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Potosí

Veröffentlicht: 16.06.2025

Tour
Minentour im Cerro Rico de Potosí
Tour
Bus
Potosí → Cerro Rico de Potosí
Potosí, Bolivia
Sehenswert
Cerro Rico de Potosí
Potosí, Bolivia
Sehenswert
El Tío
Potosí, Bolivia
Sehenswert
Kaue
Potosí, Bolivia

Nun ging es nach Potosí, einer für die Historie Boliviens sehr wichtigen Stadt. Die Anreise verlief unspektukulär mit dem Überlandbus, aber ganz netten Bergaussichten.

Potosí liegt im Süden und hat knapp 175.000 Einwohner. Das Stadtbild ist deutlich durch die Spanier geprägt, mit einer schönen, leider etwas zerfallenen Altstadt im Kolonialstil. Nette Atmosphäre, leider zu viel Verkehr und Abgase, gutes Bier und eine lebendige Gemeinde mit vielen Festen, Demonstrationen und Umzügen. Ständig war Marschmusik zu hören! 

Das wichtigste für die Stadt ist der Bergbau im 4800m hohen Cerro Rico ("reicher Berg"), der auch für den Wohlstand in Europa eine entscheidende Rolle spielte. Seine reichhaltigen Schätze, riesige Silberadern, Zink und andere Mineralien wurden für die Spanier vor allem im 16.-18. Jahrhundert abgebaut und spülten Unmengen an Reichtum nach Europa, welcher eine wichtige Rolle bei der Finanzierung der frühen kapitalistischen Wirtschaft spielte und so die industrielle Revolution ermöglichte. Über die spanische Krone bis hin zu den Fuggern in Augsburg, das Silber wurde genutzt und startete die tiefgreifende und dauerhafte Umgestaltung der wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse in Europa und den USA. Anngeblich wurde sogar das Dollarzeichen hier erfunden. Noch heute steht das spanische Sprichwort "vale un Potosí" für "es ist ein Vermögen wert". 

Der Cerro Rico wird aber auch "der Berg, der Menschen frisst", genannt. Und tatsächlich erscheint die Geschichte des Berges wie ein einziger dystopischer Alptraum, denn die Spanier agierten hier - wie so oft auf diesem Kontinent - nicht als Menschenfreunde. Es wird geschätzt, dass alleine 8 Millionen indigene Zwangsarbeiter im Berg bei menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen den Tod fanden. Als diese Arbeiter knapp wurden, wurden auch afrikanische Sklaven nach Potosí gebracht, viele von ihnen starben jedoch schon an der sauerstoffarmen Höhenluft, bevor sie unter Tage eingesetzt werden konnten. 

Auch wenn Silber nicht mehr denselben Stellenwert wie zur damaligen Zeit hat und die großen Silberadern versiegt sind, wird auch heute noch im Cerro Rico Bergbau betrieben, und zwar unter unvorstellbaren Bedingungen, stark denen im 16. Jahrhundert ähnelnd. Auch hier ist der Tod ständiger Begleiter der Arbeiter, und man kann nur hoffen dass der Abbau durch die schwindende Wirtschaftlichkeit möglichst schnell gestoppt wird (wir sind aber nicht optimistisch, dass das passiert). 

Der Berg, der seit über 600 Jahren immer weiter ausgehöhlt wird, ist  ist akut einsturzgefährdet und sackt jedes Jahr mit zunehmender Geschwindigkeit zusammen, oft mehrere cm pro Jahr. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis ein großer Einsturz kommt. Wann das sein könnte, weiß aber niemand, da keinerlei Monitoring oder irgendeine Form von Abbauplanung stattfindet, geschweige dass geschultes Fachpersonal in dem Berg arbeitet. Der bolivianische Staat bekleckert sich nicht mit Ruhm sondern hält sich raus. Der Abbau wird von Kooperativen gesteuert, die nach dem was wir gehört haben, die Menschen eher ausbeuten und außerdem noch in Konkurrenz zueinander stehen. 

Trotz der widrigen Bedinungen sind die Jobs im Berg begehrt, da die Gehälter höher sind als sonst in der Gegend und die Hoffnung auf möglichen Reichtum zu verlockend sind. Es gibt keine nennenswerten Sicherheitsmaßnahmen (sogar den Helm muss man sich selber kaufen) oder detaillierte Abbauplanungen mit gebirgsmechanischen Berechnungen. Die Lebenserwartung der Arbeiter beträgt nur 40-50 Jahre, und kaum jemand schafft es mehr als 10 Jahre in dem Berg zu arbeiten, bevor die Atemwegserkrankungen zu schlimm werden. Und jeden Tag sterben Menschen in dem Berg durch Unfälle. Auch Kinderarbeit ist leider keine Seltenheit, besonders wenn der Familienernährer in der Mine verstirbt.

So im Detail wussten wir das aber alles noch nicht, und wollten uns eine Besichtigung des Bergwerks nicht entgehen lassen. In Chile hatten wir ja schon Tagebau gesehen, und fanden es spannend jetzt unter Tage zu gehen.

Also buchten wir eine Tour in der Stadt, Besuch von zwei Abbaugebieten, die durch einen 65m langen Verbindungsgang verbunden seien, und wir würden auch Sprengungen erleben. Soweit, so gut!

Früh morgens ging es los, zunächt besuchten wir einen kleinen gammeligen "Bergbaushop". Hier konnten wir tatsächlich für umgerechnet 5 Euro und ohne weitere Überprüfung Dynamit und TNT sowie Zünder (per Feuerzeug zu starten, dann hat man 180 Sekunden Zeit) kaufen (frei verkäuflich ab 14 Jahren, hätten wir auch bekommen wenn wir alleine gewesen wären). Dazu kauften wir noch 95%igen Schnaps (unvergällt zum Trinken, quasi blind auf Bestellung), einige Flaschen Wasser, Säfte und Zigaretten für die Arbeiter und um es El Tio, dem Gott der Unterwelt zu opfern, damit er uns wieder heile aus dem Berg lässt (wir ahnten noch nicht, dass wir uns bald in einigen Situationen mit El Tio mental auf Augenhöhe befinden würden).

Anschließend wurden wir eingekleidet: Arbeitshose, -kittel und Gummistiefel, Helm mit Grubenlicht. Staubmaske hatten wir selber dabei.

Weiter ging es mit dem Bus und viel Stau auf den Berg. Viele Laster standen am Straßenrand oder den Tankstellen an, beim akuten Dieselmangel mussten sie manchmal tagelang warten bis sie weiterfahren konnten. In den Staubwolken grasten Tiere am Wegesrand, teilweise saßen junge Mütter mit ihren Babies auf Steinen herum. Unsere Bergführer (ehemalige Minenarbeiter und einige sehr junge Frauen) versuchten eine Stimmung wie auf Klassenfahrt zu erzeugen mit Cocablättern for free und saloppen Sprüchen, etwas zu aufgedreht und zu gut gelaunt.

Schon am Stolleneingang sah es eher aus wie in einem Bergbaumuseum als einer aktuellen Abbaustätte. Schnell wurde "dem Onkel" El Tío die Aufwartung gemacht, der mit Lamablut beschmiert und mit Luftschlangen umhüllt in einer Mauernische saß, ein Minischluck Schnaps für uns, und ein großzügiger Teil wurde auf die merkwürdige Statue gespritzt, auf dass er uns wohlgesonnen sein würde.

Dann ging es rein. Und sofort eng, schlechte Luft, Staub (Asbesthaltig, schlauer ist man manchmal erst hinterher), matschig und dunkel, sehr dunkel. Wir wurden durch ein Gewirr von Stollen geführt, wo wir immer wieder Loren ausweichen mussten die von Arbeitern in Jogginghose nur per Muskelkraft und mit einem Affenzahn durch die nicht mal mannshohen Tunnel geschoben wurden. Die Gänge waren so eng, dass man sich an die Wand pressen musste und oft einen Fuß auf den anderen stellen musste, damit die Loren vorbeipassten. Zeitweise war es so niedrig, dass man sich hockend oder kriechend fortbewegen musste, aber nicht zu langsam damit man schnell wieder an Stellen mit Ausweichmöglichkeiten für die Loren kam. Diese Nischen musste man sich nicht selten mit weitern El Tio-Statuen teilen. Auffällig war, dass viele Stützbalken gebrochen und das Deckgestein deutlich von oben drückte /hereingebrochen war. Unser Führer erzählte uns, dass immer wieder Tunnel einstürzten, die dann eben wieder neugegraben werden müssten. 

Eigentlich war die Situation schon jetzt so, dass man in Panik hätte geraten können, aber alle in der Gruppe waren damit beschäftigt die Anweisungen zu befolgen und zu funktionieren, sodass keiner ein Veto einlegte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir den schon erwähnten Verbindungsstollen, und eigentlich hätte man spätestens hier die Tour abbrechen müssen. Haben wir aber nicht getan. Also ging es durch den ca 65 m langen Tunnel mit 30 Grad Gefälle und ca 60-80 cm Durchmesser, in dem man sich nur noch im Liegen rutschend/hinunterkletternd fortbewegen konnte. Aurecht sitzen war nicht möglich. Der Tunnel war einfach so durch den Berg gegraben, teils loses Material, nichts gesichert, sehr verwinkelt. Die Luft war so schlecht, dass wir unsere Atemmasken abreißen mussten um atmen zu können, immer darauf bedacht bloß keinen großen Hustenanfall zu bekommen. Objektiv betrachtet Lebensgefahr, aber unsere Körper waren voll im Funktionsmodus, und es half ja auch nichts, wir mussten da jetzt durch. Staubtrockener Hals, nassgeschwitzte Körper, irgendwie störte nun die Stange Dynamit in der Hosentasche. Dann die Erlösung, als wir nach einer gefühlten Ewigkeit im unteren Stollen angekommen waren. Dreckverschmiert, erschöpft. Erst mal was trinken, erstmal durchatmen. Was für eine Scheiße.

Kaum waren wir unten, teilte der gutgelaunte Guide und mit, dass jetzt Sprengzeit sei und sammelte die Dynamitstangen ein. Entsetzen machte sich in den Gesichtern der Gruppe breit, darauf hatte keiner Bock und Nerven.

Aber egal, gekauft ist gekauft also los, das Zeug wurde zusammengeknetet, der Zünder scharf gemacht, und das Ding in einem Loch versenkt. Vier Mal hintereinander. Die Guides übernahmen das Anzünden, Wegtragen und Werfen selber, ganz so lebensmüde waren sie wohl doch nicht, das zittrigen Touris zu überlassen. Und wir warteten schicksalsergeben, bis der Spuk vorbei war. Bum, ...Bum... Bum.... .... na der vierte wollte wohl nicht. Na dann nix wie weg, die Gase krochen schon uns um die Nase....

Weiter durch Gummistiefeltiefen Matsch, über schlecht verlegte Lorengleise, immer wieder schnell ausweichen, weiter, gebückt, immer wieder mit dem Helm vollekanne irgendwo gegen hauen. Donk, Donk Donk, man das kann doch nicht so eng und schmal sein, was ist das für ein Arbeiten? Doch konnte es. Es wurde anstrengend, und uns gingen langsam die Kräfte aus. Zack, wieder in einem Schlammloch versunken, ohne tatkräftige Lorenschieber die einen wieder herauszerrten wäre man festgesteckt im Matsch zwischen den Schienen. Nach mehreren Anstiegen und Kurven und 180°- Wenden, endlich: Licht! Das Ende des Tunnels, der Ausgang. Hallelujah!

Ordentlich bedient, durstig und vollkommen verdreckt, erstmal durchatmen. Ausklopfen. Warum schmeckte alles metallisch? Dieser Geschmack sollte uns noch Tage später begleiten mit leichtem Husten. Auf zur "Kaue", bisschen waschen und die Klamotten anziehen. Dann nix wie zurück in die Stadt duschen und ein wohlverdientes Bier!

Schon wir fühlen uns so, dass diese Minentour eines der irresten und gefährlichsten Dinge war, die wir in unserem Leben gemacht haben. Alle Teilnehmer bekräftigten einstimmig, dass sie so etwas nie wieder in ihrem Leben machen möchten.

Und es ist unvorstellbar, unter diesen Bedingungen arbeiten zu müssen, und es scheint so wenig Bewusstsein dafür zu herrschen, dass es noch nicht mal vertuscht wird.

60,000 Tonnen Silber sind wohl bis dato aus dem Berg gefördert worden sein, doch von diesem Reichtum ist hier nichts angekommen, bis heute. Wir sahen die Arbeitsbedingungen wie vor Jahrhunderten, mit einem unglaublichen Konkurrenzkampf. Die Arbeiter dürfen zB bestimmte Tunnel und Gänge nicht nutzen, wenn sie zu anderen Kooperativen gehören. Stattdessen entsteht dann etwas so Gefährliches wie der Verbindungstunnel, durch den wir gekrochen sind. Auch arbeiten sie auf eigene Rechnung, so dass sie manchmal lieber die schweren Loren alleine schieben, damit sie sich den Lohn hierfür nicht teilen müssen. Es wurde uns von Diebstählen in der Mine, die dann mit Lynchmorden vergolten wurden. Junge ungelernte Arbeiter tun so, als hätten sie Erfahrung, und sprengen sich zu Tode. 

Aber noch sind die Schätze des Berges nicht versiegt. Die polymetallische Ganglagerstätte Cerro Rico de Potosí, hat noch geschätzte Ressourcen um 540 Mio. t mit 102 g/t Ag und 0,10–0,17 % Sn (Bernstein, 1989).  Also sind noch ca. 50000t Silber im Berg. Maschineller Abbau erscheint nicht unbedingt wirtschaftlich, billige Arbeiter und mangelnde Alternativen werden weiter Generationen in den Berg ziehen.

Bis der Berg einstürzen wird und es tausende Tote geben wird, denn Selbstrettung ist ziemlich ausgeschlossen in diesem Berg. Gerettet werden auch. Und wahrscheinlich wird auch danach noch weitergegraben.

Das Erlebnis hat uns ziemlich erschüttert, auch dass wir noch nie davon gehört hatten, und wir brauchten wirklich einige Tage es zu verarbeiten.

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Dauer
1 Tag
Begleitung
Mit Freunden
AbenteuerlichAbseits der Pfade
  • Minentour im Cerro Rico de Potosí
  • Kauf von Dynamit und TNT vor der Tour
  • Fahrt mit dem Bus hinauf zum Berg
  • Sprengungen in den Stollen
  • extrem enge und gefährliche Verbindungstunnel
StaubmaskeArbeitshoseArbeitskittelGummistiefelHelm mit Grubenlicht
StadtGeschichteAbenteuerTransit
  • Dynamit, TNT, Zünder und Getränke für die Minentour5 €
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