Vier von ihnen machten sich an diesem Morgen auf den Weg zur Wand. Zwei Seilschaften, der gemeinsame Wunsch nach Vertikalität und eine bedeutende Schweizer Route auf dem Programm: Pierre Avoi.
Hugo übernimmt die Führung der ersten Seilschaft, eine naheliegende Wahl; er hat die meiste Erfahrung und Orane entdeckt heute das Mehrseillängenklettern.
Im zweiten Seilteam übernimmt Caroline die Führung; sie hat Erfahrung und fühlt sich in der Lage, voranzugehen. „Wenn es für euch in Ordnung ist, kann ich die Führung übernehmen.“
(Nahezu) makellose Vorbereitung
Die Ausrüstung ist komplett: Expressschlingen, Seile, Bandschlingen, Sicherungsgeräte. Alles ist bereit … oder fast. Doch am Einstieg angekommen, dämmert es: „Wir haben die Helme vergessen.“ Ein Versäumnis, das nur echte Bergsteiger so gelassen eingestehen können.
Zum Glück gehört die Solidarität in den Bergen noch immer zur Tradition. Helme werden ausgeliehen und können später an der Bar im Tal zurückgegeben werden. Der Berg verzeiht manchmal. Aber er vergisst nie.
Die Kletterteams kommen an der Felswand gut voran.
Die ersten paar Seillängen verlaufen recht reibungslos. Dann kommen diese typischen Momente beim Mehrseillängenklettern: Man bleibt stehen, hängt am Standplatz und denkt: „Das ist echt was anderes.“ Der Fels ragt empor, die Leere tut sich auf, und die Angst – völlig berechtigt – macht sich bemerkbar. Manchmal sogar lautstark.
Dann hallen Rufe wie „Ah, das ist unheimlich!“ von der Felswand wider. Doch immer folgt Bewegung, ein Schritt, ein Vorwärtskommen. Das Seil gleitet. Langsam, aber sicher. Vom Standplatz aus dient die Stimme als Anker: Ermutigung, eine Präsenz, die oft entscheidend ist, wenn das Seil stillsteht. Gegenseitige Motivation, wenn die Rollen vertauscht sind, ein perfektes Gleichgewicht.
An den Standplätzen atmen wir durch. Wir lachen. Wir lassen den Druck nach. Dann brechen wir schnell wieder auf – denn es sind noch „ein paar“ Seillängen übrig, und den Gipfel erreicht man nie, indem man zu lange zögert.
Die seitliche Stufe
Ein bestimmter Abschnitt erfordert eine längere Pause. Angesichts des Abgrunds muss man den Fuß verlagern. Leichter gesagt als getan. Die Bewegung verlangt Entschlossenheit, Selbstvertrauen und eine gewisse Loslösung von der Schwerkraft.
Die Unterstützung des Sichernden und des bereits eingetroffenen ersten Seilschaftsteams, die den Fortschritt ihrer Kameraden beobachten, ist ungebrochen. Das Manöver gelingt. Das Seilschaftsteam schafft es.
Die Zielgerade: Alles ist da
Und dann kommt der letzte Abschnitt. Technisch machbar. Mental… eine ganz andere Sache. Die Route schlängelt sich an der Felswand entlang und öffnet sich plötzlich zur Leere. Das Tal erscheint unermesslich, mit schneebedeckten Bergen im Hintergrund. Das Gefühl, zwischen Himmel und Erde zu schweben. Alles ist da: die Stille, die Höhe, das unerschütterliche Bewusstsein, eine Besteigung geschafft zu haben.
Und dort, schwebend vor dem Abgrund, wird ihnen bewusst, was bereits alles erklommen wurde.
Wenige Züge später ist der Gipfel erreicht.
Es ist berauschend. Die Begeisterung des Erfolgs, aber vor allem die Begeisterung, etwas gemeinsam erlebt zu haben. Die Begeisterung, gemeinsam durchgehalten zu haben. Trotz der Angst vorangekommen zu sein. Dem Seil vertraut zu haben … und einander. Ein Weg ist klar. Eine Erinnerung auch. Ein gegenseitiges Vertrauen, fest, selbstverständlich, fast instinktiv.
Nach dem Berg
Die Geschichte endet nicht mit dem Abstieg. Später gibt es Fondue. Ganz einfach. Selbstverständlich. Gemeinsam. Dann eine ganze Nacht voller Gespräche. Wir erschaffen die Welt neu. Wir lernen uns kennen.
Dieser Weg war nicht einfach nur ein weiterer Aufstieg. Er markierte den Beginn ihrer Freundschaft und wurde zu deren Fundament. Seitdem haben sie viele Erfahrungen gesammelt, doch diese bleibt eine der wichtigsten.
Zu diesem Zeitpunkt deutete nichts auf das Kommende hin. Sie kannten einander kaum. Genug, um einander zu schätzen, aber nicht genug, um von wahrer Freundschaft zu sprechen. Dieser kometenhafte Aufstieg kam früh, sehr früh, in einer Beziehung, die sich noch im Aufbau befand.
Und doch, schon nach wenigen Seillängen, ändert sich etwas. Der Berg beschleunigt, was die Zeit manchmal Jahre braucht, um sich zu entwickeln: Vertrauen, Zuhören, die Gewissheit, sich aufeinander verlassen zu können. Es wird ein Davor und ein Danach geben nach dieser großartigen Besteigung.
Dieser Aufstieg ist in diesem Tagebuch nicht wegen der Schwierigkeit der Route oder der Höhe des Gipfels festgehalten. Er markiert vielmehr den Augenblick, in dem aus einer einfachen Verständigung Freundschaft erwuchs. Und als zwei Menschen, schwebend über dem Abgrund, erkannten, dass sie lange Zeit gemeinsam reisen konnten.
Technische Spezifikationen
• Datum: Sonntag, 4. August 2024
• Straße: Pierre Avoi, 1907 Saxon, Schweiz
• Stil: Mehrseillängenroute mit Bohrhaken, Plattenkletterei
• Teilnehmer: vier Kletterer, zwei Seilschaften; Seilschaft 1: Orane Mundler & Hugo Meignan / Seilschaft 2: Caroline Hérail & Célia Grech, psychologische Betreuung: Milo)
• Ausrüstung: Seile, Expressschlingen, Reverso, Verbindungsstücke, Schlingen, Karabiner, Prusikschlingen und Helme (geliehen)
• Bedingungen: Sonniger Himmel trotz einiger Wolken, gerade genug Wind, um beängstigend zu sein.
• Lehre: Manche Wege bringen die Menschen nicht nur näher an den Gipfel, sondern auch dauerhaft näher an ihn heran.