La vidente ciega de Petrich
en los alrededores de Petrich, Baba Wanga -


Publicado: 11.06.2026
La Réunion liegt 9500 km südlich von Paris, und dass ich den zweiten Teil meiner unendlichen Reise am 4. Dezember 2025 hier begonnen habe, mit einem elfstündigen Flug mit Air Austral von Paris Charles de Gaulle nach La Réunion, ist kein Zufall: Meine Tochter Lara, die seit Jahren in Frankreich lebt, verbrachte mit ihrem Freund Fran¢ois ein paar Wintermonate auf dieser exotischen Insel.
«Ohne Auto geht auf der Insel gar nichts», hatte mich Lara gewarnt. Deshalb habe ich im Flughafen der Inselhauptstadt Saint-Denis, der nach dem berühmten, hier geborenen französischen Flugpionier Roland Garros benannt ist, zum ersten Mal auf meiner Reise seit November 2024 eines gemietet. Doch mit Auto geht vorerst auch nicht viel: Auf den Strassen rund um die Grossstadt Saint-Denis stockt der Verkehr. Und auch später gibt es auf der Autobahn Staus, wie wir sie uns aus Deutschland oder der Schweiz gewohnt sind. Für die 65 km zu meinem Airbnb im Städtchen Saint-Leu an der Westküste werde ich schliesslich fast zwei Stunden brauchen.
La Réunion ist dicht besiedelt. Im 16. Jahrhundert entdeckten portugiesische Seefahrer die Insel, die bis ins 17. Jahrhundert unbewohnt war. 1642 nahmen sie die Franzosen in Besitz. Sie legten Plantagen an, unter anderem für Zuckerrohr, und setzten für die harte Feldarbeit afrikanische Sklaven ein.
Nach Abschaffung der Sklaverei 1848 kamen Arbeitskräfte aus Indien, China und den Komoren. 1946 wurde La Réunion französisches Überseedepartement. Damals lebten rund 220.000 Menschen auf der Insel, die etwa gleich gross ist wie das Saarland. Jetzt sind es fast 900.000. Die Siedlungen konzentrieren sich allerdings auf einem schmalen Streifen entlang der Küste; rund die Hälfte der Insel ist Naturschutzgebiet.
Aufregende Naturerlebnisse
Tatsächlich ist die Natur hier besonders dramatisch. Viele Touristen kommen vor allem ihretwegen. Wer auf Badeferien aus ist, reist eher auf die benachbarte Insel Mauritius, auf die Seychellen oder Malediven.
Vor rund drei Millionen Jahren stieg die Insel als Vulkan aus den Tiefen des Indischen Ozeans. Der höchste Kegel, Piton des Neiges, erhebt sich mehr als 3000 Meter über den Meeresspiegel und ist damit der höchste Berg im ganzen Indischen Ozean. Der kreolische Ausdruck «Piton» begegnet einem häufig auf der Insel; er bedeutet Berg, Gipfel, Fels- oder Vulkankegel. Piton des Neiges ist also der Schneeberg, obwohl es hier praktisch nie schneit.
Der spektakulärste Ort auf Réunion ist zweifellose der Piton de la Fournaise oder Glutofen-Gipfel im Südosten der Insel – wenn es denn nicht in Strömen regnet wie bei unserem Besuch und praktisch nichts zu sehen ist. Der Piton de la Fournaise, gut 2600 Meter hoch, ist einer der aktivsten Vulkane der Welt; er brodelt, zischt und blubbert fast ständig.
Der Glutofen-Berg
Der letzte grosse Ausbruch begann am 19. September 2022 frühmorgens und dauerte volle drei Wochen. Damals spie der Vulkan riesige Lavafontänen aus; die Lavaströme ergossen sich über mehrere Kilometer, blieben aber auf das Gebiet des Vulkans beschränkt. Bei früheren Eruptionen floss glühende Lava bis hinunter zum Meer; noch heute spriesst aus der geschwärzten Landschaft nur zögernd neue Flora. Ich habe eine Fotografie der Tourismusorganisation von La Réunion gefunden, die den Ausbruch dokumentiert.
Der Piton Maïdo auf 2200 Metern Höhe ist, anders als der Piton de la Fournaise, zu dem man mühsam hinwandern muss, mit dem Auto über eine schmale Serpentinenstrasse erreichbar. Frühmorgens kommen die ersten Besucher für den Sonnenaufgang, später ganze Familien fürs Picknick. Vom Parkplatz aus führt eine Balustrade dem Abgrund entlang. Hinter ihr geht es tausend Meter senkrecht hinunter in den Cirque de Mafate, dessen Dörfer von hier oben wie Ansammlungen winziger weisser Würfel erscheinen.
Auf der gegenüberliegenden Seite dieser phänomenalen Landschaft erhebt sich die Bergkette mit dem Piton des Neiges als höchstem Gipfel. Dass man die Aussicht wirklich geniessen kann, ist aber auch hier nicht garantiert. Denn oft steigen vom Talboden Wolken mit grosser Geschwindigkeit zum Piton Maïdo auf und hüllen die Landschaft in dichten Nebel.
Die aufsteigenden Wolken entstehen dadurch, dass die Sonne den Talboden des Cirque de Mafate schneller als die höheren Lagen erwärmt, was zu Aufwinden führt. Diese treiben die feuchte Luft aus dem Talkessel in hohem Tempo nach oben, wobei sie zu Wolken kondensiert, die dann über die Kanten des Piton Maïdo hereinbrechen. Manchmal reisst die weisse Wolkenwand plötzlich auf und gewährt spektakuläre Ausblicke.
Der Cirque de Mafate ist übrigens kein Zirkus, sondern eines von drei wie Amphitheater geformten Tälern mit steilen, bis zu 1000 Meter hohen Wänden, die hier «Remparts» genannt werden, zu Deutsch «Schutzwälle» oder «Bollwerke». Sie entstanden durch Erosion am erloschenen Piton-des-Neiges-Vulkan und sind für ihre zerklüftete Landschaft, isolierte Dörfer, Regenwälder und Wasserfälle bekannt.
Weitläufiges Unesco-Welterbe
Der Cirque de Mafate liegt an der nordwestlichen Flanke des Piton des Neiges und ist nur zu Fuss erreichbar (oder per Helikopter, wenn man unbedingt die Ruhe zerstören will). Sogar der Briefträger kommt per pedes.
Der Cirque de Cilaos an der Südflanke des Piton des Neiges, tiefer als der Grand Canyon in Arizona, ist für seine Thermalquellen und für landwirtschaftliche Produkte wie die kleinen, aromatischen Cilaos-Linsen, für geräucherte Cilaos-Wurst, für Tamarinde und für Geranien bekannt, die zu ätherischem Öl verarbeitet werden.
Der Cirque de Salazie schliesslich ist besonders üppig bewachsen und wartet mit einer Reihe von Wasserfällen auf wie dem berühmten Voile de la Mariée («Brautschleier»). Zwei Fünftel der ganzen Insel in ihrer unendlichen, natürlichen Pracht stehen als «Pitons, Cirques and Remparts of Reunion Island» auf der Unesco-Liste des Weltkulturerbes.
Ich könntxe hier mehr als die eingeplante Woche verbringen und bedaure es, den Weiterflug schon für den 10. Dezember geplant zu haben.
