in gebrochenem Spanisch und siehe da, wir versuchen es. An der Stadtgrenze übernimmt er sogar die komplette Diskussion mit den Polizisten für mich, und nach 10 Minuten mit verschiedenen Beamten dürfen wir tatsächlich durch. Ein Schreiben von der Deutschen Botschaft in Chile hatte ich auch noch am Handy, das hat nicht geschadet.

Chile's öffentliche Verkehrsmittel funktionieren einfach wie eine gut geölte Maschine (wenn es nicht gerade eine staatliche Verordnung dagegen gibt). Keine fünf Minuten stehe ich an der Autobahn, schon gabelt mich ein Bus Richtung Santiago auf. Einmal werden wir angehalten und bei allen wird die Temperatur gemessen. Der sehr freundliche Beamte erklärt mir auf Englisch, dass der gesamte Bus in Quarantäne müsste, wenn auch nur einer Fieber gehabt hätte. Zum Glück haben alle einen kühlen Kopf.

Während der Fahrt gerate ich in eine depressive Stimmung. Ich bin frustriert. Sauer auf die Welt. Darüber, dass ich meine Reise nicht weiterführen kann; dass ich die lieben Bekanntschaften in Chile nicht wiedersehen kann wegen der Quarantäne; dass ich meine Freunde nicht begrüßen kann bei meiner Rückkehr; dass ich nicht weiter neue Begegnungen und Erfahrungen machen kann; dass mich der Ernst des Lebens viel früher wieder einholt, als mir lieb ist, und dann auch noch so unsanft. Gleichzeitig bin ich mir bewusst über meine Erste-Welt-Probleme und dass ich es eigentlich immer noch sehr gut habe. Ich bin gesund, habe keine Existenzängste, eine tolle Familie und wunderbare Freunde. Aber im Moment bin ich einfach kurz frustriert und bemitleide mich selbst. Hoffentlich hört das schnell wieder auf.

In Santiago laufen noch sehr viele Menschen auf den Straßen herum, die meisten ohne Mundschutz. Man ist hier viel unvorsichtiger als in Chillán, auf mich wirkt das sehr leichtsinnig. Ich glaube nicht, dass man die Situation hier wirklich ernst nimmt. Im Hostel fühle ich mich ständig dreckig, möchte nichts anfassen und mir dauernd die Hände waschen. Zum Glück habe ich während der Busfahrt direkt für morgen Abend einen Flug buchen können, der mich hoffentlich ohne Verspätung oder Stornierung zurück nach Hause bringt. Im Nachhinein habe ich wohl perfektes Timing, denn ab morgen Abend wird ein Großteil der Stadt unter komplette Quarantäne gestellt. Dann geht hier gar nichts mehr. Ich bin durchgehend angespannt und fühle mich sehr unwohl. Da waren meine eigenen vier Wände in Chillán wesentlich entspannter, aber ich glaube, es ist der richtige Zeitpunkt, um zurückzukehren, und freue mich auf meine Familie. Wie es weitergeht steht noch in den Sternen. 

#covid-19#weltkrise#pandemie#ausgangssperre#sinneswandel

Kommentare

Alfred
Liebe Lena, schade, dass der Virus so wie bei den meisten Menschen jetzt auch deine Pläne durcheinander wirft. Du hast in den letzten Monaten ja extrem viel gesehen und erlebt. Wenn du jetzt abbrechen musst, vielleicht tröstet dich etwas der Gedanke, dass die vielen Erlebnisse, die du hattest, auch viel Zeit brauchen um richtig zu sacken. Diese Zeit hast du jetzt hoffentlich zurück in Deutschland. Hab eine gute Rückreise. Saludos cordiales Al

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