Wir stehen an diesem sonnigen Spätsommernachmittag am Ufer des Kanals. Das Wasser plätschert träge dahin. Die Hausbootsaison ist fast vorbei und auch auf der nahen Straße ist nur wenig Verkehr.
Gerade will ich mir ein kühles Getränk aus dem Wohnwagen holen, als ich in das verzweifelte Gesicht des Helden schaue, der mich mit streng erhobener Hand davon abhält, den Caravan zu betreten.
Morgenstimmung
Mit wildem Blick koppelt er Château Mistral vom Kangoo ab, packt die Deichsel und ohne dass ich begreife, was hier geschieht, schiebt Zappa unser fahrendes Zuhause kurzerhand und eiskalt in das grüne Nass des französischen Gewässers.
Zuerst bin ich perplex und fassungslos, dann breche ich in verzweifelte Tränen aus.
Was ist nur in den Mann gefahren?
Der sagt nur, er hat die Nase endgültig voll und absolut keine Nerven mehr für die ewigen Macken dieses verfluchten Reisemobils.
Es gibt sie doch noch: Renault 4!
Auf mein erschüttertes Flehen, dass mein ganzes Leben jetzt in den finsteren Tiefen dieses Gewässers vermodern wird, Ausweise, Papiere, Mausecard, Bargeld, Handy, Tablet, Tastatur, alles was ich besitze, hat er nur ein Schulterzucken übrig!
Die Reisebande hat er vorher aus ihrem Stammsitz in der Bar Tabac des vermaledeiten Caravans geborgen und den Rest wird der Bagger erledigen, denn der Kanal muss schließlich wieder für den Schiffsverkehr freigebuddelt werden.
Marcolès
Plötzlich berührt mich etwas an der Schulter und als ich schon glaube, in die eisigen Fluten springen zu müssen, erwache ich aus dem Mittagsschlaf.
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und schaue dem Helden in die verwunderten Augen.
Gern will ich hier berichten, wie es zu einem solchen Alptraum kommen konnte.
Blutspuren in stillen Gassen!
Wir reisen durch die wunderbare Landschaft des Cantal weiter in Richtung Süden. Grüne Hügel, viele bunte Kuhherden, mächtige Vulkankegel begleiten uns auf dem Weg.
Der Kangoo hat die Überhitzung am Puy Mary weggesteckt und schnurrt wieder über kurvige Straßen.
Im Cantal
Vor allem die Käsespezialitäten dieser Gegend haben es mir angetan, allen voran der Cantal Entre deux. Ein aromatischer, kräftig-würziger Hartkäse aus Rohmilch mit einer leichten Haselnussnote. Eine Neuentdeckung dieser Tour, der cremige Gaperon lässt den Zeiger des Kalorienzählers weit ausschlagen. Der unwiderstehliche Kuhkäse mit phänomenalen fünfzig Prozent Fett in der Trockenmasse, ebenfalls aus Rohmilch wird mit Knoblauch, gemahlenem Pfeffer und Kräutern gewürzt. Der Wahnsinn!
Fourme d'Ambert, Saint Nectaire und der sagenumwobene Gaperon
Die Nächte verbringen wir an einsamen Plätzen, die mir teilweise schon fast zu finster sind, so dass ich manchmal kaum wage, arglos in den unglaublichen Sternenhimmel und zur Milchstraße zu schauen. Die Käuzchen rufen, die Hirsche röhren lautstark in der Brunft und ob das Heulen im Wald von einem vernachlässigten Hund oder doch eher vom einsamen Wolf stammt, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Der Held will mir auch noch Bären aufbinden, aber noch sind wir nicht in den Pyrenäen.
Villeneuve
Heute Abend wollen wir nach dem Essen noch ein paar Kilometer zurücklegen. Und so machen wir uns im Dämmerlicht über hopplige und kurvige Straßen auf den Weg.
Es wird mit jedem Tag früher dunkel und die Nacht beginnt bald nach unserem Aufbruch. Die Straßen sind finster und schmal und während der Held seine volle Konzentration aufbringt, fallen mir die Augen zu.
Da ist der Einbruch wohl gescheitert...
Ich träume von großen, violetten, süßen Feigen und prallen Nektarinen in spanischen Gärten, als Zappa plötzlich mit einem lauten Fluch und aller Kraft auf die Bremse latscht. Ich werde in den Gurt geschleudert, dass mir die Luft wegbleibt. Die auf Vorrat gebunkerten Gläser bester Feigenmarmelade fliegen unter meinem Sitz hervor, wobei eins schmerzhaft auf meinem kleinen Zeh landet und der Rest gegen meine Knöchel donnert.
Marcolès
Das Auto kommt mit einem derben Ruck zum Stehen und wir stellen erleichtert fest, dass die frisch eingestellte Auflaufbremse von Château Mistral knallhart greift und die Räder schlagartig blockieren.
Zappa brüllt mich an: "Die Katze! Wo ist die Katze? Die saß am Rand und ist vor das Auto gesprungen!"
Im Geist malt sich der Held aus, wie er mit der Zahnbürste das zermatschte Tier aus den Profilrillen der nagelneuen Anhängerreifen kratzen muss.
Capdenac
Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht, schaue mich aber um. Auf der rechten Seite entdecke ich im gelben Licht der Straßenlaternen ein quicklebendiges rotgetigertes Kätzchen, das mich aus grünen Augen empört anfunkelt, sich dann aber niederlässt, um sich in aller Seelenruhe das Fell zu putzen.
Rotgetigertes Kätzchen
Die Katze lebt, mir kollert Konfitüre um die Füße und der Held ist noch so schockiert, dass er die zwei Rehe hinter der nächsten Kurve übersieht, die so nah am Auto auf der Straße stehen, dass er über ihr braunes Fell streicheln könnte.
Die sehen aber wohl seinen irren Blick und treten ein paar Schritte in den Straßengraben zurück.
Villeneuve
Am Pausenplatz angekommen, nehmen wir das Durcheinander im Caravan in Augenschein.
Im Verlauf der vielen Reisen haben wir gelernt, die Dinge möglichst sicher unterzubringen, um Stürze und Brüche zu vermeiden. Dass der dreißig Liter fassende Wasserkanister im mobilen Spa-Bereich aber durch ein Bremsmanöver mit einer solchen Kraft vom Platz gerissen wird, dass er ein Loch in die Plastikduschwanne haut und der Schlauchanschluß aus der Pumpe bricht, damit haben wir nicht gerechnet!
Reparatur der Duschwanne
Ohnein-ohnein-ohnein! Jetzt können wir nie mehr duschen, wir werden stinken und stinken und mit kohlrabenschwarzen Füßen nirgendwo mehr Zutritt erhalten, werden weder Brot noch Wasser und schon gar keinen Käse mehr kaufen können und jämmerlich verhungern und verdursten! Ohnein-ohnein-ohnein!
Kleber und Wasserpumpe
Im nächsten Leclerc erwerben wir ganz schnell für eine Million einen halbwegs passenden Zweikomponenten-Epoxy-Kleber. Bei hochsommerlichen Temperaturen repariert der Held mit Eselsgeduld und klebrigen Händen die Wasserpumpe. Die Duschwanne wird mit Gaffa, das die Welt zusammenhält geflickt und wir hoffen, dass der Boden darunter nicht zu viel Feuchtigkeit aufgenommen hat und in der spanischen Sonne alles wieder trocknet.
Geklebte Pumpe
Just, nachdem wir am nächsten Tag in der Nähe des Canal de Montech eine Mittagspause einlegen und ich mich schon zum täglichen Napping auf dem Mistral-Sofa niederlassen will, hakt beim Öffnen das vordere große Panoramafenster aus dem Scharnier! Plötzlich und unerwartet!
Fensterreparatur
Der Held schaut mich an und ich erwidere seinen Blick. Nein, den Weg zurück zu dieser Wasserstraße finde ich nicht mehr. Und den Mittagsschlaf lasse ich in Zukunft auch ausfallen.
Sonnenaufgang über dem Flohmarkt
Das Fenster ist wieder an seinem Platz, die runtergefallene Schraube hat Zappa auch zwischen Grashalmen, Pappelblättern, einer Ameisenstraße und zwei Hundehaufen gefunden.
Ich navigiere uns in großen Bögen um sämtliche Kanäle des Landes herum.
Saint-Mamet-la-Salvetat
Wir haben noch etwas mehr als vier Wochen Zeit. Bis Andalusien sind es 1200 Kilometer. Ob Château Mistral und wir das schaffen? Wir halten euch auf dem Laufenden!
Und: die Katze lebt!
At a glance
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Weather
Summer
Accompaniment
For two (2)
Mood
Off the beaten trackAdventurous
Highlights
Übernachtungen an einsamen Plätzen
Käse aus dem Cantal
Katze lebt
Reparaturen am Caravan
Flohmarkt bei Sonnenaufgang
Equipment
CaravanKangooAuflaufbremseEpoxy-KleberGaffa
Topics
Road tripNatureEatTransitCulture
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