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Vorschau EM 2024

Publié: 30.12.2022

Die WM 2022 ist vorbei, ein Turnier, welches wohl mehr polarisierte als jedes andere Turnier in der WM-Geschichte. Ein Turnier, was auch mich herausforderte: Medien, Informationen, Tatsachen und über all dem dieses Gefühl mich in meinem Zwiespalt, was diese WM anging, irgendwo fast schon ein bisschen verloren zu fühlen. Denn so richtig gab es zu dem Zeitpunkt auch in meiner Community keine Partei, die wirklich ich war. Die einen sagten ja, die anderen strikt nein und ich - war eben so verloren irgendwo dazwischen. Kann das wirklich gut gehen? Diese Frage musste ich mir, wie viele andere Menschen auf der Welt, stellen bei der Frage, wie ich mit der WM 2022 in Katar umgehe.


Die gute Nachricht zumindest ist: Die WM in Katar ist vorbei. So als wäre es nie dagewesen und so, als würde dort ab jetzt alles besser laufen. Denn schon blickt man in Deutschland auf die eine große Herausforderung: Die Wiedergutmachung der deutschen Nationalmannschaft für die vergangenen drei Turniere. Doch welches Fazit können wir aus der WM eigentlich wirklich ziehen, auch was die Entwicklung der anderen europäischen Teams angeht? Ist die goldene Generation Belgiens wirklich so komplett am Ende, wie es bei der vergangenen WM erschien? Und ist die französische Nationalmannschaft wirklich gefühlt für die nächsten Jahrzehnte so unschlagbar, wie sie aktuell scheint? Wie schafft es ein grade mal 4-Millionen-Einwohner-Land wie Kroatien Turnier für Turnier immer wieder abzuliefern, wo doch auch hier Topstars wie Modric, Rakitic, Mandzukic & Co. mehr und mehr der Vergangenheit angehören? Und welche nicht für die vergangene WM qualifizierten europäischen Teams könnten noch überraschen? Gibt es dieses eine neue Island, den einen Favoritenschreck, ein Land, mit dem derzeit noch aktuell absolut niemand rechnet?

Mit all diesen Fragen möchte ich mich beschäftigen mit meiner Vorschau auf die kommende Europameisterschaft 2024, dem Turnier was 80 Millionen Deutschen schlussendlich auch die Antwort auf die Frage geben muss: Ist Deutschland überhaupt noch eine Spitzenmannschaft? Eine Mannschaft, die sich nachwievor Turniermannschaft oder gar Turnierfavorit nennen darf? Sehr viele ehemalige Nationalspieler wie Jürgen Kohler oder Lothar Matthäus sehen das nachwievor so, aber wo stehen wir wirklich als deutsche Mannschaft, wenn man bedenkt, wie rasant sich der Fußball in den letzten Jahren durch Digitalisierung und Kommerzialisierung verändert hat? Ist Deutschland überhaupt noch auf dem Topstand, wenn es um Themen wie Scouting, Datenanalyse und Advanced Stats geht? Und wo sind die Punkte grade in der Nachwuchsförderung, wo uns Nationen wie Frankreich, England oder Spanien derzeit um Meilen vorraus scheinen? Wo scheitert das deutsche Fußballgeschäft mal wieder an seiner deutschlandtypischen Übergründlichkeit, an zu viel Bürokratie und zu vielen Gremien, die am Ende nur dafür sorgen, dass der eine nicht mehr weiß, was der andere tut? Macht die Zentralisierung, wie z.B. die in Frankreich auf Paris und Clairefontaine, hier möglicherweise vieles leichter in der Organisation? Und inwiefern ist es für die französische Nationalmannschaft sogar ein Vorteil, dass viele Fans kleinerer Clubs aus Frankreichs Ligue 1 gar nicht mehr den Anspruch haben, dass die eigenen Talente ihren Vereinen treu bleiben, zum Teil sogar stolz darauf sind, wenn junge französische Talente für viel Geld in die Bundesliga oder die Premier League wechseln, um dort zu noch größeren Stars zu reifen? Wo liegt hier der Unterschied in der Fankultur im Vergleich zu deutschen Vereinen wie z.B. Borussia Dortmund?

Genau diese Fragen werde ich nach und nach behandeln in meiner Prognose zunächst einmal, was die kommende EM angeht, sowie dann auch in meinen folgenden Blogs, was die kommenden KO-Runden der Champions League wie auch der Europa League angeht. 

Hierbei werde ich auch erklären, warum die Europa League, von Franz Beckenbauer einst so schmählich als der Verlierercup betitelt, nachwievor aufgrund seiner Ehrlichkeit mein Lieblingswettbewerb im Fußball ist.

Grundsätzlich hat uns die vergangene WM in Katar gezeigt, dass Europa nicht mehr in der Form das Maß aller Dinge ist, wie es noch bei vergangenen Turnieren der Fall war. Neben zwei europäischen Mannschaften (wohlgemerkt denselben, die schon bei der WM in Russland 2018 ganz vorne standen) landeten gleich zwei nichteuropäische Mannschaften im Halbfinale, die sensationellen Marokkaner als erste afrikanische Mannschaft der Fußballgeschichte, wie auch der spätere Titelträger Argentinien.

Auch die Achtelfinalbilanz liest sich vergleichsweise uneuropäisch: Zwei asiatische Mannschaften (Japan und Südkorea), zwei südamerikanische Mannschaften (Argentinien und Brasilien), zwei afrikanische Mannschaften (Marokko und Senegal), dazu noch die USA und Australien. Alle Kontinente waren somit in den KO-Runden vertreten, gerade mal die Hälfte aller Mannschaften kamen aus Europa. Inwiefern das dann bei der nachwievor in Gianni Infantinos größenwahnsinnigem Kopf herumspukenden Club-WM ebenfalls so sein wird, sei mal dahin gestellt (hier denke ich schon, dass die Vertreter der europäischen Champions-League klar dominieren werden, sofern sie nicht aus Protest vor dem Turnier und um ihre Starspieler vor Überbelastung zu schützen geschlossen mit ihren B-Elfs antreten werden), bezogen auf die Nationalmannschaft zeigten sich die nicht aus Europa stammenden Nationen aber erstaunlich stark.

Entscheidend hierfür mag sicher zuallererst der Anreiz sein. Viele dieser Länder sind Dritte-Welt-Länder oder haben, wie Argentinien, mit einer Hyper-Inflation zu kämpfen. Desweiteren ist es aber auch die Rolle des Fußballs in der Gesellschaft, die nochmal eine ganz andere ist als in vielen Teilen Europas. Läuft man durch die Gassen von Essaouira in Marokko oder Dakkar in Senegal, sieht man sowohl in den Städten als auch am Strand überall fußballspielende Kinder, teilweise mit Müllsäcken als Torpfosten aber immer mit voller Leidenschaft für das lederne Rund.

Keines dieser Kinder denkt dabei ernsthaft über eine Profikarriere nach und auch abkippende 6er und falsche 9en sind für diese Kinder genauso weit entfernt wie Thorsten Legat von einer Karriere als Juror bei „The Voice Of Germany“. Hinzu kommt, dass der (!) eine Spieler, das eine Popidol, in vielen außereuropäischen Länder nochmal eine ganz andere Rolle spielt als in Europa. Bei meinen Reisen durch Marokko, Senegal und Ägypten habe ich viele Interviews mit Fans geführt, wie auch Eindrücke gesammelt und überall fielen immer wieder nur diese Namen: Mo Sallah, Hakim Ziyech oder eben auch Sadio Mané. Viele dieser Menschen waren Fans derer Vereine ausschließlich nur wegen dieser Spieler.

Denn schafft es ein Spieler nach ganz oben, der wirklich in einem dieser Länder geboren, dabei vielleicht sogar in den Slums großgeworden ist, wird er von jedem Fußballfan gerade in den afrikanischen Ländern geradezu angehimmelt und angebetet. Der O-Ton ist hier immer derselbe: Der war mal einer von uns und zeigt uns, dass jeder von uns es theoretisch genauso schaffen kann. Ähnliches gilt auch für Argentinien, wobei hier die Art und Weise wie Legenden wie Maradonna (und nun hoffentlich auch Messi) von den Argentiniern vergöttert werden, nochmal eine ganz andere ist.

Kreischende Groupies, wie sonst nur bei Pop-Superstars wie Justin Bieber oder Shawn Mendes, sind hingegen vor allem bei den asiatischen Fußballstars Gang und Gebe. So hat der noch zuvor mit (nur) 70.000 Followern gesegnete koreanische WM-Shootingstar Sue-Gol Cho nur aufgrund zweier Tore gegen Ghana seine Followerschaft in nur einer Nacht verzwanzigfacht. Millionen von Fans in ganz Asien und auf der Welt subscribten den 24jährigen nach seinem Gala-Auftritt während der Vorrunde in Katar, desweiteren finden sich in den Kommentaren Smilies mit Herzchen noch und nöcher.

Auch nur in die Nähe dieser Stars zu rücken, ist für viele junge grade afrikanische Menschen der Traum aller Träume und wenn sie es dann geschafft haben, spielen sie eben nicht nur für ihr Team, sondern für ihr Land, für ihre Familie, im Fall Marokko am Ende sogar für einen ganzen Kontinent. Die Vorstellung, dass das Wort Patriotismus im Fußball auch negativ behaftet sein kann, existiert in diesen Ländern schlichtweg nicht.

Und wenn z.B. die afrikanischen Spieler dann noch, dank der hervorragenden Scouting-Abteilungen einiger europäischer Vereine, schon in frühen Jahren die Chance haben, zu einem europäischen Club zu wechseln, trifft am Ende sogar alles zusammen: Haltung, Ehrgeiz und Professionalität. Auch die Arbeit der eigenen Verbände hat sich insbesondere in Afrika in den letzten Jahren verbessert, was auch die Tatsache beweist, dass zum ersten Mal in der Geschichte sämtliche afrikanische Mannschaften mit ebenfalls afrikanischen Trainern antraten. (hier hatte man sich in der Vergangenheit insbesondere auf dem deutschen Markt immer sehr gerne bedient). 

Die Rückbesinnung zu den Wurzeln findet also statt und die Begeisterung für die eigenen Kontinentalwettbewerbe wie dem Afrika Cup oder der Copa America wächst derweile mehr und mehr. Dies wurde insbesondere beim vergangenen WM-Turnier deutlich, wo die Fangruppierungen so mancher europäischer Länder in den Stadien im Vergleich zu den argentinischen oder mexikanischen Fans so wirkten, als würden da grade die Sportfreunde Lotte auswärts gegen Eintracht Frankfurt spielen. Hier hat sich gerade in den letzten 4 Jahren definitiv sehr viel verändert und es bleibt abzuwarten, wie viel sich durch die WM-Reform für 2026 (48 statt wie bisher 32 Nationen) hier noch einmal verändern wird - eine Reform, welche natürlich nochmal weitaus mehr Ländern aus anderen Kontinenten die Chance geben wird, sich auf der größtmöglichen Bühne zu präsentieren.

Grade Afrika mit Ländern wie Burkina Faso, Südafrika, Sierra Leone, Mali, Guinea, Algerien und der Elfenbeinküste sollte man hier auf dem Zettel haben. Inwiefern es sportlich durch die WM in Katar auch einen Aufschwung der Staaten aus dem nahen Osten geben wird, bleibt hingegen abzuwarten. Trotz finanzieller Möglichkeiten, die sich verglichen mit Afrika in komplett anderen Sphären bewegen, fehlt es hier vielen Ländern nachwievor an der entsprechenden Fanbegeisterung.

Eine Fußballkultur, wie sie in Südamerika, Europa und großen Teilen von West- und Nordafrika vorhanden ist, lässt sich eben nicht so einfach mit Geld kaufen, wie nicht zuletzt das Eröffnungsspiel der katarischen Nationalmannschaft bei ihrem Heimturnier bewies. Fußball ist für viele Menschen in diesen Ländern wie Kino, ist der Film langweilig, dann geht man eben. Die einzige überraschende Ausnahme beim letzten Turnier war Saudi-Arabien, die ich hier ein wenig ausklammern möchte (hierzu mehr in meinem ebenfalls bald kommenden WM-Special: „WM der Schande oder nicht? Mein abschließender Rundum-Rückblick zum WM-Turnier in Katar“.)

Nun aber zur Europameisterschaft - und hier ist es nun insbesondere für die deutschen Fans wie auch den DFB an der Zeit, neben One-Love-Binden und abgedeckten Münden, die ja ganz großartig sind, nun auch mal wieder sportliche Zeichen zu setzen.

Denn bei allem Respekt vor der politischen Anteilnahme zur Menschenrechtssituation in Katar: Falls es eine Zeit gab, wo man sportlichen Misserfolg und fehlende Begeisterung der deutschen Fans für die DFB-Mannschaft mit der (wie Kevin Prince Boateng so schön sagte) „Blutgeld-WM“ rechtfertigte, dann ist diese Zeit nun klar vorbei. Denn 2024 ist Deutschland selbst Gastgeber und damit das Land auf das alle Augen schauen. Was machen sie als Gastgeber besser als Katar, die zumindest, was die Organisation, wie auch die erfolgreiche Vereitlung von Randalen und Alkoholexzessen, sicherlich auch einiges gut gemacht haben? Schafft man es, die eigenen Stadien zu füllen und eine Stimmung, wie beim Sommermärchen 2006 zu wiederholen? Die Skepsis bleibt groß. Grade beim letzten Turnier gab es, insbesondere auf Twitter, nicht wenige Aussagen, wie „Der entscheidende Unterschied zu 2000 und 2004 ist, dass es mir inzwischen egal ist, ob die Deutschen ausscheiden oder nicht“.

Das Fehlen wirklicher Fanbegeisterung war in Katar allerdings auch kein komplett deutsches Problem. Beim Viertelfinalspiel Argentinien gegen die Niederlande fanden sich von insgesamt 90.000 Fans zum Beispiel gerade einmal 1.400 niederländische Fans im Stadion - gewiss, das Land Niederlande ist ein wenig kleiner als Argentinien, für eine Fußballnation wie die Niederlande (3maliger WM-Finalist) ist ein solch großer Unterschied in den Zuschauerzahlen dann aber doch sehr erschreckend.

Auch die französischen Fans konnten im Finale nicht einmal annähernd mit den enthusiastischen Fanmassen Argentiniens mithalten, was sicherlich auch zu dem finalen Ergebnis mit beigetragen hat - gleiches gilt für Länder wie Dänemark, Belgien und Spanien, deren Fans in goßen Teilen der Vorrundenspiele fast überhaupt nicht zu hören waren. Wie aber geht es mit der Fanbegeisterung weiter, wenn die Europäer wieder unter sich sind und sich niemand mehr schämen muss, ein Turnier zu verfolgen, welches in einem Land stattfindet, wo Homosexuelle verhaftet werden und Gastarbeiter aufgrund eines immer noch nicht wirklich reformierten Khafala-Systems im Land als mehr oder weniger Zwangsarbeiter gefangen gehalten werden? Im Folgenden möchte ich eine kleine Prognose wagen, was die 24 Nationen angeht, die ich abschließend auch noch einmal auflisten werde. Dies tue ich natürlich nicht ohne euch dabei auch einige meiner Hottakes vorzustellen, mich zu den Favoriten und Geheimfavoriten zu äußern, so wie auch natürlich nochmal ausführlich zur deutschen Nationalmannschaft.

Dass ich dabei nicht alle Mannschaften besprechen kann, sollte klar sein, ich bitte also schonmal im Vorraus Fans von Mannschaften wie z.B. Dänemark, Niederlande, Serbien oder Schweiz um Entschuldigung.

Meine Einteilung ist hier wie folgt:

1) Katar-Teilnehmer, die auch 2024 die Erwartungen erfüllen werden

2) Katar-Teilnehmer, die die Erwartungen nicht erfüllen werden

3) Katar-Teilnehmer, die überraschen werden

4) Nicht-Katar-Teilnehmer, die schon aufgrund ihrer Rückkehr in die Welt der großen Turniere überraschen werden.

Was letztere Kategorie angeht, kommt man natürlich nicht umhin, Italien zu nennen, denn zwei Nicht-Qualifikationen für die WMs 2018 und 2022 hin oder her - der Kader ist dann doch einfach zu stark. Punkt! Hinzu kommt natürlich der sensationelle Sieg bei der Euro 2021. Diesen sollte man allerdings auch mit Vorsicht genießen, da bereits im März 2022 verkündet wurde, dass sich (natürlich neben Torwart Donnaruma, dem Spieler des Turniers) gleich drei die EM 2021 prägende Schlüsselspieler in Abschiedsstimmung befinden, nämlich Mittelfeldmotor Jorginho, wie auch die beiden Topstürmer Ciro Immobile und Lorenzo Insigne.

Dies würde natürlich einen gewaltigen Umbruch in der Squadra Azzurra bedeuten. Desweiteren wird die doppelte Schmach 2022 zum zweiten Mal in Folge gar nicht erst zur WM zugelassen worden zu sein (wohlgemerkt nach einer 0 : 1 Niederlage gegen Nordmazedonien) bei den leidenschaftlichen Gli Azzurri trotz des EM-Siegs Spuren hinterlassen haben. Die Sehnsucht der Italiener an die glorreichen alten Zeiten ist groß, viele Fans, die ich z.B. auf einer Neapel-Reise im Oktober 2022 traf, wussten zum Teil nicht einmal, wann die WM überhaupt stattfindet und welche Spieler derzeit überhaupt für Italien auflaufen, so sehr hat man sich inzwischen von der italienischen Nationalmannschaft abgewandt.

Sportlich scheint mehr denn je die Offensive das Problem der Mannschaft zu sein, die unter Roberto Mancini noch vor der EM 2021 für mehr als 30 Spiele hintereinander ungeschlagen blieb. Nur wo bleiben die neuen Francesco Tottis, Luca Tonis, Roberto Baggios oder Paolo Rossis, eben diese Stürmer mit Weltklasseformat, an die sich Italienfans mit so viel Nostalgie zurückerinnern? Aktuell zumindest sucht man sportlich weiter nach sich selbst, noch dazu ist auch das ehemalige Juventus-Innenverteidiger Bonucci und Chiellini mehr als nur ein bisschen in die Jahre gekommen und wird wohl kaum in der Form mehr auflaufen wie 2021. Bei beiden ist sogar mehr als fraglich, ob sie jemals nochmal für Italien bei einem großen Turnier auflaufen werden.

Schlussendlich sind es zwei italienische Vereine, die derzeit Anlass zur Hoffnung geben. Diese Vereine sind zum einen in puncto Offensive der SSC Neapel, zum anderen in puncto Defensive Inter Mailand. Insbesondere das neapolitanische (und italienische) Sturmduo Matteo Politani und Giacomo Raspadori spielen derzeit beim aktuellen Tabellenführer der Seria A eine herausragende Saison, zwei italienische Newstars, die bislang gemeinsam mit dem georgischen Wirbelwind Cwitscha Kvaratskhelia alles dafür tun, die Bewohner der Stadt am Fuße des Vesuvs zum ersten Mal seit 1990 (damals noch mit einem gewissen Diego Maradonna im Sturm) wieder den Scudetto-Gewinn feiern zu lassen.

Bei Inter Mailand ist es hingegen die junge aber hochtalentierte Defensive, die neugierig macht. Hier sind es insbesondere Verteidiger wie Francesco Acerbi und Matteo Darmian, die in den vergangenen Saisons auf sich aufmerksam machten. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Hilfe hatten die Nerazzurri es in der Saison 2021/22 geschafft von 48 Spielen gerade einmal 2 zu verlieren, defensiv ein absoluter Spitzenwert. Es könnte also gut sein, dass Roberto Mancini bei einer Qualifizierung für 2024 wieder vermehrt auf die alten italienischen Tugenden (Stichwort Catenaccio) setzen wird und neben einer sattelfesten Defensive vor allem auf blitzschnelle Außenstürmer setzen wird. Eine 5-2-3-Aufstellung erscheint hier nicht unwahrscheinlich, gesetzt den Fall, Ballverteiler und Spielmacher wie Jorginho und Marco Verratti bleiben verfügbar und unverletzt. Vorne könnte neben den Napoli-Stürmern zuzüglich noch der nachwievor als absolutes Supertalent geltende Gianluca Smamacca (West Ham United) auf sich aufmerksam machen oder man wird seinen Gegnern eben mit der Geschwindigkeit eines Nicolo Zaniolis (AS Rom) oder Moise Kean (Juventus Turin) gefährlich.

Das mag dann vielleicht nicht mehr ganz so begeisternd aussehen wie 2021, eine solche taktische Umstellung könnte dem aktuellen Kader aber gut tun, der dann natürlich wieder alle Chancen der Welt hat, die Geschichte ein zweites Mal neu zu schreiben und eine sehr erfolgreiche EM zu spielen.

Geschichte könnte auch mein zweiter (Überraschungs?)-Kandidat der WM-Nicht-Nominierten schreiben: Norwegen. Für Norwegen könnte diese EM eine Weggabelung werden, allen voran natürlich aufgrund ihres mit haushohem Abstand größten Stars Erling Haaland im Sturm. Denn sollte Norwegen die Qualifizierung für die EM 2024 erneut nicht schaffen, könnte er sich so langsam aber sicher, trotz seines jungen Alters, in die Reihen der George Bests (Nordirland), George Weahs (Liberia) oder Ali Daeis (Iran) einreihen - Spieler, die zwar - jeder auf seine Art - als Fußballer absolute Legenden waren, die mit ihren Nationalmannschaften jedoch nie etwas reißen konnten (Chelseas für Gabun spielenden Top-Stürmer Pierre-Emerick Abaumeyang könnte man hier, was die jüngere Vergangenheit angeht, auch noch mit hinzunehmen).

Ich stelle allerdings die vielleicht gewagte Prognose auf, dass dem nicht so kommen wird. Vielmehr sehe ich Norwegen, wenn alles gut geht, als vielleicht das neue Polen - eine Mannschaft, die zwar trotz Haaland zu schwach für einen ganz großen Titel ist, durchaus aber auch mal in einem EM-Viertel- oder sogar Halbfinale mitspielen könnte (siehe Wales mit ihrem Superstar Gareth Bale, die den Halbfinaleinzug 2016 ebenfalls genau so geschafft haben).

Natürlich muss hierbei auch die Philosophie des aktuellen Trainers Stale Solbakken eine ähnliche sein wie bei genannten Teams: Alles auf eine Karte setzen, die wie im Fall Lewandowski (Polen) oder Gareth Bale (Wales) heißt: Irgendwie, notfalls mit langen Bällen, dafür sorgen, dass dieser eine sicher doppelt und dreifach gedeckte Spieler Erling Haaland in der Nähe des gegnerischen Strafraums den Ball bekommt und damit wieder einmal irgendetwas unglaubliches anstellt. Schnelle Konter wären bei einem Erfolg Norwegens natürlich Pflicht, wie auch mannschaftliche Geschlossenheit in der Abwehr.

Die gute Nachricht für norwegische Fans ist, dass sie (ähnlich wie Wales einst mit Aaron Ramsey) im Mittelfeld zumindest noch einen weiteren Spieler und Lenker haben, der beim FC Arsenal grade in jüngster Zeit mehr und mehr Weltklasse aufblitzen lässt: Martin Odegaard.

Doch auch sonst finden sich derzeit überraschend viele norwegische Talente, die in Mannschaften spielen, die alle nachwievor europäisch spielen: Leo Ostigaard vom SSC Neapel, Birger Meling von Stade Rennes, Fredrik Oppegard von PSV Eindhoven, Marcus Pedersen von Feyenoord Rotterdam, Kristoffer Zacharias und Joshua King von Fenerbahce Istanbul, Fredrik Aursnes von Benfica Lissabon, wie auch nicht zuletzt die beiden Union-Berlin-Neuzugänge Julien Ryersson und Morten Thorsby. Auch mit dem kürzlichst zu Leipzig gewechselten Oryan Nyland hat man zumindest einen sehr erfahrenen Schlussmann im Kader, auch wenn sich dieser im Verein bislang noch nicht gegen Leipzigs klare Nr. 1 Peter Gulacsi durchsetzen konnte.

Und sollte es tatsächlich einer Mannschaft gelingen, Haaland durch komplette Dauermanndeckung komplett aus dem Spiel zu nehmen, dann hat man auch im Sturm mit Alexander Sorloth (Real Sociedad, Ex-Leipzig) wie auch den zuletzt von Eintracht Frankfurt an Gent verliehenen Jens-Petter Haugge auch auf dieser Position mindestens zwei weitere vielversprechende Alternativen.

Eine entscheidende Frage wird auch sein, inwieweit ein Spieler auf dem Level eines Erling Haaland sich überhaupt auf eine, eben den Voraussetzungen entsprechenden, Nationalmannschaftskarriere einlassen kann. Denn so vieles steht fest: Welt- oder Europameister werden wird er mit Norwegen nicht und alles über ein Viertelfinale hinaus wäre für ihn und das norwegische Team schon ein absolutes Weltwunder.

Hier spielen auch Faktoren wie Identifikation mit seinem Heimatland eine Rolle, etwas, was insbesondere bei Wales und Gareth Bale (verärgerte Madrid-Fans erinnern sich an sein Zitat zu seinen Prioritäten im Leben: Platz 3: Real Madrid, Platz 2: Golf, Platz 1: Wales) bei der EM 2016 absolut entscheidend war.

Ist es für einen Spieler, der jetzt schon beim vielleicht besten Verein der Welt spielt und auf Champions-League-Ebene alles gewinnen kann, was man gewinnen kann, überhaupt wichtig, ob Norwegen in irgendeinem Nations-League- oder EM-Qualifikations-Spiel gut oder schlecht spielt? Oder wird er früher oder später sogar genervt sein von irgendwelchen Länderspielen mit Norwegen und sich viel lieber glücklich an die WM 2022 erinnern, wo er sich als einer der wenigen europäischen absoluten Topstars komplett schonen konnte? Sicherlich wird hierbei auch eine entscheidende Rolle spielen, ob er es schafft, zeitnah mit Manchester City die Champions League zu gewinnen und zumindest diesen Titel in seiner Vita erstmal abzuhaken.

Desweiteren wird, wenn man auf die WM 2026 blickt, auch entscheidend sein, ob nicht sogar der gesamte norwegische Verband aus der FIFA austreten wird. Denn kein Verband auf der Welt zeigt sich gegenüber den Korruptionen der FIFA und Gianni Infantino gegenüber so kritisch, wie der norwegische Verband unter Präsidentin Lise Klaveness, ein Verband, der auch was hohe Positionen von Frauen im Herrenfußball angeht, anderen Nationen weit vorraus ist. Auch aus gesellschaftspolitischer Sicht kann man auf Norwegen in den nächsten Jahren also sehr gespannt sein.

Nun aber zu meinem wirklich heißesten Hottake aller Hottakes, der heißt: Georgien qualifiziert sich als die eine Riesenüberraschung für die EM 2024 in Deutschland und wenn es, wie bei Nordmazedonien bei der letzten EM, über irgendeinen Nations-League-Schleichweg ist.

Was Georgien angeht befänden wir uns bei einer generellen Frage im aktuellen immer taktischer und athletischer werdenden Fußball: Befinden wir uns in einer Zeit, wo es überhaupt noch möglich ist, dass ein Spieler (in dem Fall 60-Millionen-Mann Khvicha Kvaratskhelia von SSC Neapel, der im Sturm als absolutes Ausnahmetalent gilt) plus ein solider bis sehr guter Torwart (Giorgi Marmadashvili, aktuell die Nr. 1 beim FC Valencia) eine ganze Mannschaft tragen und zum Erfolg führen kann?

Denn der andere Teil der Wahrheit ist natürlich auch: Abgesehen von diesen beiden Spielern hat keiner der restlichen georgischen Spieler einen Marktwert von über 3 Millionen. Damit hat man in etwa den Kaderdurchschnittswert des VFL Bochums.

Allerdings hat auch dieser bereits 4 zu 2 gegen den FC Bayern gewonnen und wo wir schon beim Thema Bayern sind: Georgiens aktueller Trainer ist niemand anderes als der Ex-Bayern-Defensiv-Star Willy Sagnol, ein Trainer, der 2017 bereits als Interimstrainer beim deutschen Rekordmeister gearbeitet hat und dem man, insbesondere was die Einstellung einer sattelfesten Defensive angeht, durchaus etwas zutrauen sollte.

Ansonsten heißt es natürlich auch im Fall Geogien: Alles auf eine Karte setzen. Kvaratskhelia muss seinen zuletzt herausragenden Lauf bei Neapel beibehalten und der Rest muss eben irgendwie den Bus hinten reinstellen (im Idealfall sogar 2 Busse), möchte man sich für das kommende EM-Turnier qualifizieren.

Mein dritter und damit letzter Hottake wäre Slowenien, wobei auch hier derzeit ein junger aufstrebender Stürmer im Vordergrund steht: Benjamin Sesko bei dem bereits klar ist, dass er im Sommer 2023 von RB Salzburg zu RB Leipzig in die Bundesliga wechseln wird, um dort höchstwahrscheinlich dann einen Christopher Nkunku zu ersetzen.

Slowenien hingegen könnte grade die Spielphilosophie von Trainer Matjaz Kek extrem zugute kommen: Lange Bälle, Zweikampfhärte, wie auch eine disziplinierte bereits im vorderen Drittel stattfindende Arbeit gegen den Ball, mit anderen Worten ein bisschen das "Kroatien light". Dabei ist man zumindest auf einer Position mit dem Nachbarland aus dem Balkan auf mindestens gleichem Niveau: Dem Tor. Gleich doppelt ist man hier auf Weltklasselevel besetzt, trotz Inter-Schlussmann Samir Handanovic ist hier aber natürlich Routinier Jan Oblak von Atletico Madrid die absolute Nr. 1.

Auch mit Stürmer Josip Ilicic, der seit Jahren die Kolumbianisch-Slowenische Sturmspitze von Atalanta Bergamo anführt, verfügt man über einen weiteren hochinteressanten Leistungsträger. Desweiteren konnte man sich auch in der Nations League zuletzt vor Schweden und der Türkei und nur knapp hinter Norwegen erneut für die zweithöchste Spielklasse, der Division B, qualifizieren.

Ob man die Ukraine (ebenfalls sehr unglücklich bei der WM in Katar im Playoff gegen Wales ausgeschieden) noch als Hottake bezeichnen kann, bleibt wiederum fraglich. Hier überrascht vor allen Dingen immer wieder, wie in diesem Land, welches durch Vladimir Putins Angriffskrieg nachwievor so unglaublich gebeutelt ist, Fußball überhaupt noch möglich ist, ganz zu schweigen von der unfassbaren Arbeit von Shakhtar Donezk.

War hier vor ein paar Jahren noch von einem Top-Talent namens Ruslam Malinovsky die Rede (mittlerweile bei Bergamo unter Vertrag), heißen die Namen der Stars von morgen hier längst Mikhailo Mudryk und Marijan Shved. Letzterer hat insbesondere mit zwei Treffern beim 4 zu 1 gegen RB Leipzig in der Champions League geglänzt, während ersterer mittlerweile sogar bei Premier-League-Topvereinen wie dem FC Arsenal gehandelt wird. Dass hier sogar während eines Krieges weiterhin so erfolgreich in die Jugendarbeit investiert werden kann, schon alleine das gebührt allen Respekt. Alleine schon deswegen möchte man der ukrainischen Mannschaft eigentlich schon alles wünschen, was irgendwie wieder für positive Energie im Land sorgt, selbst wenn es „nur“ Fußball ist.

Fußballerisch lief es für Schweden, die es noch 2018 in der Post-Ibrahimovic-Ära völlig überraschend ins Viertelfinale geschafft hatten, in den letzten Jahren alles andere als rund. Von einer elementaren Krise war hier die Rede, zum Teil sogar von einem Zusammenbruch der Mannschaft. Der Höhepunkt der Schmach war hierbei sicherlich der doppelte Abstieg in der Nations League, erst in die Division B, dann sogar als Letztplatzierter (hinter Slowenien) in die Division C. Einzig und allein bei der WM-Qualifikation für Katar, wo man nur knapp mit 0 zu 1 gegen Polen im Playoff-Finale ausschied, überzeugte man zumindest halbwegs.

Dennoch besteht Hoffnung, dass der lange überfällige Umbruch vielleicht bis zur EM 2024 doch noch in Fahrt kommen könnte. Der erst 20jährige Stürmer Anthony Elanga gilt hier zum Beispiel nachwievor als großer Hoffnungsträger, sollte ihm Manchester-United-Trainer Erik ten Hag nach dem Ronaldo-Abgang in Zukunft etwas mehr Spielzeit geben. Desweiteren macht sich auch sein Premier-League-Kollege Alexander Isak bei Newcastle United gut, ein Spieler, für den der Club um das saudische Konsortium ganze 70 Millionen zahlte. Das ist mehr Geld als Manchester City für Erling Haaland an den BVB überwies.

Die Stärke der Schweden bleibt aber nachwievor das Mittelfeld, auch wenn auch hier die beiden Hauptakteure Emil Forsberg (RB Leipzig) und Dejan Kulusevski (Tottenham Hotspur) in jüngster Zeit bei ihren Vereinen nicht immer Stammspieler waren. Auch junge Spieler wie Isak Hien (Hellas Verona), Matthias Svanberg (VFL Wolfsburg) und Jens Cajuste (Stade Reims) könnten insbesondere bei der Arbeit gegen den Ball gefragt sein. Ob die Mannschaft 2024 schon so weit ist, wieder ganz oben mitzuspielen, bezweifle ich ein wenig, eine Qualifikation für das Turnier sollte aber allemal drin sein, und dann - wer weiß. Zumindest hat man trotz der enttäuschenden letzten Jahre weiterhin am bereits seit 2016 im Amt stehenden Trainer Janne Andersson festgehalten.

Somit zum letzten Nicht-WM-Fahrer, der noch mehr als in den Turnieren zuvor 2024 eine ganz entscheidende Rolle spielen könnte: Österreich, eine Mannschaft, die mittlerweile weitaus mehr ist als ein Sammelsurium aus mal mehr mal weniger erfolgreichen Bundesliga-Stars.

Hierfür ist insbesondere die Arbeit des österreichischen Dauermeisters RB Salzburg (inklusive der Nachwuchsarbeit ihres Farmclubs in Liefering) verantwortlich. Denn längst schon ist es nicht mehr so, dass jedes österreichische Talent von dem Moment an, wo es irgendwie den Ball von A nach B bewegen kann ohne dabei über seine eigenen Füße zu stolpern, sofort nach Deutschland wandert. Junior Adamu, Nicolas Seiwald, wie auch das Innenverteidigerduo Andreas Ulmer und Maximilian Wöber seien hier nur als Beispiele genannt, dass auch ein Verbleib in der österreichischen Bundesliga (neben einem bei Salzburg ebenfalls dank Red Bull üppigen Gehalts) für so manchen Spieler auch auf längerfristige Sicht attraktiv sein kann.

Hinzu sind mit Torwart Daniel Bachmann (FC Watford), Stürmerlegende Marko Arnautovic (FC Bologna), Mittelfeldspieler Florian Grillitsch (Ajax Amsterdam), wie natürlich auch allen voran David Alaba (Real Madrid) mittlerweile auch mehr und mehr österreichische Spieler in den anderen Top-Ligen Europas unterwegs. Die Zeit scheint also vorbei, wo die österreichische Nationalmannschaft so etwas wie die B-11 der Bundesliga ist. Auch mit Michael Gregoritsch vom aktuellen Tabellenzweiten SC Freiburg verfügt man derzeit über einen der formstärksten Stürmer der Bundesliga, dazu kommt mit Leipzigs Konrad Laimer, wo sich mehr und mehr ein Wechsel zum FC Bayern anbahnt, ein weiteres Riesentalent - vielleicht nach David Alaba der beste österreichische Spieler, der je in der Bundesliga gespielt hat.

Der absolut entscheidende Faktor ist aber sicherlich Österreichs Nationaltrainer Ralf Rangnick, einer der prägendsten und erfolgreichsten deutschen Trainer der letzten 15 Jahre. Kaum ein Fußballkenner hat es geschafft einen Red-Bull-Verein sportlich so weit zu bringen, wie Rangnick mit Leipzig, womit er alleine schon deswegen besten Einblick in die Talentschmiede Salzburg-Liefering haben sollte.

Von dem zuletzt bei Manchester United u.a. an Cristiano Ronaldo gescheiterten Schwaben wird also sehr viel abhängen, denn eins ist klar: Wenn Österreich nicht derzeit ihre große goldene Generation hat, wann dann? Kaum einmal in den letzten 20-30 Jahren waren die Österreicher mit so viel Talent und Erfahrung auf allen Positionen bestückt, nur fehlte es bislang leider immer wieder am nötigen Turnierglück. Sollte also diesmal das heiß ersehnte Viertelfinale drin sein? Entscheidend ist, dass die Mannschaft ihre Konstanz findet und insbesondere in der Qualifikation gegen die kleinen Gegner nicht zu viele Punkte liegen lässt. Dann kann 2024 eine Menge drin sein.

Ein Viertelfinale wäre bei Belgien vor einigen Jahren noch eine herbe Enttäuschung gewesen, doch spätestens mit dem vergangenen Turnier in Katar haben sich die Dinge geändert. Kaum eine andere Mannschaft ist mit so vielen Nebenkriegsschauplätzen aus der Vorrunde des vergangenen WM-Turniers geflogen. Die Stimmung in der Mannschaft schien dabei so mies, wie seit der Euro 2016 nicht mehr, als man als Team gegen den damaligen Trainer Mark Wilmots aufbegehrte.

Auch für seinen Nachfolger Roberto Martinez, der Belgien 2018 noch bis ins Halbfinale geführt hatte, bedeutete dies das Ende seiner Trainerlaufbahn bei den roten Teufeln, hatte er doch am Ende nicht mehr die Macht z.B. einen frustrierten Kevin de Bruyne zu bändigen, der bereits vor dem Ausscheiden von einer überalterten Mannschaft sprach, die 2018 auf ihrem Höhepunkt war, aber jetzt nichts mehr reißen könne. Auch sprach er davon, dass die jungen Spieler nicht mehr auf dem selben Level wären. „Ich sehe uns eher als Außenseiter“ war sein finales Schlusswort, nicht grade motivierend für seine Mitspieler, zu einem Zeitpunkt, wo zumindest theoretisch beim Turnier in Katar noch alles drin gewesen wäre.

Hier wieder für eine positive Stimmung zu sorgen, das wird die Aufgabe des neuen Trainers werden, wo, was diesen Posten angeht, schon Namen wie Thierry Henry gehandelt wurden.

Wichtig wäre dabei vor allem, so der Verband, dass der Trainer kein Belgier sein sollte, da man hier in der Erfahrung schlechte Erfahrungen mit gemacht hat - wohl eine Anspielung auf die Spielerrevolte und den dramatischeren Trainerbruch mit dem Ex-Schalker Mark Wilmots.

Kadertechnisch ist das Hauptproblem der Belgier die Defensive, es sei denn man möchte noch bis zur nächsten Sintflut mit Vertonghen, Witsel und Alderweireld auflaufen. Wahrscheinlich müsste der neue Trainer hier sogar vielleicht mal eine komplette Nations-League-Saison ausschließlich auf junge Spieler setzen, um mal wirklich einer komplett jungen Generation die Chance zu geben sich zu zeigen, ähnlich, wie es Jogi Löw z.B. 2017 beim Confed Cup getan hat.

Denn man sollte trotzalledem auch aufpassen die „neue belgische Generation“ nicht schlechter zu reden als sie ist. Sicherlich, die Zeiten, wo die Belgier Turnier für Turnier immer Geheimfavoriten waren, sind vorbei. Wer sagt aber, dass das, u.a. die vergangene WM, nicht nur eine kleine Durststrecke ist, ähnlich wie sie das Nachbarland Niederlande von 2015 bis 2020 erlebt hatte? Falls ja, dann sollte man den jüngeren Spielern diese Entwicklungszeit auch geben anstatt ständig mit der Angst zu leben, man könne als einstiger 1. in der FIFA-Weltrangliste den Anschluss an Spanien, England oder Frankreich verlieren.

Denn klar ist: Es gibt es immer noch eine große Hand voll höchst bemerkenswerten belgischen Talenten in international renommierten Vereinen - der jüngst für den Golden Boy nominierte Cisse Sandra zählt zweifelsohne zu ihnen, genau wie auch sein Abwehrkollege beim Club Brügge Clinton Mata. Dazu kämen Johan Bakayoko von PSV Eindhoven, wie auch der schon etwas erfahrenere offensive Mittelfeldspieler Leandro Trossard von Brighton & Hove Albion.

Allen voran sollte man hier aber Jeremy Doku nennen, der von seinen Anlagen her wie derzeit kein anderer für die Zukunft des belgischen Vollgas-Fußballs steht. Zwar hatte er bei Stade Rennes zuletzt immer wieder mit Formproblemen zu kämpfen, was auch den Wechsel zu einem absoluten Top-Verein bislang verhindert hat, von den Anlagen aber treffen hier Spielintelligenz und Geschwindigkeit auf eine zum Teil fast aberwitzige Dribbelstärke, wie man sie sonst nur von Ausnahmetalenten wie Jamal Musiala zu sehen bekommt.

Die größte Herausforderung für den neuen Trainer wird sein, der Mannschaft hart aber mit der nötigen Nähe klar zu machen: Die vergangenen Erfolge sind vergangene Erfolge, es muss eine neue Generation her, notfalls, sollten sie in der Mannschaftskabine stören, auch mal ohne einen Kevin de Bruyne, einen Romelu Lukaku oder einen Eden Hazard.

Louis van Gaal könnte ein Trainer sein, der dafür infrage käme. Lustigerweise hatte dieser auch gegenüber der Sport Bild sogar während der WM verlauten lassen, er könne sich einen Wechsel als Bondscoach von den Niederlanden nach Belgien sogar vorstellen, müsse dafür aber erst seine Frau fragen.  Van Gaal wäre hier für den belgischen Verband sicherlich eine interessante Wahl, denn das ein Trainer wie van Gaal Teams zugunsten seiner Spielphilosophie auch mal komplett kompromisslos umformen kann, hat er ja nicht zuletzt erfolgreich beim FC Bayern bewiesen.

In jedem Fall gilt es in die Zukunft zu schauen, denn dann könnte man bei der EM 2024 zumindest die Erwartungen insoweit erfüllen, dass man wenigstens wieder irgendwo in der Nähe eines Viertelfinales landet.

In der Kategorie „können Erwartungen nicht erfüllen“ landen bei mir Kroatien, auch wenn mich die Kroaten, wie seit 2018 eigentlich bei jedem Turnier, wahrscheinlich wieder Lügen strafen werden. Denn schenkte man der Kritik von Expertenseite aus noch vor der WM an der kroatischen Mannschaft Gehör, man hätte wohl die an der belgischen Nationalmannschaft quasi copy-und-pasten können: Mannschaft zu alt, kein Mut zum Umbruch, seit gefühlt Jahrzehnten dieselben Gesichter, und so weiter und sofort.

Dem tiefgläubigen kroatischen Coach Zlatko Dalic, der vor Spielen oft einen Rosenkranz als Glücksbringer mit sich rumträgt, ging diese Kritik allerdings aber genau dort vorbei, wo die Rosen eher seltener blühen.

Und wenn man sich die unglaubliche Geschichte Kroatiens bei der WM in Katar (erneut unter den Top 4) anschaut, so muss man sich als Kroatien-Fan schon langsam fast zwicken, wenn man dabei zuschaut, wie ein nun fast 37-jähriger Luka Modric, der zuweilen wirkt, wie aus Umberto Ecos "Der Name Der Rose“ auf ein Fußballfeld gebeamt, immer noch auf diesem Weltklasseniveau spielt.

So langsam fragt man sich, ähnlich wie lange Zeit noch bei Cristiano Ronaldo, kann das alles überhaupt irgendwann einmal enden? Die schlechte Nachricht ist: ja.

Irgendwann werden Modric, so wie auch seine Teamkollegen Kovacic und Brozovic, die nun über Jahre hinweg eins der besten Mittelfelder Europas gebildet haben, nicht mehr komplett auf dem Level performen können, wie sie die letzten Jahre performt haben. Wann, das weiß niemand, aber irgendwann wird es so kommen, das schreibt leider die Biologie vor.

Die gute Nachricht: Kroatiens mittlerweile über Jahre hinweg immer weiter geschulte Spielphilosophie, der komplette Fokus auf das Team und den Abstand in den Ketten - Lobanovsky-Philosophie 2.0 in Reinform. Bei kaum einer Mannschaft scheint die Vorstellung absurder, ein Spieler könne aus der Reihe tanzen, abheben oder bei einer Auswechslung schmollen. Alles, was bei Belgien in Katar vom Teamgeist her nicht stimmte, stimmte beim vergangenen Turnier bei Kroatien. Dort lag der Unterschied und das Ergebnis (Bronze-Medaille) konnten wir alle sehen.

Auch junge Talente wie Josko Gvardiol, der von vielen Medienhäusern als Innenverteidiger in die TOP-11 des Turniers gewählt wurde, fügen sich in die Mannschaft ein, als hätten auch sie schon seit Jahrzehnten mit Modric & Co. zusammen gespielt.

Hinzu kommt ein völlig sportverrücktes Land, was nicht nur im Fußball, sondern auch im Handball, Basketball und vor allem im Wasserball absolute Weltspitze ist, ein Land, was wohlgemerkt so viele Einwohner hat wie Berlin. Einzig und allein der Blick in die Kader der aktuellen Champions-League-Top-Teams macht, was den Fußball angeht, ein bisschen Sorge. Denn bis auf angesprochenen Guardiol und vielleicht noch Luka Sucic von RB Salzburg, findet sich da derzeit nicht mehr wirklich viel Potenzial mit kroatischem Pass.

Ist die Energie möglicherweise aufgebraucht und auch Kroatien befindet sich vor einer Durststrecke, was Nachwuchs auf ähnlichem Niveau wie Modric & Co. angeht? (schon bei der WM 2022 ist man quasi ohne einen echten Mittelstürmer auf Weltklasseniveau angereist).

Dies könne man durchaus denken, wären da nicht diese noch ganz jungen kroatischen Top-Talente: Stipe Biuk (19) wird derzeit als einer der talentiertesten Linksaußen in Kroatien, wie auch als künftiger Neuzugang bei Borussia Mönchengladbach gehandelt, hinzu kommen die Bayern-Spieler Josip Stanicic (rechtsaußen, 22) und Lovro Zvonarek (17), der als offensiver Mittelfeldspieler derzeit bei Bayern zwar noch in der zweiten Mannschaft spielt, aber jetzt schon als absolutes Megatalent gilt. Nicht zuletzt wäre da noch Dion Beljo (20). Dieser gilt derzeit als vielleicht die größte Sturmhoffnung im kroatischen Fußball, ein Spieler, der vielleicht sogar eines Tages mal die Lücke füllen könnte, die ein Mario Mandzukic hinterlassen hat. Dies hat zur Folge, dass er derzeit auch wegen seiner physischen Präsenz von unzähligen Vereinen, u.a. auch aus der Bundesliga, gescoutet und als einer der vielleicht künftigen absoluten Top-Stürmern Europas gehandelt wird.

Somit, auch wenn ich bei Kroatien zumindest eine kurze Durststecke prognostiziere, kann man, was die längerfristige Zukunft angeht, hoffnungsvoll sein auch weiterhin unter den absoluten Top-Nationen der Welt mitzuspielen, sollte ein mittlerweile 37jähiger Luka Modric zum Beispiel irgendwann doch mal seinen Abschied ankündigen. 

Und wie lange Modric noch spielt? „Solange bis ich den Pokal in der Hand halte oder mir ein jüngerer und besserer den Rang abläuft“, sagte er zuletzt, was noch einmal mehr die starke Einstellung des gesamten kroatischen Teams unterstreicht.

Womit wir so langsam bei den Turnierfavoriten wären: England, Frankreich, Spanien und Portugal. Nicht wenige würden sagen, dass so und nicht anders rein von der Qualität her eigentlich das Halbfinale der EM 2024 aussehen müsste.

Daran ist sicher was dran, wenn bei einem Turnier zur Abwechslung mal jeder Nationaltrainer die Erlaubnis hätte, so viele Spieler aufs Feld zu schicken, wie ihm grade lustig ist. Eine solche Reform ist allerdings für die kommende EM nicht geplant, was die WM 2026 angeht muss sich allerdings die Frage stellen: Gibt es irgendeine sinnlose Reform im Fußball, die man Gianni Infantino nicht zutrauen würde?

Warum eigentlich nur 22 Spieler auf dem Platz? Wer sagt das eigentlich? Heißt nicht mehr Spieler gleichzeitig auch mehr Glamour und damit mehr Kohle? Warum denn nicht mal was neues wagen?

Kleiner Seitenhieb am Rande und dennoch, sollte Infantino eine solche Reform eines Tages durchgesetzt kriegen, würden diese vier Nationen wohl erstmal eine ganze Weile bei jedem Turnier ganz oben stehen.

Denn dass es diese vier Nationen sind, die zumindest was die reine Fülle an Talenten und sich in Topform befindender Superstars angeht, derzeit das Maß aller Dinge in Europa sind, da gibt es kaum zwei Meinungen.

Insbesondere die Tatsache, dass Frankreich 2022 trotz insgesamt 6 verletzten Top-Leistungsträgern, darunter Ballon d‘or Sieger 2022 Karim Benzema von Real Madrid, erneut das WM-Finale erreichte, unterstreicht die derzeitige Dominanz Frankreichs nochmal auf eine Art und Weise, die fast schon frech ist.

Nicht wenige Tweets gehen schon um die Welt, Frankreich könnte wahrscheinlich 5 französische Top-11s für die einzelnen Gruppen der kommenden EM-Qualifikation anmelden, die 5 Teams würden sich wahrscheinlich alle qualifizieren.

Und das Schlimme ist: Rein von den Marktwerten und Transfermarkt-Stats ist das an der Wahrheit alles andere als weit entfernt. Selbst die fünftteuerste Elf Frankreichs ist vom Marktwert der Spieler her höher einzuordnen als die A-Nationalmannschaften von europäischen Verbänden wie Slowenien, Finnland, Island, Griechenland, Bosnien, Rumänien und Bulgarien, Länder von denen zumindest einige durchaus demografisch gesehen im europäischen Mittelfeld stehen, was Bevölkerungsreichtum angeht.

Wo Frankreich in den letzten Jahren aber diesen Nationen komplett enteilt ist ist die herausragende Organisation in der Nachwuchsförderung, nicht aufgeteilt in 1000 Verbände, sondern zentral gesteuert von einem Ort: Clairefontaine, jener geheimnisvollen Akademie in Clairefontaine-En-Yvelines.

Diese mitten in einem Naturwildpark gelegene Villa, die sich "Centre national de football" nennt und nur wenige Minuten zu Fuß von einem malerischen Badesee entfernt liegt ist dabei nicht nur der Ort, wo Kylian Mbappé zu dem Superstar gereift ist, der er heute ist, sie ist auch das Maß aller Dinge, was den französischen Nachwuchs angeht, man könnte sagen, das Hogwarts für potenzielle neue französische Ballzauberer.

Und so wie beim FC Bayern das „Mia san mia“ eben für weitaus mehr steht als für einen reines marketingtechnisches „vision statement“, so werden auch in Frankreich bereits die Kinder in jüngstem Alter auf die französische Spielphilosophie geprägt.

An oberster Stelle steht hier das Dribbling, die feine Technik mit dem Ball, die den Gegner verwirren soll, täuschen, die aber letztendlich dem Publikum auch maximalen Spaß bringen soll.

Den Gegner „austanzen“, jede seiner Bewegungen blitzschnell antizipieren, wie auch den Körper im richtigen Moment einsetzen, um den Gegner einen möglichen Ballgewinn maximal unbequem zu machen: Das ist das, was die Kinder in Clairefontaine im ersten Jahr ausschließlich lernen. Danach folgt das Flachpassspiel, zunächst in kleinen 3 gegen 3 Gruppen auf Mini-Feldern. Auch hier gilt es einzig und allein nur um die Technik und die Geschwindigkeit des Passspiels. Sinn dieser Ausbildung ist es die Kinder erstmal komplett auf die reinen athletischen Skills zu fokussieren, bevor man sie mit großartigen Taktikanweisungen überfordert.

Im Grunde ist es wie bei der Ausbildung zu einem Musikinstrument z.B. an der Juillard School in New York, die hier ein ähnliches Konzept verfolgt wie Clairefontaine. Auch hier heißt die Philosophie: Erst die Nuancen in den Bewegungen erlernen, denn diese erlernen sich im jungen Alter am schnellsten, dann die richtige Anwendung, meistens noch mit technisch zwar schon anspruchsvolleren aber vom musikalischen Verständnis her kurzen und unkomplizierten Stücken und dann -  viel später - erst die großen Brocken, Werke, die 30 Minuten oder auch länger lang sind und musikalisch teilweise ganze Geschichten erzählen.

Hier ist der französische Fußball genauestens in seiner Ausbildung strukturiert, weswegen auch erst im 5. Jahr erste Elf-gegen-Elf Übungen gemacht werden. Man muss sich das mal vorstellen: Vier Jahre lang professionellste Fußball-Ausbildung, bevor die Kinder überhaupt erst ein Fußballspiel so kennen lernen, wie es am Ende dann wirklich stattfindet, nämlich Elf gegen Elf.

De Effektivität dieser Ausbildung sieht jeder Fußballkenner sofort, nicht zuletzt sah man sie bei der vergangenen WM: Wann immer eine Flanke z.B. von Antoine Griezmann oder Theo Hernandez in den Strafraum segelte, sie wurde fast immer gefährlich. Die Fehlerquote war nicht nur gering, technische Fehler, z.B. im Passspiel waren bei Frankreich über lange Spielphasen hinweg nicht einmal mehr zu sehen. Was diese Ausbildung noch dazu ausmacht, ist, dass die in Clairefontaine ausgebildeten Spieler technisch so versiert sind, dass sie in nahezu jeder Liga und unter jedem Trainer funktionieren.

Darauf beruht auch das Ausbildungssystem in den Vereinen der Ligue 1. Wo es bei einem Verein wie Borussia Dortmund oder sicherlich auch Eintracht Frankfurt sofort großes Murren unter den Fans gibt, wenn das Talent, in das man sich doch fußballerisch grade so verliebt hat, zu einem größeren Club wechselt, ist das für einen Großteil der Ligue 1 Clubs (Paris St. Germain ausgenommen) völlig normal.

Denn am Ende wissen die Fans: Die ganze Liga profitiert von den Erlösen der potenziellen neuen französischen Superstars. Und wenn die eigenen Talente für viel Geld in die Bundesliga oder die Premier League wechseln, um dann als absolute Transfermarkt-Spitzenreiter für die Nationalmannschaft aufzulaufen, dann heißt das für die Fans am Ende nur: Gut für Frankreich, gut für die ganze Nation, schlecht für die Gegner.

Und Nationaltrainer Didier Deschamps? Dieser wird natürlich auch 2024 wieder die Qual der Wahl haben, denn die verletzten Spieler wie Pogba oder Kanté werden zurückkommen, dazu folgt auf die neue Generation rund um Nkunku, Kolo Muani und Chouameni bereits die nächste Generation. Spieler wie Desiré Doué und Arnaud Kalimuendo zählen zu diesen Talenten von morgen oder man könnte, so schnell wie die Jugendausbildung in Frankreich derzeit voran geht, fast sagen - von übermorgen.

Das Potenzial der Franzosen scheint, was das angeht, einfach unendlich, dazu ist da noch ein Kylian Mbappé, der im Begriff ist sämtliche GOAT-(Greatest-Of-All-Time)-Rekorde eines Lionel Messis oder Cristiano Ronaldo noch einmal zu toppen. Alles andere als Frankreich auch bei diesem Turnier wieder zu den Titelfavoriten zu zählen, scheint daher schon fast absurd.

In Spanien hingegen scheint die Entwicklung derzeit ein wenig einherzugehen mit der des FC Barcelonas, so verfügt dieser neben der von Real Madrid über die sicher (trotz Schulden in Milliardenhöhe) nachwievor vielleicht beste Vereinsnachwuchsakademie der Welt: La Masia.

Das Problem, was ich aus vielen Fußball-Communitys vernommen habe, scheint allerdings zu sein: Die Spanier sind einfach zu lieb - technisch hochtalentiert, aber gegen aggressiv konternde Japaner oder mauernde Marokkaner dann eben auch schnell mal wehrlos. So ein bisschen hat Spanien hier etwas von einem spielenden Kind, was bereits mit 8 mit dem Ball die unglaublichsten Dinge anstellt. Kommt man aber als der böse alte Onkel von nebenan vorbei, schubst das Kind von hinten um und nimmt ihm den Ball dann einfach weg, dann geht bei Spanien aktuell dann doch auf einmal nicht mehr ganz so viel.

Was die Spanier allerdings mit den Franzosen gemein haben, ist, dass auch in Spanien grundsätzlich nach einer klaren Philosophie ausgebildet wird, so dass man so gut wie immer Spieler von Weltklasseformat hat, die ihre Position mit der entsprechenden Philosophie verbinden können. Diese, auch durch Trainer wie Johann Cruyff und Pep Guardiola geprägte, Philosophie ist in dem Fall gut vergleichbar mit einem Schachbrett. Schau auf die Linien, in dem Fall die Passwege, und spiele stets so, dass dir möglichst viele Linien offen bleiben und dem Gegner möglichst wenige. Oder wie Pep Guardiola, der sich gerne mal mit Schach die Zeit vertreibt (u.a. auch gegen den Rekordschachweltmeister Garri Kasparov während seines Sabbatjahres in einem New Yorker Hotel), so schön sagte: „Mein Traum wäre es, wenn der Gegner im gesamten Spiel am eigenen Sechzehner festgeschnürt wäre und dabei in den 90 Minuten nicht einmal dazu kommt die Mittellinie zu übertreten.“

Ob Luis Enrique, zum Zeitpunkt der vergangenen WM noch spanischer Nationaltrainer, Guardiola einen Live-Mittschnitt des 7 zu 0 Spiels Spaniens gegen Costa Rica zugeschickt hat? Wir wissen es nicht, er hätte es aber tun können. Denn weit entfernt von dem, wie sich Guardiola mit dieser Aussage ein perfektes Fußballspiel vorgestellt hatte, war diese was Ballbesitzstatistiken angeht schon fast historische Leistung der Spanier sicherlich nicht.

Was man bei dem Spiel aber nicht vergessen darf: Die Costa Ricaner hatten es bei diesem Spiel fertig gebracht, komplett auf jedes Pressing zu verzichten. (Gegenpressing war da schon gar nicht mehr nötig, denn sie hatten ja sowieso so gut wie nie den Ball).

Und genau in diesem Wort - Pressing - liegt die Schwäche der Spanier: Wo Deutschland derzeit die Stürmer und Rechtsverteidiger fehlen, mangelt es Spanien aktuell an - kurz gesagt - so richtigen Bluthunden wie z.B. ein Sergio Ramos es war. Nico Williams könnte sich trotz seiner Wendigkeit vielleicht zu einem solchen Spieler entwickeln, da er auch eine extreme Giftigkeit, zumindest im Ballbesitz, hat, dass aber ein Pedri, ein Gavi, ein Ansu Fati, ein Pedro Porro, ein Carlos Soler oder ein Alejandro Baldé dann auch einfach mal die Blutgrätsche auspackt, scheint aktuell kaum vorstellbar.

Diese Giftigkeit wieder in die spanische Nationalmannschaft zu implementieren und dabei trotzdem fair zu bleiben, das wird Aufgabe des neuen Coachs sein. Dieser soll stand jetzt voraussichtlich Luis de la Fuente werden, der bislang die U21 trainiert hat - sicherlich eine clevere Wahl, weil er die vielen jungen Talente bereits charakterlich kennt und wie vielleicht kein anderer Trainer genau diesen Kampfwillen noch aus ihnen herauskitzeln kann.

Somit zählt Spanien für mich trotzalledem wieder zu den Top-Favoriten für 2024, Tendenz steigend, was die Turniere danach angeht, wenn die Pedris, Gavis & Co. auch alterstechnisch in der Blüte ihres Schaffens sind.

Portugal sind hier, insbesondere im Sturm und in der Defensive, definitiv schon einen Schritt weiter. Die ManCity-Verteidiger Joao Cancelo und Ruben Dias performen seit Jahren auf herausragendem Level, wobei sich Nuno Mendes von Paris St. Germain, was das angeht, in keinster Weise hinter ihnen verstecken muss. Ein Problem könnte die Linksverteidigerposition werden. Hier hat man sich zunächst einmal mit dem Noch-Dortmunder Raphael Guerreiro begnügt. Mit der Zeit wurde dann aber schnell klar, dass Guerreiros Spielstil für Santos' Spielidee viel zu offensiv war, weswegen Trainer Fernando Santos dann sogar Cancelo auf rechts rausnahm und durch einen defensiveren Verteidiger ersetzt hat. Hierbei setzte Santos auf eine asymmetrische 4er-Kette bei der, jeweils von rechts nach links gesehen, die Verteidiger immer wieder nachrücken, beziehungsweise nach links verschieben.

Und da liegt das Problem. Zieht man den Portugiesen diesen Zahn mit der einfachen Methode ständig die beiden Außenverteidiger zu beobachten und jeweils da die Räume dicht zu machen, wo sich ein Angriff über die Flügel anbahnt, sind sie derzeit offensiv leicht zu bändigen. Wenn man dann noch, wie beispielsweise ein Hakim Ziyech, genau in dem Moment der Verschiebung der gegnerischen Kette in den dadurch freigewordenen Raum stößt, ist man noch dazu extrem leicht auszukontern, ein ähnliches Problem, was auch die Deutschen hatten, die mit David Raum ebenfalls einen sehr offensiven Linksverteidiger hatten ohne dabei auf der rechten Verteidigerseite eine wirklich klare taktische Absicherung zu haben.

Neben den Mittelfeldsäulen aus den beiden Manchester-Clubs Bruno Fernandes und Bernardo Silva ist es aber insbesondere der Sturm, der Gegner der Portugiesen Angst machen sollte.

Diogo Jota (FC Liverpool), Joao Felix (Atletico Madrid), Rafael Leao (Inter Mailand) und Goncalo Ramos (Benfica Lissabon): Alles Portugiesen und alle zählen sie zu den derzeit heißesten Sturmtalenten Europas generell. Und auch das ist Teil der Wahrheit - bei allen Nebenkriegsschauplätzen wäre das Turnier für Cristiano Ronaldo anders gelaufen, wenn nicht gerade auf dieser Position die Konkurrenz in Portugal bei der vergangenen WM in Katar so groß gewesen wäre.

Im Gegensatz zu Deutschland und vielen anderen Nationen macht Portugal hier derzeit die vielleicht beste Arbeit in ganz Europa, was die Ausbildung von Stürmern angeht.

Und Cristiano Ronaldo? Offiziell heißt es nachwievor, er möchte seine Karriere in der Nationalmannschaft fortsetzen. Hierbei kann ich nicht verheimlichen, dass ich ein wenig schmunzeln musste als ich hörte, José Mourinho würde eventuell neuer Portugal-Trainer werden: Der exzentrischste polarisierendste Trainer aller Zeiten gemeinsam mit dem vielleicht polarisierendstem Spieler des letzten Jahrzehnts. Ich muss zugeben, dass mich diese Vorstellung, die beiden - Mourinho und Ronaldo - noch einmal gemeinsam arbeiten zu sehen, irgendwie fasziniert hätte.

Auch für alle Medienanstalten der Welt wäre dies sicherlich Gossip für eine gesamte Saison, dass das aber wirklich so stattfindet, scheint derzeit so wahrscheinlich wie ein Wechsel Lionel Messis zum FC Schalke 04.

Insbesondere bei Cristiano Ronaldo kann man sich aktuell kaum vorstellen, dass dieser noch einmal gewinnbringend mit der Mannschaft zusammen arbeiten wird, die seine Schwester erst kürzlich öffentlich als „Ratten“ bezeichnet hatte. Hier wurde leider die selbe fehlende Teamfähigkeit Cristiano Ronaldos deutlich, wie auch zuletzt bei Manchester United. 

Wahrscheinlicher scheint mir da schon, dass Cristiano Ronaldo, nachdem er jetzt noch einmal ein paar Jahre in Saudi Arabien kickt, vielleicht in einer anderen Funktion in den portugiesischen Verband zurückkehrt, vielleicht sogar als Jugendtrainer (u.a. sollte ja sein eigener Sohn dort bereits in naher Zukunft in der U17 kicken).

Das käme dann zumindest ein bisschen jenem "redemption arc" gleich, den sich so viele Ronaldo-Fans nach dem letzten für seinen Ruf so verheerendem halben Jahr so wünschen würden.

Denn dass dieser mit herausragendste Fußballspieler des neuen Jahrtausends, der (das muss man trotzalledem sagen) mit seiner Professionalität eine komplette Generation geprägt hat, sich vielleicht nicht immer in eine Gruppe einfügen, ist Fakt. Dass er aber umsomehr eine Gruppe anführen kann, und wenn es von der Seitenlinie ist, bewies er nicht zuletzt nach seiner Auswechslung beim EM-Finale 2016. Das Ergebnis? Neben 5 Champions-League-Titeln sein einziger Titel und damit größter Erfolg mit der portugiesischen Nationalmannschaft.

Was hingegen hat die französische Nationalmannschaft mit der englischen Nationalmannschaft gemeinsam? Neben der in beiden Fällen herausragenden Nachwuchsarbeit vor allem, dass in beiden Kadern ein Spieler besonders aus dem Rahmen fällt, in diesem Fall allerdings nicht nur sportlich. Beide Startelf-Teams, sowohl Frankreich als auch England haben nämlich derzeit einen herausragenden jungen Spieler, der auch noch auf andere Weise auffällt.

Denn so wie Kylian Mbappé sowohl bei der Weltmeister-WM 2018 als auch bei der WM 2022 der einzige gesetzte französische Startelf-Nationalspieler war, der zu dem Zeitpunkt in Frankreich sein Geld verdiente, war England-Youngstar Jude Bellingham umgekehrt 2022 der einzige Spieler im gesamten englischen Kader, der nicht in England spielte.

Dies spricht zum einen für die hohe Qualität des aktuellen englischen Kaders, bei denen bei der WM in Katar alleine 5 Spieler aufliefen, die auch bei Manchester City mehr oder weniger Stammspieler sind. Zum anderen sprechen diese Zahlen auch dafür, dass die Premier-League-Clubs, anders als noch vor zehn Jahren, sich derzeit mehr und mehr ihrer Vormachtstellung im europäischen Vereinsfußball bewusst sind. In keiner Liga der Welt sind die Fernsehgelder so hoch, nirgendwo die Investoren, die zum Teil ganze Staaten sind, so finanzstark, warum also aus englischer Sicht nicht zur Abwechslung auch mal wieder ein bisschen Patriotismus?

Desweiteren haben auch Vereine wie insbesondere Arsenal aber auch Manchester City im Verlaufe der Zeit lernen müssen, dass nur Geld noch keine sportliche Vormachtstellung in Europa ausmacht. Viele Stars achten (neben dem Gehalt) eben auch auf die Nachhaltigkeit eines Vereins. Kann dieser Verein mich in fünf Jahren noch genauso bezahlen? Habe ich dort die Chance auch auf Dauer Titel zu gewinnen und in der Champions League um den größtmöglichen Erfolg mitzuspielen? Und wie sind die Trainingsbedingungen? Inwiefern kann ich mich dort auch über das finanzielle hinaus sportlich weiterentwickeln? Und wie gut arbeitet der Verein überhaupt insgesamt?

Zum letzteren zählt dann natürlich auch die Nachwuchsförderung und dass diese für die englischen Clubs in der Regel bei den heimischen Talenten beginnt erscheint logisch. Dies unter anderem hat dafür gesorgt, dass das englische Nationalteam in den letzten Jahren diesen entscheidenden großen Sprung machen konnte.

Im Gegensatz zur Bundesliga oder Ligue 1 konnte man sich hier als Verband mehr oder weniger ausruhen und die entscheidende Arbeit den finanziell weitaus stärker aufgestellten Jugendakademien der heimischen Top-Vereine überlassen. Bukayo Saka, der in Arsenal ausgebildet wurde und Phil Foden, der nicht nur aus der Manchester-City-Akademie stammt, sondern sogar aus der Region kommt sind hier nur zwei Beispiele aus einer langen Liste. Hinzu kommen auch bei England weiterhin neue ganz junge Talente wie Harvey Elliott (Liverpool), Eddie Nketiah, Reiss Nelson (beide Arsenal), wie auch die wie Phil Foden ebenfalls aus der City-Akademie stammenden Top-Talente Rico Lewis und Cole Palmer, die bereits die potenzielle nächste Generation Englands bilden. Die Tendenz, heimische Talente aus den U-Mannschaften der Vereine in die A-Mannschaft zu bringen, nimmt dabei mehr und mehr zu. Brauch man daher in England überhaupt so etwas wie in Frankreich ein Clairefontaine, eine Nachwuchsakademie, wo von Kindheit auf die besten englischen Spieler auf höchstem Niveau ausgebildet werden? 

Der Erfolg zeigt, dass sowohl das französische wie auch das englische System derzeit perfekt funktionieren, das französische System seine größten Talente ins Ausland zu schicken, als Nationalspieler aber nochmal gesondert zu fördern, wie auch das englische System, seine eigene Liga bestmöglichst zu vermarkten und so eben über die Vereine die größtmögliche Auswahl an herausragenden Nationalspielern zu bekommen. Denn eines steht fest: Sowohl Frankreich als auch England verfügen über einen extrem breiten jungen Kader und das obwohl sie in ihrer Ausbildung Strategien verfolgen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Welche aber dieser Strategien sollte Deutschland verfolgen, wo nicht nur die Nachwuchsförderung in letzter Zeit stark hapert, sondern auch die A-Nationalmannschaft in sämtlichen Wettbewerben, WM, EM und Nations League, so erfolglos ist, wie selten zuvor?

Könnte es möglicherweise daran liegen, dass in Deutschland im puncto Nachwuchsförderung derzeit einfach gar keine wirkliche Strategie vorliegt? Oder eine Strategie, die so brüchig ist, dass man sich nach dem erneuten Ausscheiden in der Vorrunde nicht nur von Manager Oliver Bierhoff trennte, sondern sogar eine (zumindest von der Sport BILD so betitelten) „SoKo zu Rettung des deutschen Fußballs“ einberief, bei der jahrelange Säulen der Bundesliga wie Matthias Sammer, Karlheinz Rummenigge, Rudi Voeller, Oliver Kahn und Oliver Mintzlaff nun gemeinsam das Ding DFB-Team anpacken sollen: 5, die u.a. auch deswegen ernannt wurden, um jemanden zu ernennen, der dann wiederum eventuell noch weitere ernennt, die dann wieder jemand ernennen sollen, nur um so dann irgendwann mal auf den Masterplan zu kommen.

Ich möchte diese Taskforce nicht schlecht reden bevor sie überhaupt mit ihrer Arbeit begonnen hat. Nur erinnert dies irgendwie alles dezent an die deutsche Politik in Fragen wie Klimawandel oder Pandemieprävention. Im letzteren Fall gab es z.B. Nähe der Pfälzischen Kleinstadt Idar-Oberstein zeitweise mal ein Fußballfeld, wo auf der einen Seite die 2G-Regel herrschte und auf der anderen Seite nicht - aus dem einfachen Grund, dass der Pfälzische Verband zu der Zeit andere Regeln vorsah als der Hessische.

Diese Einteilung in möglichst viele verschiedene Landesverbände gibt es in Deutschland auch im Fußball und da überrascht es natürlich nicht, dass die deutsche Nachwuchsförderung deutlich anders verläuft als die Französische. Während in Frankreich alles auf Paris und Clairefontaine zentralisiert ist, sind es in Deutschland die Landesverbände, die versuchen auf möglichst vielen Stützpunkten möglichst viele Talente zu entdecken und zu fördern.

Einmal die Woche kommen hier die Kinder aus den jeweiligen Region zusammen, um bei einem zertifizierten Stützpunkttrainer ein Sondertraining zu erhalten. Ziel der Landesverbände ist es, ähnlich wie beim deutschen Schulsystem, dass die Plätze in den Stützpunkten dabei den Talenten vorbehalten sind, die auch wirklich in der Region leben. Dies soll zum einen den Amateurfußball als Freizeitangebot fördern, gleichzeitig hofft man aber auch mittels Internate die Chance zu erhöhen, dass auch Talente von weiter weg am Training teilnehmen können.

DFB und DFL haben hier feste Regeln aufgestellt und nur Stützpunkte, die diese Regeln befolgen erhalten eine Lizenz für die erste oder zweite Bundesliga. Der DFB funktioniert hier lediglich als Geldgeber, hat aber (im Gegensatz zum französischen Verband) keinen direkten Einfluss auf die Entwicklung der Spieler. Hierbei befinden sich die Stützpunkte durch den Wettbewerb Junioren-Bundesliga bereits in einem ständigen Konkurrenzkampf. Sobald ein Verein aus der Liga absteigt, verliert er in der Regel seine besten Talente. Ebenso sehen viele Jugendtrainer diese Position nur noch als Durchgangsstation, was auch daran liegt, dass die Jugendtrainer weitaus schlechter bezahlt werden als Trainer im Erwachsenenbereich. Fälle, wie Norbert Elgert (Schalke 04), die Jugendförderung als ihre Berufung ansehen, finden sich hingegen immer seltener. Zum Vergleich könnte man hier eine Gesamtschule nehmen, bei denen ein Großteil der Lehrer tagtäglich davon träumt, nochmal Professor an einer Universität zu werden. Ob das der Nachwuchsförderung in Deutschland unbedingt gut tut, auch diese Frage muss man sich beim DFB stellen.

Auch das englische System funktioniert in Deutschland nicht. Denn Bundesligavereinen wie z.B. Mainz 05, die bei einer nicht absolut runden Transfertaktik mal ganz schnell im Abstiegskampf landen können, ist das Risiko, dem DFB unter die Arme zu greifen und deutsche Talente gegen über ausländischen vorzuziehen, schlicht und einfach zu groß. Dies ist etwas, was man aus der Sicht eines jeden Wirtschaftsunternehmens absolut verstehen kann. Ein Präzedenzfall aus der Musik: Selbst staatlich subventionierte deutsche Hochschulen setzen mittlerweile ganz klar auf Qualität und nicht auf vermeintlichen Patriotismus. So hat zum Beispiel die Musikhochschule „Hanns Eisler“ Berlin in den Jahren 2003 bis 2009 gerade einmal zwei deutsche Studenten im Konzertfach Klavier aufgenommen. (einer davon meine Wenigkeit), sämtliche andere aufgenommene Studenten stammten nahezu ausschließlich aus dem osteuropäischen wie auch asiatischen Raum.

Gewiss kann man hier argumentieren, Deutschland muss ja auch schließlich nicht alle 2 Jahre eine Nationalmannschaft aus kommenden Pianostars mit deutschem Pass für ein Turnier aufstellen, das Prinzip ist jedoch das Gleiche, wie wenn ein Verein wie Mainz 05 mittlerweile einfach lieber bei den weitaus besser ausgebildeten Talenten in Frankreich „fischt“. Jeder schiebt die Verantwortung eben dorthin, wo es dem eigenen Unternehmen nicht schadet. Somit scheitert Deutschland hier schon seit Jahren an seiner eigenen Bürokratie, beziehungsweise seinem Drang, es immer allen Recht machen zu wollen.

Denn einerseits möchte man es gerade seitens der DFL insbesondere dem Amateurfußball recht machen, andererseits will man dann aber irgendwie auch die neuen Miroslav Kloses und Philipp Lahms haben, wenn es dann doch mal in einem WM-Auftaktspiel gegen Japan geht und auf diesen Positionen aus deutscher Sicht auf einmal nur grüner Rasen zu sehen ist.

Ähnliches ließ sich auch gesellschaftlich in Katar bei der Bindenthematik sehen. Einerseits wollte man unbedingt die beiden vergangenen verkorksten Turniere 2018 und 2021 wieder gut machen, in dem man sich (auch was die Wahl der Herberge anging) abschottete und versuchte, die Fußballer so fokussiert wie möglich werden zu lassen, andererseits wollte man als DFB - der größte Verband der Welt - dann aber auch wieder politisch voranzugehen. Dies sollte natürlich so öffentlichkeitswirksam wie möglich stattfinden, was heißt über die Spieler. Dass dieser Spagat niemals funktionieren kann, hätte jedem aus dem DFB eigentlich schon vorher klar sein müssen, ganz besonders Oliver Bierhoff. Denn jeder, der einmal auf allerhöchstem Niveau Höchstleistungssport betrieben hat, wozu ich Oliver Bierhoff hinzu zähle, weiß, dass ein gewisser Tunnelblick, der einem generell auf das Leben bezogen vielleicht oftmals Weitsicht und Lebenserfahrung nimmt, während eines Turniers grundentscheidend dafür ist, ob man sein absolutes Maximum geben kann oder nicht. Oder man könnte es auch so formulieren: Wenn Spieler oder Trainer Stunden vor dem Spiel noch Interview-Fragen zu hochkomplexen politischen Themen wie islamische Kultur und Menschenrechte beantworten oder sich über irgendwelche Zeichen gegen das katarische Regime Gedanken machen müssen, kann das ebensowenig funktionieren, wie wenn Angela Merkel nur wenige Stunden vor ihrer alles entscheidenden im Idealfall Millionen von Deutschen bewegenden Rede zur Corona-Pandemie noch einen auf sie zurasenden Kylian Mbappé irgendwie am Torschuss hindern muss.

Die einzige Ausnahme ist, wenn die politische Haltung zu hundert Prozent von innen kommt, wie es zum Beispiel bei der iranischen Nationalmannschaft war, als sie im ersten Spiel mit dem Nichtmitsingen der iranischen Nationalhymne gegen ein Regime protestierten, dem sie selbst und ihre Familien genau zu diesem Zeitpunkt ausgeliefert waren. Hier können politische Zeichen sogar Energie geben, die im Idealfall sogar ins Sportliche fließt. Aber dies zu vergleichen mit einem 19jährigen Jamal Musiala, der auf Youtube vielleicht mal ein, zwei Dokumentationen über die Arbeitsbedingungen der Migranten in Katar gesehen hat (wenn überhaupt) und bei der WM-Vergabe ein 7jähriges Kind war, funktioniert nicht.

Denn natürlich ist es wichtig, dass auch Sportler Zeichen setzen und umso großartiger ist es, wenn sich auch Profifußballer wie Josua Kimmich und Leon Goretzka, wie ich finde, hervorragend zum Thema Menschenrechte in Katar äußern, aber auch für einen Profifußballer hat das Jahr am Ende nun mal 365 Tage.

Ein Turnier wie eine WM - ein Ereignis, welches viele Spieler vielleicht nur einmal, maximal zweimal erleben - hat hingegen schnell mal auch nur 180 Minuten, beziehungsweise im Fall Deutschland 10 Minuten.

Denn, um wieder aufs Sportliche zurückzukommen: Wenn man es genau nimmt hat die deutsche Mannschaft ab dem zweiten Gruppenspiel eigentlich (fast) alles richtig gemacht. Gegen Spanien lieferte man eins der grade defensivtaktisch beidseitig besten Spiele der gesamten WM ab und dass man den dreimaligen Europameister und Weltmeister 2010, dem man wenige Monate zuvor noch 0 zu 6 unterlag, auf einmal Brasilien-2014-like nach Hause schickt, hat niemand erwartet. 

Auch beim dritten Spiel gegen Costa Rica zeigte man sich trotz Problemen in der Abwehr kämpferisch und lieferte mit einem 4 : 2 Sieg alles, was in der eigenen Macht lag, um souverän das Achtelfinale zu erreichen. Aber am Ende waren es eben genau diese 10 Minuten gegen Japan in eben jenem (von Magenta-Sport so schön betitelten) Bindenspiel, die Deutschland am Ende den WM-Erfolg gekostet haben und um so unverständlicherweise war im Nachgang betrachtet die fehlende Fokussierung der Mannschaft auf eben genau dieses Spiel.

Denn ich wage mal die ketzerische Aussage, dass auch vor der WM die wenigsten Costa Rica im Achtelfinale vermutet hätten und dass Spanien und nicht Deutschland den Gruppensieg macht, davon gingen ebenfalls die meisten aus. Das erste Spiel war also bereits das  vorgezogene Endspiel um eben jenen fürs Weiterkommen notwendigen Platz 2, was jeder, inklusive Hansi Flick, aber auch klar hätte wissen müssen.

Dennoch wirkte insbesondere Hansi Flick in diesem Spiel merkwürdig unsicher, fast so als würde er noch experimentieren. Weder die Tatsache, dass mit Nico Schlotterbeck in der Innenverteidigung und Niklas Süle als rechter Verteidiger beide Dortmund-Verteidiger in der Startelf standen (ungeachtet der Tatsache, dass sie genau in der Formation im Verein zuletzt nicht performt hatten) konnte man verstehen, noch die Herausnahme von Ilkay Gündogan und Jamal Musiala in der zweiten Halbzeit.

Grundsätzlich brauch die DFB-11 bis 2024 nämlich vor allem eins, und zwar eine eingespielte Top 11 mit vielleicht 2-3 Alternativen. Flexibilität sollte nicht über ständige Wechsel in der Startelf (insgesamt drei verschiedene Rechtsverteidiger in drei WM-Spielen) erfolgen, sondern über taktische Flexibilität, zum Beispiel die, nach einer 1 zu 0 Führung und noch 20 Minuten Spielzeit auch als DFB-Elf mal das Marokko raushängen zu lassen und einfach auch mal eiskalt gegen den Ball zu arbeiten, bzw. sich notfalls auch mal zu elft hinten reinzustellen.

Hier finde ich zumindest den Gedanken interessant, dass Hansi Flick bis zur WM in Katar, zumindest als Bayern-Trainer, eigentlich noch nie einem wirklich großen sportlichen Misserfolg erlebt hatte. Seine extrem hoch stehende und dadurch risikobehaftete Viererkette, die Hansi Flick schon als Bayerntrainer gerne spielen ließ, wurde zwar auch zu seiner Zeit beim Rekordmeister oft kritisiert, der Erfolg gab ihm aber letztendlich (fast) immer Recht. Möglicherweise könnte daher auch die WM in Katar ein Ereignis sein, was zumindest in Bezug auf Hansi Flicks Arbeit, Hoffnung auf die EM 2024 gibt bei der dann höchstwahrscheinlich auch Florian Wirtz als neues Toptalent und Bindeglied zwischen Defensive und Offensive auflaufen wird. Desweiteren hoffe ich, dass es gelingt, für die DFB-Elf 2024 wieder eine ähnliche Begeisterung zu entfachen, wie sie z.B. Eintracht Frankfurt bei ihrem Europa-Run 2022 erlebt hat.

Denn in einem teile ich die Meinung vieler Journalisten nicht, nämlich dass die aktuellen deutschen Nationalspieler nicht genug für die Nationalmannschaft brennen würden, so wie es z.B. 2018 noch der Fall war. Hier hat Hansi Flick meiner Meinung nach ganze Arbeit geleistet, wenn man bedenkt, wie geknickt und am Boden zerstört ein Champions-League-Sieger wie Josua Kimmich nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft war. Die Mentalität der Mannschaft stimmt meines Erachtens zu hundert Prozent und die Diskussion um Führungsspieler halte ich für ebensowenig zielführend, wie die Mentalitätsdiskussion um Borussia Dortmund was Aussagen wie „man müsse doch auch verbal die Bayern mal wieder herausfordern“ angeht. 

„Die besten Dinge, die du tust, sind die, die du leise tust“ heißt schon ein berühmtes altdeutsches Sprichwort, daher ist es Quatsch davon zu reden, die Spieler müssen wieder mehr Bier trinken und Zigaretten rauchen anstatt ihre Siebenachtelhosen oder was auch immer auf Instagram zu posten, die Grüße an Mario Basler gehen raus. Die Zeiten haben sich eben geändert und für die meisten jungen Leute ist Social Media mittlerweile eben das, was früher das "mit Freunden (oder Teamkollegen) um die Häuser ziehen" war. Das gilt für Nationen wie Frankreich oder England genauso, wie auch für sämtliche anderen Berufe und der deutschen Mannschaft jetzt deswegen Mentalität abzusprechen ist einfach nur oldschool.

Social Media ist anno 2022 nun mal Teil einer Generationskultur, ausgelebt von einer Generation, die ihre Emotionen eben anders auslebt als noch 1990, was nicht heißt, dass sie nicht dieselbe Begeisterung, wie auch die selbe Identifikation mit der Mannschaft, ihren Fans und ihrem Land fühlen. Hier sind wir meiner Meinung nach definitiv seit Hansi Flicks Amtsübernahme wieder auf einem sehr guten Weg.

Nur - und das zu begreifen, wäre nun vielleicht noch der letzte Schritt - man muss bei den kommenden Turnieren dann auch mal mit dem arbeiten, was man hat anstatt ständig über fehlende Stürmer oder Rechtsverteidiger zu meckern. Daraus das Beste zu machen und meinetwegen noch den ein oder anderen "Kultkicker" mit in den Kader holen (hier denke ich an Spieler wie Robert Andrich, Robin Gosens, wie auch den ein oder anderen Union- oder Freiburg-Spieler), der auch abseits des Platzes ein bisschen Stimmung macht, das muss der Weg des DFB-Teams sein.

Doch vor allem geht es um eines: Einfach mal wieder alle gemeinsam - Journalisten, Spieler, Funktionäre, Trainer und Fans - mit Vorfreude in das neue Turnier gehen und sich darüber freuen, als Deutschland endlich mal wieder Gastgeber eines so großartigen weltweit menschenverbindenden Ereignisses wie einer EM zu sein.


Bis dahin - für alle Wettfreunde, hier wie angekündigt noch meine Prognose für die EM 2024:


1) Katar-Teilnehmer, die auch 2024 die Erwartungen erfüllen werden:

- Spanien

- Schweiz

- Niederlande

- Frankreich

2) Katar-Teilnehmer, die die Erwartungen nicht erfüllen werden:

- Kroatien

- Serbien

- Belgien

- Polen

- Wales

3) Katar-Teilnehmer, die bei der EM 2024 überraschen werden:

- Deutschland

- Dänemark

- Portugal

- England

4) Nicht-Katar-Teilnehmer, die sich qualifizieren und (zum Teil) schon deswegen überraschen werden:

- Italien

- Norwegen

- Georgien

- Slowenien

- Schweden

- Österreich

- Ungarn

- Tschechien

- Ukraine


Mein EM 2024 Tipp (Die 24 qualifizierten Teams):

- Spanien

- Norwegen

- Georgien

- Niederlande

- Frankreich

- Italien

- England

- Ukraine

- Kroatien

- Türkei

- Polen

- Tschechien

- Belgien

- Österreich

- Schweden

- Ungarn

- Serbien

- Slowenien

- Dänemark

- Schweiz

- Portugal

- Bosnien

- Israel

- Deutschland


(written by Leon Buche)


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