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Tag 1 - Ankunft in Hanoi, Kaffee, Têt und Phò

Das Erste, das mich beim Betreten vietnamesischen Bodens begrüßt, ist der Wind. Kühl und böig weht er über das Flughafengelände. Nach über 30-minütigem Warten auf de Bus Richtung Hanoi Zentrum wird klar, die leichte Daunenjacke, die mich vor dem heimatlichen Winterwetter hätte schützen sollen, muss aus dem Rucksack hervorgeholt werden. Nach weiteren 60 Minuten des Wartens in der Kälte bin ich doch über diesen Entschluss froh. Gerade einmal 11 °C hat es an meinem ersten Tag in Vietnam. Der bereits erwähnte Wind tut sein Übriges, um mich wie zuhause zu fühlen.

Gerade, als wir an der Bushaltestelle Wartenden uns dazu entschlossen hatten uns gemeinsam ein Taxi in die Stadt zu nehmen, taucht der Bus 86 endlich auf. Nach Betreten des Busses warten wir erneut geschlagene 20 Minuten darauf, dass der junge Busfahrer einsteigt und uns ins Stadtzentrum bringt. Zumindest sind wir im Bus vor dem Wind sicher.

Was daraufhin geschieht, ist vor Situationskomik kaum zu übertreffen. Nach dem Start vom Terminal 1 (International) begibt sich der Bus ruckelnd und zuckend zum Terminal 2 (Inland). Den Wunsch des Fahrers niedertourig zu fahren halte ich in Ehren, aber immer wieder habe ich die Befürchtung, dass der Motor jeden Moment stotternd zum Stillstand kommt. Hinzu kommen zahlreiche Stopps um andere Busfahrer zu begrüßen und das eine oder andere Flughafenpersonal außerplanmäßig zusteigen zu lassen. Letzteres führt dann auch dazu, dass wir nach Halt beim Terminal 2 noch einmal eine Ehrenrunde zum Terminal 1 drehen, um das spontan aufgegabelte Flughafenpersonal dort abzusetzen.

Irgendwann geht es dann endlich weiter Richtung Stadtzentrum. Der Himmel ist wolkenverhangen, der Verkehr relativ flüssig, was wohl auch dem derzeit gerade stattfindenden Têt, dem vietnamesischen Neujahr, geschuldet ist. Die Vietnamesen schließen zu diesen Feiertagen ihre Läden und fahren zu den Verwandten aufs Land. Als wir in die Stadt einfahren, zeigt sich dies auch an den zahlreichen heruntergelassenen Rollläden. Ein echtes Bild des lebhaften Hanois kann ich mir also erst in ein paar Tagen machen, wenn der Alltag wieder einkehrt.

Geschmückte Gassen und verschlossene Läden anlässlich des Neujahrsfests

Gerade sitze ich vor einem kleinen Café in Hanois Altstadt und trinke einen klassischen vietnamesischen Milchkaffee, der mit Kondensmilch gemacht wird. Stark gesüßt, mildert der Zucker den äußerst bitteren Geschmack des stark gebrühten Kaffees. Genau das brauche ich nach meiner langen Anreise und einem Nachtflug, der leider kaum Schlaf ermöglicht hat.

Vietnamesischer Milchkaffee

Weiter geht es durch die Altstadt Hanois. Für das Neujahrsfest wurden die Straßen mit roten Fahnen, Girlanden und Pfirsichblüten geschmückt. Auch die Vietnamesinnen und Vietnamesen selbst haben sich herausgeputzt. Besonders die weibliche Bevölkerung hat sich in roten, weißen und goldenen Kleidern in Schale geworfen. Vor alle die Farbe Rot ist sehr präsent. Sie repräsentiert Glück. Kinder erhalten anlässlich des Neujahrsfests Geld in roten Umschlägen.

Die jungen und junggebliebenen Damen lassen sich in ihren Festtagsoutfits vor den geschmückten Fassaden ablichten. Da ist das schlendern durch die Gassen gar nicht so einfach, wenn man nicht nur den Mopeds sondern auch den fotowütigen Einheimischen ausweichen muss.

Ein Moped ist immer auch ein Familiengefährt.

Nachdem eine Touristin nicht von Kaffee allein leben kann, begebe ich mich auf die Suche nach der ersten kulinarischen Herausforderung meiner Reise: Pho.

Die kräftige Rind- bzw. Hühnerbrühe wird mit Reisnudeln und verschiedenen Fleisch– bzw. Fischeinlagen zubereitet. Jede Familie scheint hier ihr eigenes Rezept zu haben. Ich bin mir auch gar nicht sicher, ob ich immer so genau wissen möchte, was in so einem Fall drin ist.

Phò

Das eigentlich Spannende an der Pho ist jedoch nicht ihr Inhalt sondern das Rundherum. Es ist hier zwar immer von Garküchen die Rede, aber das System „Küche“ wird hier schon sehr weit ausgelegt. Von Weitem erkennt man die Küchen an den Kunststoffstühlen und -tischen, die von ihrer Höhe und Belastbarkeit eher in eine Puppenküche als auf den Bürgersteig gehören. 

Garküche

Apropos Bürgersteige: Wenn diese nicht gerade als Speisezimmer zweckentfremdet werden, dienen sie der Bevölkerung als Mopedabstellplätze. Ein Spaziergang am Trottoir wird so zum Spießrutenlauf.

Aber zurück zur Pho: Mitten unter den Sitzgelegenheiten für Wagemutige steht die Matrone des Hauses vor einem Tisch oder Regal, auf dem alle Suppeneinlagen dargeboten werden. Flink un mit Hilfe der jüngsten Generation verteilt sie mit den Händen Nudeln, Fleisch und Co. in Schüsseln. Neben ihr steht ein großer Topf mit dampfender Brühe, die von einem weiteren Familienmitglied in die Schüsseln verteilt wird. Die vollen Schüsseln werden dann an die wartenden Gäste verteilt. In einem kleinen, offenen Raum, der dem Begriff Nasszelle alle Ehre macht, wird bei einem offenen Feuer in einem großen Kessel der Brühenachschub zubereitet.

Tisch mit Suppeneinlagen

Wem jetzt schon beim Lesen der Appetit vergangen ist, der sollte nun lieber nicht weiterlesen. Denn, liebe Zuhausegebliebenen, das absolute Highlight meiner Observationen war das Spülsystem. In drei großen Kunststoffzubern wird am Bordsteinrand das Geschirr gewaschen: ein Zuber für die Reste, einer für das Seifenwasser und einer für das mit der Zeit immer weniger klare Spülwasser. Bei so einem Anblick braucht der gelernte Europäer entweder starke Nerven oder einen Saumagen - idealerweise aber beides.

Ob ich diese Prüfung bestanden habe, wird sich dann spätestens morgen zeigen. Solltet ihr morgen nichts mehr von mir hören, wisst ihr, dass ich mich am Altar der gastronomischen, experimentellen Wissenschaften geopfert habe. Damit bleibt mur nur noch euch liebe Grüße aus Hanoi zu schicken und euch um Gebete für mein Magenwohl zu bitten.


Vietnam

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#milchkaffee#têt#phò
Kommentare

Susanne
Klingt spannend!!! Freu mich schon auf die nächsten Tage und deine Geschichten! Lg Su

Salvatore
Super !!!