Jordanien-Oman
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Heinrich Heine und die Tasse Kaffee

Veröffentlicht: 22.10.2018

Nach etwas mehr als zwei Monaten in Jordanien ist es mal wieder Zeit für einen kleinen Report.

Sprache

Das künstliche Hocharabisch, welches vor allem in offiziellen Gefilden, Dichtung und Journalismus Anklang findet, ist das, was ich (Wochen-)Tag für Tag in der Uni verbessern darf. Integraler Bestandteil dieses „Latein des Arabischen Raumes“ ist: Frustration und Zynismus. Es handelt sich oft genug um Termini, die ein Otto-Normal Araber noch nie in seinem Leben gehört hat – geschweige denn verwendet. So zum Beispiel lernen wir drei Synonyme für „Schlange“, oder haben uns einzuprägen, wie das Geräusch genannt wird, welches Bäume im Wind machen.
So hochgestochen es auch anmutet diese Sprache zu sprechen, so nützlich ist sie doch im Verstehen von Nachrichten und hochgeistiger Literatur – und um anzugeben.

Mit dem Unterricht selbst bin ich zufrieden. Von neun möglichen Levels habe ich mich im sechsten zurechtgefunden. Die Dozenten sind sehr erfahren, wenn die Pädagogik sich auch stark von derjenigen in deutschen Unis unterscheidet. So sehr wie sich die Dozenten persönlich über gute Leistungen freuen, so sehr scheinen Sie unentschuldigte Abwesenheit persönlich zu nehmen. Ich fehle natürlich nie unentschuldigt 😉. Tatsächlich gehöre ich in der Klasse zu der Minderheit, dessen Namen die Dozenten auf Anhieb kennen – und damit geht eine offensichtliche Präferenz für einzelne Studierende hervor.
(Diejenigen denen dieses Privileg verwehrt bleibt, werden enthusiastisch mit ARMENIA, CHINA oder ROMANIA angesprochen – ein Kontrastbild, wenn man an die Debatten der politisch- und gendergerechten Sprache an deutschen Unis denkt.)

Letzte Wochen durfte ich mit wenigen ausgewählten Kommilitonen meine Stimme dem Campusradio leihen. Ich erläuterte, warum ich Arabisch in Jordanien lerne und was am (Hoch-) Arabisch so unfassbar fantastisch ist. Für mich war es der zweite Radioauftritt im arabischen Raum: Vor einem Jahr in Tunesien auf nationaler Ebene im UNESCO-Projekt-Rahmen.

Alhammdulillah (Gott sei Dank) gibt es eben auch den Dialekt (3amiyye), der bei Weitem mehr Spaß macht. Das lebendige und auf der Straße gesprochenen Arabisch funktioniert besser und besser. Das Fundament der deutschen Sprache hilft bei der Aussprache sehr. Deutsch ist ähnlich hart – nicht wie chinesisch: die chinesischen/taiwanesischen Studierenden sind oft kaum zu verstehen, sei es nun Hocharabisch oder Dialekt.

Was die Linguistik im Allgemeinen betrifft: Wer schon einmal länger am U-Bahnhof Westhafen in Berlin gewartet hat, findet ein Kommentar von Heinrich Heine, der postuliert, dass das dem französischen Ohr sein Name nicht zusage. So wird er „En En“ genannt.
Ich kann den lieben Heinrich nun gut verstehen. Finn kommt anscheinend für den allgemeinen Araber einem logopädischen Kunststück gleich. So werde ich von diversen Dozenten „Finnem, Wenn, Fillem, Fanni oder Fenn“ genannt, was stehts für gute Stimmung unter meinem Kommilitonen sorgt, die diese Neologismen ebenfalls eifrig aufnehmen.

Wohnen

Ein Stockwerk unter unserer wohnlichen und angenehmen 3er WG befindet sich eine 4er WG, die mit mir eine Familie auf Zeit bildet. Oft essen wir gemeinsam zu Abend. Von Ihnen werde ich Finnjamin oder „Finnjan Qahua“ (Tasse Kaffee) genannt.  

Arbeit/Hobby

Mein Projekt „Movisionamman“ (Sport/Bewegung) läuft sehr gut. Vergangenen Freitag nahmen ca. 20 Leute teil. Ein Bekannter von mir brachte uns Debkeh -ein palästinensischen Folkloretanz- bei. Alles zu sehen bei Instagram: Movisionamman.

Daneben gebe ich ein Mal die Woche an einer Privatschule Englisch-Konversationsunterricht für 4-5 KlässlerInnen. Es ist nicht nur erfrischend, sondern ist auch nicht schlecht entlohnt.

Sonstiges

Mir selbst fällt nach nun mehr als zwei Monaten auf, dass sich mein „Nationalgefühl“ verändert. Gerade im internationalen/-kulturellen Umfeld der Uni, aber auch im gewöhnlichen Leben, werde ich mir meiner deutschen/mitteleuropäischen (wenn auch konstruierten) Identität bewusster. Dies mag an entsprechend assoziierten Verhaltensweisen und Vorlieben liegen: Genauigkeit, Pünktlichkeit, Organisationslust, Ungeduld. So habe ich mir sogar von Bekannten, die herkamen, Pumpernickel mitbringen lassen! Am meisten vermisse ich jedoch guten Käse!

Lösung des Rätsels des letzten Blogs: Das Auto, welches mit unbekannter und zugleich einprägsamer Melodie durch die Straßen schleicht, verkauft Gas-Flaschen. Wenn man diese Melodie Jordanien im Ausland zeigt, ist die Chance sehr hoch, dass sie nostalgisch werden.


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