

Veröffentlicht: 16.05.2024













































































Morgen früh mache ich mich auf den Weg Richtung Assisi: erstmal mit dem Zug über Zürich und Lugano nach Milano.
Jetzt mache ich mich auf den Weg: mit 11 kg Rucksack-Gepäck - inclusive Wasserflaschen und Wanderstiefeln. Denn für die Reise nach Milano mag ich sie nicht den ganzen Tag anhaben. Einzige Alternative in meinem Gepäck sind die Sandalen, die heute nicht wirklich zum Wetter passen…
Aber ein Blick auf das Wetter in Florenz lässt hoffen.
In Zürich kann ich die Regenjacke schon wegpacken und hätte fast die Sonnenbrille rausgekramt. Allmählich fühlt es sich nach Pfingstferien an.
Am Züricher See und weiter zum Luganer See verändert sich die Landschaft …es wird gebirgiger, sogar schneebedeckte Gipfel sind zu sehen.
Ankunft in Milano und endlich nicht mehr sitzen. Inzwischen ist es 19.30 Uhr und ich laufe zum Bed&Breakfast Viale Monza 26: ein altes 4-stöckiges Quarée mit Wohnungen und B&B, sehr freundlich und authentisch.
Und quer gegenüber ein Glückstreffer: MINTA - winziges Ristorante mit 10 Plätzen drinnen und ein paar draußen, frische und leichte Küche mit einer vergnügten, vor sich hinsingenden Bedienung.
Heute geht es weiter nach Assisi: nach einem herrlichen Frühstück mit Marmelata von der Nonna und Omeletta con Melanzane e Finocchio von Nonno und „parlare“ mit zwei Brasilianerinnen, die nach Venezia unterwegs sind. Alles klein und originale, gentile e familiare ♥️🇮🇹
Mit der FrecciaRossa rattere ich durch die Reggio Emilia Richtung Firenze und nähere mich Stück für Stück dem Cammino. Hier ist es topfeben und nur im Westen sieht man Berge.
Allmählich wird es hügeliger durch die Toscana. Auch die Architektur verändert sich poco a poco - wäre ich geflogen, hätte ich es nicht gesehen.
Und dann endlich: ankommen in Assisi. Ich widerstehe der Versuchung, in den Bus nach oben zu steigen und gehe Schritt für Schritt die 250 Höhenmeter über 3,5 km hoch in die Franziskus-Stadt. Passo per passo dem Ziel des Pilgerweges von 2023 entgegen, der dieses Jahr mein Ausgangspunkt sein wird.
Die Stadt brummt vor Pfingstbesuchern aus aller Welt, aber immer wieder finden sich stille Momente, ruhige Gassen und auch ein kleines Ristorante abseits mit lokalen Gerichten: Bruschette mit Crema aus roten Zwiebeln und Linsen, Spaghettone mit Trüffeln und Butter, Cantuccini mit Vin Santo.
Mein Quartier bei den Franziskanerinnen ist schlicht und authentisch in uraltem dickem Gemäuer. Sorella Silvana bringt gut 120 Kilo auf die Waage und sieht in ihrem schwarzen Gewand mit Seil um die Hüfte beeindruckend aus. Nachdem unsere erste Begegnung etwas alarmierend war, weil sie meine Buchung vom Januar nicht mehr finden konnte, ist sie sehr freundlich und organisiert mir doch noch ein Zimmer. Halleluja!
Heute am Pfingstsonntag habe ich einen Gottesdienst in der Basilika San Francesco besucht: der Pfarrer kam aus Namibia und predigte sehr mitreißend und freudig vom Heiligen Geist als dem Passwort unserer Verbindung zu Gott.
Danach habe ich mir einen neuen Pilgerpass und den ersten Stempel besorgt. Dann kann es morgen losgehen!
Nachmittags saß ich eine ganze Stunde in der kleinen Kapelle Portiuncula, die lange Zeit Zufluchtsort von Franziskus und den ersten Minderbrüdern, in einer stillen Ecke auf dem Boden und habe die Atmosphäre von diesem besonderen Ort aufgenommen. Danach habe ich nach einem Pilgersegen gefragt und wurde zu einem alten Franziskanermönch geführt, der gerade am Laptop arbeitete. Als ich von meinem Cammino 2023 erzählte und von meiner Fortsetzung morgen, sprach er ein schier endloses italienisches Gebet, bat Gott Vater, Sohn und Heiligen Geist um Schutz für mich und auch San Francesco und Santa Chiara. Als er fertig war, sagte er „Aspetto!“, holte aus seiner Brusttasche ein silbernes Stäbchen und spritze mich üppig mit Weihwasser ein.
Danach brauchte ich ein bisschen Bodenhaftung durch Foccacia und Gingerino.
Dann wanderte ich hoch zum kleinen Kloster San Damiano und gerade als ich mir einen Pilgerstempel abholen wollte, begann ein italienischer Rosenkranz und ein Gottesdienst mit vielen schönen Gesängen und großzügig Weihrauch. Ein wirklich vielfältiger Pfingstsonntag.
Am Pfingstmontag mache ich mich endlich auf die Socken raus aus Assisi und über den Monte Subasio nach Spello - ein wirklich anspruchsvoller Aufstieg mit gut 800 Höhenmetern.
Unterwegs: Eremo delle carceri - ein Kloster, das ganz streng nach den franziskanischen Armutsregeln gebaut wurde. So klein und eng sind die Türen, dass ich mit meinem Rucksack gar nicht durchkomme, sondern ihn abnehmen und erstmal voraus in den nächsten Raum stellen muss, bevor ich selber durchgehe. Da ist auch ein Franziskus-Bett im Fels und einige Höhlen als Rückzugs- und Gebetsorte der ersten Franziskaner.
Die Flora in der Höhe hilft mir beim Weitergehen. Alpenveilchen, Orchideen, Lein, wilder Spargel… und viele Schönheiten, deren Namen ich nicht kenne.
Anstrengend ist auch der Abstieg: 800 Höhenmeter abwärts auf Waldwegen ca. 25 cm breit mit Wurzeln, Steinen, Abbrüchen - später auf Schotterwegen durch Olivenhaine. Eine gute Achtsamkeitsübung!
Quartier finde ich bei den Franziskanerinnen im Kloster Piccolo San Damiano.
Leckeres Essen und fröhliche Gespräche mit den Nonnen runden den Tag ab. Buona notte!
Es war leider keine buona notte: es hat die ganze Nacht geregnet und ein Esel hat geschrien.
Den Tag heute bin ich im Regen gelaufen. Es waren sehr wenige Menschen unterwegs. Einmal habe ich ein Paar aus Verona getroffen, die mich vor lauter Freude über die erste Begegnung seit zwei Tagen umarmt haben.