Ach, was soll ich sagen, was für eine Woche. Mal wieder schaffe ich es erst spät zu schreiben, obwohl ich doch so viel zu erzählen habe. Die Woche auf der Farm war - für mich - recht ruhig. Wir haben momentan nur drei Hunde in der Pension und da ich viel unterwegs war musste ich auch nicht viel arbeiten. Zak, Charles und Sydney, meine drei Lieblings-Riesenschnauzer sind gestern leider abgeholt worden und jetzt spielen auf einmal alle Hunde auf dem Feld mit, was mich am Anfang schon überrumpelt hat, hat sich Zak doch nie einen Meter bewegt. Also heißt es jetzt Ballspielen statt Schafe gucken (Zaks Lieblingsbeschäftigung). Dafür haben wir jetzt Lucy, einen - wie ich finde- ziemlich biestigen kleinen Spaniel, Mollie the Collie und Molly the beast (Beinamen zwecks Unterscheidung beim Füttern zwingend notwendig). Molly soll angeblich eine Mischung aus Collie und Labrador sein, ist dafür aber eindeutig zu groß und zu schwer. Jan meinte, dass das bei geretteten Hunden oft behauptet wird, weil sich Collies und Labradore besser vermitteln lassen. Dafür haben wir jetzt umso mehr Katzen, inklusive der 15-jährigen Smudge und der dreibeinigen Cybil. Unser Langzeitbesucher Truffle ist diese Woche auch endlich wieder im trauten Heim. Sonst ist auf der Farm letzte Woche noch das letzte Lamm geboren worden, was die Herde jetzt auf 19 Lämmer, 16 Schafinnen und 7 Schafer wachsen lässt (Chapeau, Männer...). Die Lämmer wachsen schnell und rennen und stürzen über das Feld. Ich habe derweil den Dachboden in der Scheune entrümpelt und Kleidung für den Secondhand-Laden herausgesucht und gewaschen, Tomaten und Kürbisse umgepflanze, wir haben Pferdemist auf den frisch umgegrabenen Feldern verteilt und Unmengen an Unkraut gejätet.

Mitte der Woche hat uns Jan mit nach Melton Mowbray genommen um dort auf den farmer's market zu gehen. Ich mag Märkte und hab mich darauf gefreut mit Jan Blumen auszusuchen und durch die kleinen Buden zu schlendern. Doch der Bauernmarkt in Melton Mowbray war nicht ganz so niedlich wie ich es mir vorgestellt habe. Hunderte von Traktoren, Transporter und Viehanhänger erwarteten uns schon auf dem Parkplatz und wir haben den Markt über die Viehanlage betreten. Dort wurden hunderte und aberhunderte von Schafherden, Schweinen, Kühen, Hühner und Puten versteigert. Daneben gab es Obst, Gemüse, Arbeitskleidung, einen Flohmarkt, Tierfutter für sämtliche Tierarten und Frischfleisch. Das war kein Bauernmarkt, das war ein Markt für Bauern. Großartig. Es war laut und dreckig und die Bauern kamen in ihren schönsten Blaumännern um ihre Tiere zu präsentieren. Ich konnte die Ferkel nur streicheln, während Jan die Vor- und Nachteile jedes Tieren aufzählen konnte und uns die Tricks der Verkäufer erklärt hat. So mischen die nämlich bei den Küken gerne Hähne mit unter, die der eierproduzierende Betrieb natürlich nicht braucht. Und ohne es zu wissen geht man mit fünf Hähnen nach Hause statt fünf Hennen. Ich habe dabei zugeschaut, wie Schweine und Schafe versteigert wurden und auch die Versteigerung der Küken habe ich mir angeschaut (hat nur 4 Sekunden gedauert, 8 Pfund). Die Kühe werden in einer Art Amphietheater unten rumgeführt, sodass alle sie sehen können und dann versteigert. Wer bietet ist nicht wirklich ersichtlich, keiner regt sich. Dave erzählte mir später, dass es wohl traditionsgemäß nur ein Fingerspitzenwackeln o.ä. ist, ich habe nichts gesehen. Vielleicht habe ich auch aus Versehen eine Kuh gekauft, als ich mir die Nase gerieben habe, wer weiß das schon. Hilde stünde dann jetzt noch in Melton Mowbray auf dem Parkplatz. Jedenfalls war der Tag super, in der Innenstadt fand dann noch der Wochenmarkt statt, mit dem ich gerechnet hatte und wir haben uns die Kirche und die traditionelle Pie-Herstellung angeschaut (Melton Mowbray ist wohl bekannt für seine Pork-Pies und Blauschimmelkäse).

Letzte Woche war für mich die Woche der Reisen. Innerhalb von drei Tagen habe ich Birmingham, Stratford-upon-Avon und Oxford gesehen und es war traumhaft. Ich durfte Donnerstagmorgen den Zug nach Birmingham nehmen und habe den Tag in der Stadt verbracht. Auch wenn diese an sich nicht außergewöhnlich hübsch anzusehen ist, war es den Besuch trotzdem wert. Ich habe gemütlich am Victoria Square gesessen und den Schulklassen beim Aufgaben erledigen zugeschaut und das Rathaus und den Bulls Ring angeschaut (ein Einkaufszentrum mit einem Bullen davor, mehr ist es nicht. Eine nette Dame hat sich gekonnt auf mein Foto gestellt, das fand ich sehr nett, deswegen darf das hier natürlich nicht fehlen). Birmingham besteht in der Mehrheit aus Stahl und Glas, ohne wirklich Sehenswürdigkeiten zu bieten, aber die Stadt ist durchzogen von Kanälen. Ich habe einige Stunden am Brindleyplace und am Wasser verbracht, weil es eine wunderschöne Ecke ist. Außerdem waren am Donnerstag 26 Grad und nach zwei Wochen Regen hat sich das angefühlt wie 36°, weswegen ich auch prompt einen Sonnenbrand bekommen habe. In England. Da das Wetter zwei Tage später wieder derart schlecht wurde, laufe ich jetzt mit knallroter Nase und Brillenrändern im Gesicht mit meiner Regenjacke und dickem Pullover durch den knöcheltiefen Matsch. Wenigstens erheitere ich Sara und Jan. Das Hostel in dem ich von Donnerstag auf Freitag übernachtet habe war zuckersüß, familiär und so winzig (und ich bin 1,60, es war wirklich klein!). Der Rezeptionist nannte mich immer beim Namen, die einzige Dusche auf dem Flur wurde geteilt, zum Durchqueren des Zimmer brauchte selbst ich nur zwei Schritte und beim Frühstück hat der Chef das Brot für seine Gäste höchstpersönlich getoastet. Ich denke, ich werde Birmingham nicht noch einmal explizit besuchen, obwohl es eine der größten Städte Englands ist, hat es doch wenig zu bieten. Auf der Fußgängerzone, der New Street, auf der ich auf dem Weg zur Kathedrale langschlenderte wurde ich von einem buddhistischen Mönch und einem Telefon-Promoter angesprochen, was mich sonst eigentlich eher nervt, weil sie mir etwas andrehen wollen, dass ich nicht will. Doch wie viele Engländer sind auch die Promoter/ Mönche hier sehr nett. Sie versuchen nicht direkt dir ihre Lehrbücher und Telefonkarten anzubieten sondern betreiben erst Konversation, bevor sie auf den Punkt kommen. Das gibt mir natürlich die Möglichkeit (mal wieder...) Englisch zu sprechen und mich durch das Smalltalk-Wirrwarr der Briten zu üben. Denn darauf spontan (richtig)  zu reagieren fällt mir immer noch schwer. Wenn sie eigentlich gar nicht daran interessiert sind wie es mir geht, warum muss ich es jedem erzählen, statt einfach 'Hallo' zu sagen?

Am Freitag habe ich dann den Zug nach Stratford-upon-Avon bestiegen, denn auch wenn ich kein großer Shakespeare-Fan bin, gehe ich davon aus, dass bei einem Besuch seines Geburtsortes mehr Informationen hängen bleiben als beim Lesen, was für zukünftige Englischlehrerinnen sicher nicht hinderlich ist. Und ich muss sagen, es hat sich so sehr gelohnt. Stratford ist eine wunderschöne Stadt. Man kann Shakespeares Geburtshaus, seinen späteren Wohnsitz und das Cottage seiner Frau Anne Hathaway und den Hof seiner Eltern besichtigen. Da ich nur einen Tag in Stratford war und keine Lust hatte zu hetzen habe ich mich dazu entschieden lediglich das Geburtshaus in der Innenstadt anzuschauen und bin bis heute froh über diese Entscheidung. Durch das Besucherzentrum (und - puh- 17 Pfund Eintritt...) gelangt man in einen atemberaubenden Garten, der bei dem sommerlichen Wetter wie eine Oase mitten in der lauten Stadt ruht. Im Garten ausgestellt ist eine Wandinstallation von Shakespeares Werken (in Kurzform, ideal für Shakespeare-Muffel wie mich) und zwei Schauspieler haben Stücke aus seinen Werken aufgeführt und Sonette rezitiert. Im Haus selber wurde die Geschichte des Gebäudes gezeigt, inklusive Shakespeares Geburtsraum und dergleichen. Besonders beeindruckt war ich von der Tradition, nach welcher Pilger seit 1806 ihren Namen in das Fensterglas des Geburtszimmer geritzt haben und das ausgestellte Fenster trug Namen wie Lord Alfred Tennyson, Sir Walter Scott oder Thomas Carlyle. Und die Pilger ritzen heute noch ihre Namen in die Fenster des Hauses. Die Atmosphäre und der schöne Garten haben mich so beeindruckt, dass ich prompt eine Stunde nur im Garten gesessen habe und schlussendlich froh war, dass ich nur das eine Museum gewählt habe. Dave hat mich am Abend dann in Hinckley vom Bahnhof wieder abgeholt und wir haben bei Schwedenfeuer original Fish & Chips gegessen (leider nicht mein Fall...).

Samstag war ebenfalls aufregend, denn Jan hat uns mit nach Oxford genommen. Sie hat mit Black Annis, ihrer Morrisdance-Gruppe auf dem hiesigen Folkfestival getanzt und glücklicherweise noch zwei Plätze im Auto frei für mich und Sara. Also sind wir mit ihrer Schwester Stephanie und einer anderen Tänzerin schwer bepackt mit Kostümen, Trommeln, Stöcken, Stockpferd und kostümiertem Hund auf die 1.5stündige Fahrt nach Oxford. Sara und ich sind zu Beginn erstmal alleine losgezogen, während Jan und ihre Truppe in der Fußgängerzone Stellung bezogen und die Stöcke schwungen. Oxford ist unbeschreiblich; alt-ehrwürdig, rustikal und gleichzeitig fragil, pulsierend lebendig und gleichzeitig schwer ruhend. Auch hier gibt es ein System von Kanälen, das die Stadt durchzieht und wir konnten uns für unseren Lunch keinen besseren Ort aussuchen als das Ufer einer der Kanäle. Es war idyllisch und gleichzeitig haben wir uns kaputt gelacht. Auf den Kanälen kann man, entweder mit einem Guide oder auf eigene Achse mit langen Booten und einem langstieligem Stock ähnlich wie in Venedig über die Kanäle gondeln und während die Boote mit den Guides ruhig über das Wasser glitten, waren andere eher wenig talentiert. Die Person, welche das Boot anschiebt muss stehen, das schien das größte Problem zu sein und auch wenn eine weitere Person mithilfe eines kleinen Paddels die Richtung wechseln kann, schoben sich die Boote vor uns nur so in sich zusammen, krachten gegen das Ufer oder stießen sich gegenseitig um. Alle beladen mit Champagner und Erdbeeren, wollten posh durch Oxford und scheiterten kolossal. Sehr großer Spaß für uns, weniger idyllisch für die armen Insassen. Den Rest des Tages schlenderten wir durch den großen Park, vorbei an Morrisdancern und Kricketfeldern, und schauten uns die Stadt an. Am Nachmittag haben wir uns dann auf die Suche nach den Black Annis gemacht und ihnen und den anderen Gruppen noch eine Stunde beim Tanzen zugeschaut. Hattie (die kostümierte Hundedame) war großartig!

Am Sonntag hat mich Jan mit zu einem Agility-Wettbewerb genommen, an dem Hattie teilgenommen hat. Im Wesentlichen müssen die Hunde dabei über Hindernisse springen und Tunnel durchqueren, über eine Planke laufen und das möglichst ohne Pipi oder Häufchen. Es war ganz interessant und durch das schöne Wetter auch sehr angenehm den Tag draußen zu verbringen.

Die letzten beiden Tage haben wir auf der Farm verbracht, unterbrochen von unserem Spaziergang mit den Hunden entlang der Kanäle um Bosworth Field. Dort fand die Schlacht in den Rosenkriegen statt, in welcher Richard III. starb. Wir haben uns das Denkmal angeschaut und die wunderschöne Landschaft genossen.





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