Canada Autumn 2021
A roadtrip from Montreal to Nova Scotia and back

Pictou - Port Hawkesbury

Die Nacht war etwas schlaflos. Nicht weil mir etwa der Kopf wehtat, sondern weil um kurz nach 1 zwei Teenager meinten, vor dem Hotel ein wenig Drama aufzuführen. Während er seine Stimme halbwegs im Griff hatte, rief sie mindestens gefühlte 100-mal "I hate you". Ich war geneigt, dass Fenster aufzureissen und "I hate you, too" zu brüllen, aber dann hätten die anderen Hotelgäste mich vielleicht auch gehasst, und um kurz vor 2 war dann auch Ruhe. Dauert halt bis man dann wieder einschläft.

Das Hotel ist wirklich ein Schmuckstück, und Linda, die Hotelbesitzerin aus China, die eigentlich Ling heißt (weiß der Teufel warum die sich alle englische Namen verpassen), leistet mir in dem überdimensionierten Frühstücksraum Gesellschaft. Sie erzählt mir, dass sie kurz davor war, die Polizei anzurufen wegen des Krachs. Das Frühstück ist einfach aber liebevoll. Joghurt in Gläsern und echtes Besteck. Dazu Toast und ein Minicroissant, welches man besser nicht servieren würde. Die Banane nehme ich mit. Ling freut sich, dass wieder ausländische Gäste kommen und erzählt mir, dass sie nach Hamburg will. Ein Freund von ihr wohnt da. Als ich gehe, zeigt sie mir voller Stolz noch ihr Wohnzimmer für ihre Gäste. Sie ist wirklich süß, wie sie sich über ihr Hotel freut.

Auf der Fahrt passiert das dann, was mir jedesmal passiert, wenn ich so verreise. Ich komme an. Das geschieht so nach 8-12 Tagen, je nachdem, wie schnell man sich akklimatisiert. Man hat sich an den Rhythmus gewöhnt, die Orte, die man anschaut, werden zur puren Freude ohne Aufregung und man denkt über alles nach, was einen so bewegt. Bei mir ist das immer noch mein Vater, der vor 15 Jahren starb. Ich nehme ihn immer auf so eine Reise mit und ich vermisse ihn dann besonders. Meine Mutter, die inzwischen 83 ist und diese Berichte liest, trage ich ebenfalls in Gedanken bei mir. Ich hoffe immer, dass es ihr gut geht und bin ihr so dankbar, dass sie mich so offen erzogen hat, wie ich bin. Das macht das Reisen so viel leichter. Und dann denke ich noch an meinen Bruder, der heute Geburtstag hat. Ein paar Tränen sind dann auch dabei - aber hey, alles gut. Ankommen ist auch immer emotional.

Die Bilder, die ich hier einstelle und die ich bisher schon eingestellt habe, können nicht ansatzweise die Weite dieses Landes beschreiben. Ich denke an den Winter, wenn sich hier alles verändert, wobei in Pictou es nicht so dramatisch ist, meint Ling. Nur minus 15 Grad zu sonst minus 30 Grad drumherum. Heute ist ein warmer Tag, die Temperaturanzeige im Auto steht bei 25 Grad, und ich genieße an jedem Ort, an dem ich anhalte die wärmende Sonne und setze mich ein wenig hin. Oft bin ich dabei ganz alleine. Die Strände sind menschenleer. Nur bei den Leuchttürmen ist immer was los. Ich fahre die Küste entlang und erkenne, wie sich langsam die Blätter verfärben. Der Indian Summer naht.

Im hiesigen Walmart kaufe ich mir eine Salbe für meinen Kopf und lasse eine Pharmazeutin drauf gucken. Greta meint, meine Augen wären klar und das wäre ein gutes Zeichen. Die macht mir ja Spaß. Immerhin will sie auch nach Deutschland kommen, traut sich aber nicht zu fliegen. Was für Schisser. 

Das Motel ist total niedlich und man kann sogar an einem kleinen Tisch draußen sitzen. Was ich auch reichlich tue. Morgen werde ich den berühmten Cabot Trail fahren, um dann ganz oben im Norden in einem Motel zu übernachten, welches ich bei dem Zimmerpreis wohl anteilig gekauft habe. Dafür sollen die Sonnenuntergänge super sein. Ich bin ja mal gespannt.

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