Donnerstag, 5.6.2025
Das erste, was ich von Lerwick nach dem Hafen wahrnehme, ist das Shetland-Hotel, ein etwas hässlicher brauner Bau gegenüber des Hafens. Es nieselt etwas, ein frischer Wind weht. Wir sehen andere Radler:innen, die sich an ihrem Gepäck zu schaffen machen. Holen die etwa das Regenzeug raus? Wir radeln los. Schon bei der ersten Steigung muss ich kämpfen, die rund 17 kg Gepäck merke ich, und relativ steil ist es auch. Verschnaufpause bei der Lerwick Brewery, ein gutes Zeichen? Dann geht es bergab, aber wegen des Windes muss ich treten, von alleine läuft es nicht. Der Regen wird stärker. Bei einem Bushäuschen stellen wir uns unter und ziehen unsere Regensachen an. Bushäuschen gibt es ziemlich viele und sind eine sehr sinnvolle Einrichtung für Radelnde; sie bieten auch gegen den Wind Schutz!
Wieder mühsam bergauf, dann biegt unsere Route auf eine Nebenstraße ab. Wir kommen an einer der beiden Einrichtungen vorbei, bei denen man einen Kaffee oder Tee bekommt, eine Mischung aus Post Office, Tankstelle, Cafe. So jedenfalls steht es im Blog, an dem wir uns orientieren. Der Regen hat aufgehört, für einen Kaffee ist es noch zu früh, weiter. Bergauf bergab folgen wir der Küste auf einer Single Track Road. Die Autos warten geduldig, bis wir eine Ausweichstelle erreicht haben. Wir sehen Wiesen mit Schafen und ihren Lämmern, immer hinter einem Zaun. Die Weite der Landschaft beeindruckt und lässt erste Glücksgefühle aufkommen. Wir müssen wieder auf die Hauptstraße. Die Autos überholen mit einem Affenzahn, aber immer ganz auf der anderen Spur. Oder warten geduldig , bis sie vorbei können.
Dann kommt wieder eine Nebenstraße, sogar mit einem Schild "Cafe". Hat leider Betriebsferien, wie wir erfahren. Wir setzen uns trotzdem auf eine Bank ("that's okay") und packen unser Vesper aus. Sogar mit etwas Sonne! Und weiter bergauf bergab, jetzt müsste doch langsam die Fähre kommen? Endlich sehen wir, wie sie gerade auf unserer Seite einläuft. Nix wie drauf! Keine Ahnung, wie das mit bezahlen ist, da wird sich schon jemand melden. In der Lounge aufm Schiff ist es angenehm warm, und richtiges Sitzen tut auch gut!
Auf der Insel Yell verlassen wir die Fähre, niemand wollte Geld von uns. Auch recht. Am Parkplatz steht ein Imbisswagen, der auch Kaffee verkauft. Jetzt greifen wir zu. Weiter geht's. Das Bild ändert sich kaum - Straße, Zäune, Wiesen, Schafe, Lämmer, ab und zu mal ein paar Häuser, seltsamerweise meist mit einem Kamin an jedem Giebel, immer wieder Meerblick. Dann nach gut einer weiteren Stunde müssten wir in der Nähe unserer ersten vorgebuchten Unterkunft sein. Nach einem Umweg - das B&B steht unweit der Hauptstraße, wir umfahren es erst auf einer Nebenstraße - erreichen wir Quam B&B. Wir werden herzlich empfangen, beziehen unser Zimmer. Bis zum gebuchten Abendessen ist noch Zeit, wir radeln zum Strand. Wunderschön ist es hier. Ein älteres Paar hat Schuhe und Strümpfe ausgezogen und läuft an der Wasserkante spazieren. Das können wir auch! Das Wasser ist erfrischend, aber nicht richtig kalt. Es macht Spaß, die Sonne scheint, der Blick übers Meer ist herrlich!
Um halb 7 gibt es Abendessen, es sind noch 4 weitere Gäste da. Etwas Smalltalk, ich kann mit meinem Englisch halbwegs mithalten. Es gibt eine schmackhafte Suppe, eine Art Kassler mit Ananas und Kartoffeln mit Salat. Und ein Bier. Frühstück wird besprochen, halb 8 ist okay. Es folgt ein tiefer Schlaf... Die knapp 70 km haben mich mit ihren 700 Höhenmetern doch müde gemacht.
Freitag, 6.6.2025
Ich bekomme mein Standard-Frühstück, nur ohne Beans und mit Toast statt Semmeln. So gestärkt geht es nach Norden, bergauf, bergab, meist auf der Hauptstraße, mit leichtem Gepäck. Der Plan sieht vor, dass wir bei der Rückfahrt im nördlichsten Pub Schottlands einkehren, in Mid Yell. Wir haben Regenkleidung an, die hält auch den Wind ab, der teilweise heftig bläst, leider meist von vorne. Die nächste Fähre bringt uns auf die Insel Unst, wieder will niemand Geld von uns. Irgendwie ändert sich die Landschaft, ich kann es nicht genau beschreiben, was es ist. Vielleicht sind die Ansiedlungen grösser, dafür weniger als auf Yell. Schafe, Lämmer, Wiesen, Meer, Bushäuschen bleiben aber gleich. Es ist felsiger, mehr Klippen.
Die ersten Shetland-Pony werden gesichtet. Wir besichtigen eine Kirche und dann den ersten Lebensmittel-Laden, den wir sehen. Ich kaufe einen kleinen Whisky fürs Anstossen am Ziel. Dann die erste Attraktion: Bobbys Bus Shelter. Ein Bub hatte sich beschwert, dass "sein" Bushäuschen entfernt wurde. Daraufhin wurde es wieder aufgestellt, und viele Menschen brachten Gegenstände mit, die einem das Warten auf den Bus angenehmer machen, zB einen Stuhl oder eine Dekoration. Das hat sich zum Selbstläufer entwickelt, und 2025 steht im Zeichen der Biene, siehe Bilder.
Das Wetter wird immer besser, die Straße schmäler, die Steigungen steiler, die Abfahrten rasanter. Dann endlich: der most northern point der National Cycle Route 1 ist erreicht, mithin der Beginn (oder das Ende) des EV12. Der Strand wieder traumhaft, die Aussicht super. Ein weiteres Radlerpaar trifft ein. Wir machen Brotzeit auf den Ruinen des Beobachtungspostens aus den beiden Weltkriegen, die einzige Bank ist leider besetzt. Aber es ist auch so einfach traumhaft. Ich kann fast nicht glauben, was für ein Wetter wir erwischt haben. Ein Spaziergang rundet den Besuch ab, es geht auf dem selben Weg zurück.
Leider hat das einzige Cafe auf der Strecke, Victoria's Vintage Tea Room, schon geschlossen wegen einer Veranstaltung. Als wir am Vormittag vorbei geradelt sind, sassen noch Leute drin...
Im Laden kaufen wir ein paar Lebensmittel, wer weiss, wann es wieder einen gibt. Was vorher angenehm bergab ging, ist jetzt ein mühsames bergauf, es schlaucht mich ziemlich. Aber es lockt das Pub. Wieder eine kostenlose Fährfahrt, die insgesamt gut 40 km ziehen sich elend. Wind ist wieder aufgekommen, von vorne halt. Meine Frau fährt auf ihrem E-Bike voraus, kann aber kein Pub finden. Hat wohl Corona nicht überlebt. Ohne Pub keine Einkehr... Immerhin haben wir was eingekauft, verhungern tun wir nicht.
Endlich kommen wir in der Unterkunft an, ich bekomme noch ein Bier, wir machen Tee (Kocher aufm Zimmer!). Gegessen, geduscht
und ab ins Bett.
Fazit: Unwahrscheinliches Glück mit dem Wetter, ein traumhafter, aber anstrengender Tag (95 km, 1.100 Höhenmeter).
Samstag, 7.6.2025
Wieder scheint die Sonne! Der Wind ist weniger. Nach einem guten Frühstück verlassen wir Quam B&B und machen uns auf den Weg nach Lerwick, wo wir im Glen Orchy House gebucht haben. Nach dem gestrigen anstrengenden Tag bin ich ziemlich k.o. Eigentlich wollten wir über die Westroute zurück, machen auch den ersten Abschnitt, der uns nach Brae führt. Scheint ein kleines Zentrum zu sein mit Schulen, einem Laden und einem Imbiss. Doch als wir den sehen, haben wir schon Brotzeit (in der Sonne!) gemacht, also weiter. Ich brauche viele Pausen. Die Route hätte nochmal 300 Höhenmeter mehr als bei der Hinfahrt, aber ich muss passen, es geht einfach nicht. Wir nehmen die Hauptstraße und den Verkehr in Kauf, immer wieder Pause. So erreichen wir nach 70 km und 600 Höhenmetern endlich Lerwick und unser B&B.
Ein schönes Zimmer belohnt uns mit Blick auf Golfplatz und Meer. Das Haus bietet thailändische Küche, wir essen praktischerweise gleich dort. Es hat geschmeckt!
Ein Spaziergang in das Städtchen und zur ehemaligen Befestigungsanlage lässt den Tag angenehm ausklingen!
Fazit: Kein Vergleich mit unserer gewohnten Infrastruktur (Rastplatz, Einkehrmöglichkeit usw.), aber wunderschön. Neue Erkenntnis: ich spüre mein Alter...