Hinterhältige spanische Straßenschwellen können in den Ortsdurchfahrten ungeahnte Höhen erreichen und sind nicht immer warnend gekennzeichnet. Wir werden geschüttelt und gerüttelt und hinter uns hopst der Wohnwagen. Alles fliegt durcheinander, fällt vom Haken oder vom Sofa und auch die Schubladen liegen schon mal am Boden, der Inhalt fein säuberlich im ganzen Caravan verstreut.
Zum Glück haben wir den französischen Zweikomponenten-Epoxy-Kleber inklusive Zappas großer Werkzeugekiste an Bord und er bastelt fix alles wieder zusammen.
Pausenplatz
Oder das niegelnagelneue Türschloß funktioniert einfach von jetzt auf gleich nicht mehr und wir können das mobile Heim nicht mehr abschließen. Zum Glück hat uns noch keiner geklaut. Ich glaube ja, wir sind für sowas auch schon zu alt.
Brokkoli
Doch jetzt hat es die Wasserpumpe im Caravan unwiederbringlich erwischt. Da können selbst die magischen Heldenhände nichts mehr ausrichten, den Hähnen im Mistral lässt sich kein einziges Tröpfchen mehr entlocken. Also gießen wir übers Wochenende das erfrischende Nass direkt aus dem Kanister über Gesicht, Hände und ins Abwaschbecken. Geduscht wird mit der altbewährten Bottle-Methode.
Wir sind aber noch zwei Wochen unterwegs und irgendwann könnte das nervig werden.
¡Buenas días!
Also rollen wir am Montagmorgen nach Saragossa. Das liegt sowieso auf dem Weg und es gibt einen großen Campingausstatter.
In dem unglaublich riesigen Industriegebiet nahe dem Flughafen angekommen, wundern wir uns über die friedliche Ruhe auf den breiten Straßen. Kein Mensch ist unterwegs, Unmengen von Schiffscontainern stehen verwaist hinter hohen Zäunen, LKWs machen Pause und nur ein paar wenige Autos kurven um die vielen Kreisel zur Tankstelle.
Industriegebiet in Saragossa
Wir halten vor dem bombastischen und verschlossenen Eingangstor von Caravaning Plaza und ich frage mich, ob die Firma pleite sein könnte, wenn am Montagvormittag alles verriegelt und verrammelt ist. Oder ist Montags etwa Ruhetag?
Ein schneller Blick ins Internet verrät uns den Grund für den Frieden im kompletten Industriegebiet. Heute ist der 12. Oktober, heute ist der spanische Nationalfeiertag, der Día de la Hispanidad! Vor vielen hundert Jahren landete Christoph Kolumbus in einer neuen Welt und das wird gebührend gefeiert.
Caravan Plaza ist geschlossen
Aha. Wir haben uns gestern schon über die unzähligen Camper gewundert, die an unserem stillen Ort auf der Suche nach einem romantischen Übernachtungsplatz vorbeigekommen sind.
Und wir wundern uns beide über die vielen Mountainbiker heute Morgen, verschwenden dann aber keine weiteren Gedanken daran. Nun wissen wir, dass wir ein verlängertes Wochenende haben und keine neue Wasserpumpe erwerben können. Also weiter bottleshowern.
Shower-Bottles
Am Dienstag schauen wir bei Señor Caravan-Teruel vorbei, der jedoch bedauernd den Kopf schüttelt. Er hat nur ein kleines Exemplar auf Lager, das unser Wasser nicht aus dem Warmwasserboiler schafft.
Aber ich besorge in dem Städtchen endlich den ersehnten Hustensaft in der Farmacia, während der Held mit dem Gespann fröhlich pfeifend Achten um die nahegelegenen Kreisel dreht. Ein Parkplatz ist in den engen Gassen nicht mal ohne Wohnwagen zu ergattern. Nach sieben Runden steige ich wieder ein.
Pausenplatz
Der spanische Jarabe contra la tos ist leider nicht so wirksam wie der legendäre Hustensaft aus der französischen Apotheke vor einigen Jahren, aber mit den immerhin 0,2 Prozent Alkohol und dem unvergleichlichen Erdbeergeschmack erleichtert das Zeug den Weg in süße Träume. Auch für Kinder ab zwei Jahren geeignet...
Wie es scheint, haben wir uns auf dem galicischen Wochenmarkt am vorletzten Sonntag mit einer spanischen Grippe angesteckt, die uns nächtelang aus voller Kehle husten und keinen Schlaf finden lässt.
Auf dem Weg nach Teruel
Ähnlich wie die spanischen Fliegen, die uns nicht das Mittagsnapping gönnen.
Kaum am Siestaplatz angekommen, stürmen die lästigen Biester den Wohnwagen, besetzen zu Hunderten auch die verstecktesten Ecken und summen, sirren, krabbeln, kribbeln und kitzeln auf allen Körperteilen herum, kaum dass man eingenickt ist. Am liebsten auf Mund und Nase. Die ganz bösen Exemplare beißen auch noch!
Wenigstens geben sie Ruhe, wenn es dunkel ist und stechen nicht wie Mücken in dringender Kühlung bedürftige Füße.
Die Morgensonne weckt die Fliege auch erst recht spät, dann sind sie aber um so aktiver. Keine Chance, sie loszuwerden.
Pausenplatz
Weshalb es uns in diesen südlichen Zipfel von Aragonien verschlagen hat?
Rund um Teruel erwartet uns ein Farbspektakel der Superlative. Äcker, Erde, Felsen leuchten in allen nur erdenklichen Rottönen: Purpur, Karmin, Bordeaux, Oxid, Wein, Tomate, alles ist vertreten. Unglaublich! Ich entdecke außerdem Beige, Melone, Ginster, Curry und ja, auch safrangelbe Schattierungen. Und spektakuläre Marmorierungen in hellen weißen Tönen, die sich mit den anderen Farben durch die Landschaft ziehen.
Cañon rojo
Hierher gelockt hat uns der Cañon rojo, nur wenige Kilometer von der kleinsten aragonesischen Provinzhauptstadt entfernt.
Die faszinierende Wüstenlandschaft wirkt mit den tiefen Schluchten, terrassierten Tafelbergen, schroffen Felsen und hohen, leuchtend roten Steilwänden aus eisenoxidhaltigen Tonböden wie ein kleiner Grand Canyon. Dafür lohnen sich die paar Kilometer Umweg allemal.
Cañon rojo
Doch nach dem Shoppingerlebnis in Teruels Gassen brauchen wir zunächst eine Siesta. Während der Mittagszeit heizt die Sonne den Canyon auch im Oktober noch auf Backofentemperaturen und das Licht steht jetzt für ein schönes Foto sowieso nicht gut.
Cañon rojo
Und nein, wir übernachten auch nicht in dem Barranco, auch wenn der gerade angekommene, deutsche Wohnmobil-Camper sich und uns diese Frage stellt. Es sollte sich spätestens seit den schweren Überschwemmungen in Katalonien im letzten Jahr herumgesprochen haben, dass sich die ausgetrockneten Flussbetten rasant in alles verschlingende rasende Fluten aus Wasser, Schlamm und Geröll verwandeln und mitreißen, was ihnen in den Weg kommt.
Cañon rojo
Ich nehme jetzt eine fixe Bottle-Dusche mit schönem, sonnenergiegewärmten Wasser und dann gehts ins rote Canyon-Abenteuer.
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