8. Fuera de la Idylle
Salgo de la Romita di Cesi por un camino romántico


Publicado: 23.04.2025







Der Abschied von Terni fällt mir nicht schwer. Im 7. Jahrhundert von den Umbriern (einem antiken italienischen Volk gegründet), hat die Stadt zwar eine lange Geschichte, davon ist aber (im Vergleich zu anderen italienischen Städten) nicht mehr viel zu sehen.
Zum Verhängnis wurden Trevi die Schwerindustrie und die Nähe zur Rüstungsindustrie, ein Grund für die schweren Bombardierungen zum Ende des 2. Weltkriegs. Was in den Nachkriegjahren entstand, hat dem Gesicht der Stadt nicht gut getan. Terni könnte man also überspringen, es sei denn, man interessiert sich für das Spannungsfeld zwischen Industrie, Verwahrlosung und Eleganz.
Ich habe Terni etwa 8 Kilometer hinter mir gelassen. Es ist ein heißer Tag, zum Glück verläuft ein Großteil der Strecke im Schatten. Da tut sich hinter einer Kurve unvermittelt ein atemberaubendes Bild auf: aus 165 Metern stürzen am gegenüberliegenden Berg Wassermassen in die Tiefe. Dieses gewaltige und ohrenbetäubendes Ereignis lässt einem schier den Atem stocken. Ich fürchte, meine Bilder können das Ausmaß nicht angemessen darstellen.
Hinter diesem Spektakel steckt die Vision eines römischen Konsuls, der 271 v. Chr. den Flussverlauf des Velino veränderte und ihn über drei künstlich geschaffene Stufen ins Tal führte, um Rieti vom Sumpf zu befreien. So entstand der weltweit höchste von Menschen gemachte Wasserfall. Nachdem sich der Fluss wieder neue Wege gesucht hatte, der Wasserfall versiegte und das Gebiet um Rieti wieder zu versumpften drohte, haben zwei Päpste (Gregor XII und Clemens XIV) die Cascade wieder neu belebt. Heute betreibt der Wasserfall drei Kraftwerke und ist ein Besuchermagnet.
Die Schleusen werden mehrmals am Tag geöffnet, dann kann man auf verschiedenen Plattformen die gigantische Kraft des Wassers hautnah verspüren. Die Gisch, die über 100 Meter versprüht, hat eine einzigartige Flora und Fauna entstehen lassen.
Das Gebiet ist mir vielen Wanderwegen und naturkundlichen Informationen durchzogen. Ein Eldorado an heißen Tagen wie heute. Durch die Größe der Anlage kann man aber trotz Besucherandrang noch das eine oder andere ruhige Plätzchen finden.
Ich nehme mir für diesen phantastischen Ort viel Zeit, bevor ich mich wieder zu Fuß auf den Weg mache. Ziel ist nun meine Unterkunft zwischen Marmore und Piediluco, zwei Fußstunden von hier entfernt. Am Himmel bauen sich dunkle Wolken auf, ich lege ein Gang zu, um schnellstmöglich den Wald hinter mir zu lassen.
Mir scheint, Regen gehört zum täglichen Programm meiner Pilgerreise. Heute Nachmittag ist es mehr als Regen, es kommen Wassermassen vom Himmel, als würde ich unter dem Wasserfall stehen. Und wieder bekomme ich ein Problem mit der Orientierung.
Man kann sich das so vorstellen: Gibt es gute Hinweisschilder oder wenige Richtungsabweichungen, hat man bei Regen kein Problem. Wenn aber die Markierungen fehlen und es zudem alle paar Meter Richtungsänderungen und Abzweigungen gibt, ist man auf das Handy und die GPS-Daten anwiesen. Dann müsste man das Handy aber ständig dem Regen aussetzen. Zudem erschwert der unhandliche Regenponcho die Sache.
Um es kurz zu machen: Ich bin mal wieder irgendwo gelandet. Der Donner begleitet mich schon seit geraumer Zeit, nun kommen auch die Blitze näher. Die Hose ist bereits bis über die Knie hinauf klitschnass. Ich rufe beim Vermieter an und frage, ob mich jemand abholen könnte. Aus dem Handy höre ich "andiamo", ich darf also auf schnelle Hilfe hoffen.
Ich hatte mir noch Sorgen gemacht, ob es überhaupt jemandem zuzumuten ist, wenn ich in diesem Zustand in ein Auto steige. Diese Sorge halte ich aber für unbegründet, nachdem ich das Auto und des Vermieters gesehen habe. Nun habe ich nur noch eine Sorge: Welcher Sauberkeitsgrad würde mich gleich im Zimmer erwarten.
Es geht noch eine ganze Zeit kreuz und quer und mit jedem Meter werde ich dankbarer, nicht mehr gehen zu müssen. Am Ende trennen mich nur wenige Meter von meinem Standort vorher, nur dass dazwischen der Fiume Velino ist, der Kanal, der aus dem Lago di Piediluco kommt und die Cascada speist. Die nächste Brücke ist vier Kilometer entfernt.
Ich bin auf einem einsamen Pferdehof mit 20 Pferden gelandet, dessen Besitzer ist ein freundlicher aber abgekämpft wirkender 50-er, mit großer Leidenschaft und sichtbarer Überforderung.
Trotzdem fängt mich der Ort ein. Ein Vogel- und Fröscheparadies, eine sympathische kleinteilige Naturlandschaft, mit einem imposanten Pinienhain entlang des Flussufers. Lägen da nicht zahlreiche verrostete Gerätschaften und verrottete Heubündel herum.
Das Ende des Tages: das Zimmer ist ein wenig speziell aber sehr sauber. Der Hauswirt bringt mich noch mit seinem Auto zum Restaurant, drei Kilometer entfernt. Dort sitzen andere Gäste aus dem Haus und laden mich ein, an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Ein lustiges Ende nach einem ereignisreichen Tag.
