Rollentausch 2.0
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Keks und Contergan

Veröffentlicht: 02.04.2025

Sehenswert
MHH
Hannover, Deutschland

Ich war extra früh, holte noch eine neue Quartalsüberweisung (cooles Galgenmännchen), und warf meine Terminkarte in die Wartebox in der Hämatologie.

Das Wartezimmer war erstaunlich leer. Neben mir ein älteres Pärchen, das sich über den besonders guten Kaffee in der MHH unterhielt. 

„Sie haben hier heute keinen Termin!“ Doch klar, hier ist die Karte. „Hmm ich kläre das!“ sie schnappte sich meine Unterlagen und verschwand im Behandlungszimmer. Ich versank in mein Buch darüber, wie sich Heilung anfühlt. Das ältere Paar schaute sich Videos auf dem Handy an. Die Musik war laut, so dass ich mich nicht konzentrieren konnte und gezwungen war, zuzuhören. Die Katze hatte Schmerzen an der Tatze. In 12 Tagen würde sie Geburtstag haben. Den Rest verstand ich nicht mehr.

Ich klopfte nochmal an die Tür, hatte sie noch vergessen? „Hallo, also ich sollte eine kurze Rückmeldung erhalten, was mit meinem Termin ist. Das war vor einer halben Stunde.“ Jaja bla bla setzen Sie sich.

Da war wieder dieser Typ, ein Arzt denke ich. Jedes Mal ist er da und stampft den Bodenbelag glatt. Immer viel zu schnell unterwegs, immer ein zu fester Schritt. Und immer ein Brötchen in der Hand. Während er so dahin strackst kaut er und verliert dabei de Koordination über seine Atmung. Und ich über meine Gedanken. Ich drifte weg.

„Kaffee? Teee? Alles umsonst“ eine grüne Dame kommt vorbei.  Ich bin wieder wach und die MFA meint, sie müsse erst alles mit der Oberärztin klären, die aber auf Station ist. Mittlerweile bin ich eine Stunde in der Ambulanz, ohne, dass etwas passiert ist.

Wie immer unorganisiert.

Ich gehe solang auf meine Station und überbrücke die Zeit. Drucke einige Dokumente und quatsche. 1.5 Stunden nach meinem Termin ruft sie an, ich soll runter kommen.

Wieder warten. „Keks?“ oh, danke! Ein Mann neben mir bietet mir einen seiner Kekse an. Das wird heute 1 von den 3 Dingen, für die ich am Tag dankbar bin.

Wann bin ich endlich dran.

Die Ärztin weiß nicht so richtig etwas mit mir anzufangen. Sie blättert vor und zurück, schüttelt den Kopf. Wirkt super unsympathisch. Geht meine Werte durch. Kann sie nicht einordnen. „Cardiolipin, Alphafodrin, alles hoch alles hoch“ nuschelt sie.

Ja, ich will auch nicht hier sein…..

Also kommt die Oberärztin dazu. Wir sprechen zu dritt. „Sie haben eine Erkrankung die selten ist. Und vor allem: nicht heilbar! Das müssen Sie verstehen. Das ist nicht schön, aber nicht zu ändern. Also, entweder warten wir jetzt zu. Ggf werden die Symptome besser, wenn es wärmer wird. So schlecht sind die Werte auch nicht. Sie sind noch so jung und ich will ihnen das möglichst lange ersparen. Oder wir geben Vollgas und behandeln dann das Lymphom. Das heißt aber nochmal Knochenmarkbiopsie und dann volles Programm mit Chemo….. Contergan…“ 

Moment was? Nein.

Ich entscheide mich fürs Zuwarten. Während ich das sage, kribbeln meine Fußsohlen wie verrückt. Das tun sie jeden Tag, 24h aktuell ohne eine Minute Pause. Aber besser als dieses Programm.

„Alles gut. Mir geht’s gut!“ dabei schaue ich auf den Boden. Sicher kann man im Restaurant den Kellner aus Höflichkeit anlügen, das Essen hätte vorzüglich geschmeckt. Aber wenn es um die Gesundheit geht?

Nachmittags soll ich die Professorin anrufen. „Melden Sie sich in zwei Monaten erneut. Wenn sie Werte nicht besser sind machen wir Therapie!“

„Hm also die Hämatologen denken, dass es mit der Wärme vielleicht besser wird“

„Das glaube ich nicht.“ Sie legt auf.

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Begleitung
Allein
Abseits der PfadeEntspannend
  • Warten in der Hämatologie
  • Keks angeboten bekommen
  • Gespräch über eine seltene, nicht heilbare Erkrankung
  • Entscheidung fürs Zuwarten
KulturWellness
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