Vorschau Europa-League KO-Runden 2023
In einem können wir uns sicher sein: Die Eintracht Frankfurt wird den Europa-League-Titel zumindest schon mal nicht verteidigen können. Dies ist eine Tatsache, die so mancher...

Published: 31.12.2022
Was kann es, um seine Begeisterung für den deutschen Fußball nach dem enttäuschenden Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft und der ohnehin nur wenige Deutsche wirklich begeisternden Winter-WM im Unrechtsstaat Katar, derzeit besseres geben als der Blick auf die aktuelle Champions-League-Saison?
Denn wo sich im Jahr 2021/22 mit dem FC Bayern grade mal eine einzige deutsche Mannschaft für die KO-Runde qualifiziert hatte, sind es diesmal ganze vier deutsche Mannschaften, die die Herausforderung Achtelfinale gerockt haben. Damit steht die Bundesliga vom Erfolgsfaktor in dieser Champions-League-Saison auf Platz eins zusammen mit der angeblich so uneinholbaren Premier League und vor den vielleicht spannendsten und brandheißesten Battles für die vier deutschen Vereine in dieser Saison.
Manchester City, FC Chelsea, Paris St. Germain und SSC Neapel heißen die Gegner der deutschen Champions-League-Achtelfinalisten RB Leipzig, Borussia Dortmund, Bayern München und Eintracht Frankfurt.
Dazu ist mit Jürgen Klopp noch einer der beliebtesten deutschen Trainer der jüngsten Zeit im Wettbewerb, der nun noch einmal die Chance hat, sich an Real Madrid für das Finale im Juni 2022 zu revanchieren, welches entgegen allen statistischen Werten mit 0 zu 1 verloren ging. Könnte es Klopp mit einer erfolgreichen Revanche gelingen aus der bislang eher misslungenen Liverpool-Saison doch noch eine erfolgreiche zu machen? Wer sind die tatsächlichen Favoriten in diesem Jahr, bezogen auf ihre aktuelle Formstärke? Sind es auch in diesem Jahr wieder die wirtschaftlich dominierenden Premier League Clubs?
Oder schafft es das zuletzt bei der WM so furios aufspielende Sturmduo Kylian Mbappé und Lionel Messi den Henkelpott nun endlich auch mal nach Paris zu holen? Oder ist es am Ende doch wieder Real Madrid, die der Welt noch einmal mehr zeigen werden, dass sie mit ihrer fast schon arroganten Siegesgewissheit auch weiterhin dauerhaft der Favorit um den größten Titel im europäischen Vereinsfußball sind? Und vor welchem Underdog sollte man sich in dieser Saison besonders in Acht nehmen? Läuft die portugiesische Liga, deren dritter Champions-League-Vertreter Sporting Lissabon nur haarscharf am Achtelfinaleinzug vorbeigesaust ist, so langsam der spanischen Liga den Rang ab? Denn bislang ist die spanische La Liga der große Verlierer der bisherigen Champions-League-Saison. Einzig und allein mit einem Vertreter (Real Madrid) ist man noch im Rennen, dafür aber mit insgesamt vier Vertretern im vermeintlich kleineren Wettbewerb Europa League. Und inwieweit sind die jüngst wiedererstarkten Mailänder Clubs schon bereit möglicherweise doch irgendwann mal wieder an die CL-Triumphe von 2010 (Inter) beziehungsweise 2007 (AC Mailand) anknüpfen zu können?
Und wie geht der FC Bayern mit seinem Verletzungspech (mit Manuel Neuer, Sadio Mané und Lucas Hernandez gleich 3 Schlüsselspieler, die mit teils schweren Verletzungen auf unbestimmte Zeit ausfallen) um?
Und welche Rolle spielt der derzeit überragend aufspielende italienische Tabellenführer SCC Neapel dessen absoluter Superstar, der schon jetzt von italienischen Medien als „Kvaradonna - der georgische Maradonna“ bezeichnete Flügelflitzer Cwitcha Kvaratskhelia, im ersten CL-Spiel beim 4 : 1 gegen den FC Liverpool die Abwehr rund um Virgil van Dijk (Europas Fußballer des Jahres 2019) teilweise aussehen ließ wie Schuljungen? Ist Neapel dieses Jahr die absolute Wildcard - die jungen Wilden, die sich um gar nichts scheren, sondern einfach durchziehen und damit am Ende vielleicht sogar alles gewinnen können?
Bei meinen Analysen werde ich, wie schon bei meiner Vorschau auf die EM 2024, nach meinem gewohnten Prinzip verfahren: Welche Mannschaften werden angesichts ihrer Erwartungen und finanziellen Möglichkeiten enttäuschen, welche hingegen überraschen? Wer sind die Hottakes - alles am Ende natürlich auch nochmal für euch aufgelistet mit der Hoffnung, dass am Ende dann doch wieder alles anders kommt.
Denn so ist der Fußball eben und darum lieben wir ihn alle. Also - los geht's!
Der kleinste Hottake wäre wohl einfach mal zu behaupten, dass man den Club Brügge schon mal klar in die Rubrik „Erwartungen übertroffen“ einordnen kann. Hier gibt es glaube ich keine zwei Meinungen, auch da das Team von Trainer Carl Hoefkens selbst in der mäßig besetzten belgischen Liga derzeit weitentfernt von einer Spitzenreiterposition in der Tabelle ist (ganze 13 Punkte ist ihnen der KRC Gent bereits enteilt).
Ganz abgesehen davon befindet sich der belgische Fußball derzeit ohnehin in einer Krise, das Selbstbewusstsein der letzten Jahre, zu wissen eine der Top-Nationen auf der Fußballlandkarte zu sein, scheint spätestens nach dem letzten WM-Turnier dahin.
Die Ironie des Schicksals dabei ist, dass es gleich zwei Brügge-Spieler waren, die im ersten WM-Gruppenspiel der belgischen Nationalmannschaft mal gehörig die Grenzen aufgezeigt haben. Die Rede ist von den beiden Kanadiern Cyle Larin und Tajon Buchanon. Gerade Letzterer war insbesondere in der ersten Halbzeit dafür verantwortlich, dass Belgiens Mittelfeldstar Kevin de Bruyne (Manchester City) teilweise komplett aus dem Spiel genommen wurde. Auch für Brügges Torwart Simon Mignolet ist die belgische Nationalmannschaft eine jahrelange Leidensgeschichte. Man könnte es schon fast den „Marc-Andre-ter-Stegen-Fluch“ nennen - dieses Gefühl als Torhüter zu wissen, dass man in seinem Verein Jahr für Jahr herausragende Leistungen bringt, dennoch aber das Pech hat zur falschen Zeit geboren wurden zu sein und als Torwart in einer Generation mit Manuel Neuer (oder im Fall Mignolet Thibaut Courtois) gelandet zu sein. Vielleicht sollte man für solche Fälle einfach mal die Regel einführen, dass ein Trainer auch zwei Torhüter aufstellen kann, bei dem der eine die linke Hälfte des Tors bewacht und der andere die rechte, kleiner Spaß am Rande.
Mit freudiger Überraschung nahmen Brügge-Fans auch die Entwicklung des dänischen Flügelspielers Andreas Skov-Olssen wahr, der mit 6 Toren und 3 Assists derzeit ganz vorne in der Jupiler Pro League steht. Auch sonst versucht man in Brügge derzeit scheinbar der dänischen Premier-League-Bastion FC Brentford Konkurrenz zu machen, denn auch auf Platz 2 steht mit 5 Toren mit Casper Nielssen ein weiterer dänischer Spieler im Blickpunkt, während der belgische Routinier Hans Vanaken im Mittelfeld nachwievor das Spiel macht und mit seinen Schlüsselpässen entscheidend zum Überraschungserfolg des Vereins aus der Stadt mit der größten autofreien Fußgängeraltstadt Europas beigetragen hat.
Auf dem ersten Blick scheint Brügges Achtelfinal-Los auch eines der verhältnismäßig leichteren zu sein. Hier liegt die Betonung aber ganz klar auf den Worten "Auf dem ersten Blick".
Denn Benfica Lissabon, die Mannschaft mit den offiziell immer noch zweitmeisten Vereinsmitgliedern der Welt hinter dem FC Bayern, hat in den letzten Jahren bewiesen, dass sie schon längst kein Geheimfavorit mehr sind, wenn es darum geht in der Champions League weit zu kommen. In der Gruppenphase haute man nicht nur den einstigen italienischen Serienmeister Juventus Turin aus dem Wettbewerb, man qualifizierte sich zuzüglich auch noch auf Platz eins in ihrer Gruppe vor dem Superstarensemble aus Paris rund um keine geringeren als Lionel Messi, Neymar und Kylian Mbappé. Dabei steht das Team um den deutschen Ex-Leverkusen-Trainer Roger Schmidt derzeit noch vor dem Stadtrivalen Sporting Lissabon, der, was erfolgreiche Nachwuchsarbeit angeht, als der (!) Cristiano-Ronaldo-Entdecker-Club langezeit dafür europaweit berühmt war.
Erst kürzlich holte der FC Liverpool für ihren Sturm den Uruguayer Darwin Nunez für insgesamt 75 Millionen Euro aus Lissabon, ohne dass das nur im Geringsten Auswirkungen auf den Toroutput von Benfica hatte.
Viele WM-Nicht-Boykottierer werden sich an jenen magischen Moment erinnern, der wie kein anderer einen klaren Generationswechsel einleutete - ein schmollender Cristiano Ronaldo sitzt bei einem WM-Spiel erstmals auf der Bank, während der bis dahin noch völlig unbekannte 21jährige Benfica-Stürmer Goncalo Ramos, der für Cristiano Ronaldo eingesprungen war, mal eben drei Buden macht, in einem WM-Achtelfinale, was Portugal anschließend mit 6 zu 1 gegen die Schweiz gewann ohne dass man Ronaldo auch nur ein einziges Mal wirklich vermisst hatte.
Die Talentschmiede beider Vereine aus der Stadt der 1000 Stufen scheint also nachwievor grenzenlos. Als das größte Benfica-Talent derzeit kann aber zweifelsohne nur der Argentinier Enzo Fernandez genannt werden, bei der WM im Katar zum "besten jungen Spieler des Turniers" gewählt, mit dem selben Titel ausgezeichnet mit dem vier Jahre zuvor schon die Weltkarriere von Kylian Mbappé begann.
Dabei ist Benfica Lissabon trotzalledem weitaus mehr als ein Ausbildungsverein. So holte man zuletzt mit David Neres und Julian Draxler zwei kreative wie auch erfahrene Offensivspieler in die Stadt, in die laut Pascal Mercier „Der Nachtzug zur wahrhaftigen Wirkung des Seins“ fährt, letzteren vom Milliardenclub Paris St. Germain. Auch in der vergangenen Saison schaffte man es bereits ins Champions-League-Viertelfinale.
Sollte daher diese Saison für die Portugiesen vielleicht sogar noch mehr gehen? Immerhin gab es auch mal eine Zeit, wo Benfica Lissabon auch international regelmäßig große internationale Titel holte, auch wenn diese inzwischen scheint, als würde sie sich nur noch leise, manchmal im Schlaf flüsternd, hinter den vielen uralten Steinmauern Lissabons verbergen.
Auf Steine sollte man auch achten, wenn man Ski fährt, insbesondere dann, wenn man Manuel Neuer heißt.
Denn das was für Manuel Neuer eigentlich Abschalten vom Profialltag und vielleicht auch Verarbeiten der verpassten und höchstwahrscheinlich letzten großen Chance, als deutsche Nr. 1 im Tor nochmal bei einem Weltmeisterschaftsturnier etwas zu reißen, sein sollte, endete für den Weltmeister von 2014 und DFB-Kapitän in einem weiteren Fiasko - nur für einen Moment nicht aufgepasst, Fraktur des rechten Oberschenkels, und vorbei war die Saison. Spätestens da schrillten für den Münchner Vorstand an der Säbener Straße rund um Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic alle Alarmglocken.
Viel mehr Verletzungspech als der FC Bayern aktuell kann man eigentlich nicht haben, fallen doch zuzüglich mit Lucas Hernandez auch noch eine der entscheidenden Säulen in der Abwehr, wie auch der Königstransfer des letzten Sommers Sadio Mané im Sturm derzeit verletzungsbedingt aus.
Mehr denn je zuvor ist Julian Nagelsmann in den nächsten Monaten nicht nur als Trainer, sondern auch als Psychologe gefragt. Dies gilt auch für die, nach dem deutschen WM-Debakel nicht nach gerade topmotivierte, deutsche Nationalsmannschaftsachse rund um Gnabry, Musiala, Sané, Kimmich und Thomas Müller - Spieler, die noch dazu genau wissen, dass ihr Achtelfinalgegner Paris St. Germain rund um die allesamt bei der WM hocherfolgreichen Superstars Mbappé, Messi und Hakimi den Bayern mit der breitesten Brust begegnen werden mit der sie ihnen vielleicht jemals begegnet sind.
Und was passiert eigentlich, sollte sich Ersatztorhüter Sven Ullreich auch noch verletzen? Wird der mittlerweile 37jährige Manuel Neuer überhaupt noch einmal in seiner alten Form zurückkehren oder brauch es auch auf dieser Position einen Umbruch? Torhüter wie Yann Sommer (Mönchengladbach), der kroatische Nationalkeeper Dominik Livakovic (Dynamo Zagreb) wie auch Paris‘ Nr. 2 Ceylor Navas von Costa Rica standen bereits bei den Bayern auf dem Zettel, allerdings werden wohl insbesondere die Pariser, wo die Champions League doch für die katarischen Geldgeber der einzige wirklich wichtige Wettbewerb ist, wohl kaum die sein, die den Bayern jetzt in ihrer Torwartnotlage helfen werden. Auch was eine mögliche Rückkehr ihrer früheren, an Monaco ausgeliehenen, Nr. 2 Alexander Nübel angeht sind die Monegassen derzeit vertragstechnisch in der besseren Position.
Desweiteren ist auch Verteidiger Benjamin Pavard schon lange unzufrieden mit seiner Position im Verein, denn laut seiner eigenen Auffassung ist und bleibt er Innen- und nicht Außenverteidiger, was die Bayern (wenn sie ihn überhaupt spielen lassen) aber anders sehen. Ebenso um Pavard-Ersatz, den graderst für Marokko so herausragend aufgespielten Noussair Mazraoui gab es zuletzt Gerüchte rund um einen Wechsel zu Inter Mailand.
Sollte am Ende in dieser Saison möglicherweise ein Rollenwechsel stattfinden und nicht Paris, sondern das Team von der Isar (sonst immer der Fels in der Brandung, was ein solides Fundament im Kader angeht) als aktuell "der Chaos-Club" in dieses Duell gegen den Scheichclub gehen?
Fest steht, dass der FC Bayern im Achtelfinale einer der aktuell formstärksten Mannschaften der Welt gegenübertritt, rein von den Namen im Kader her und aufgrund seiner vielen Ausfälle somit sogar tendenziell als Außenseiter nach Paris reisen wird. Dies ist allerdings etwas, was die Bayern in der Vergangenheit oft auch wieder umso stärker gemacht hat.
Sollte Julian Nagelsmann hier ohne große Wintertransfers ein Triumpf gelingen, wäre das meiner Meinung nach seine bisher größte Leistung als (noch) junger Trainer, ein Meisterwerk in Sachen "ein Team taktisch gut aufstellen und seinen Akteuren zuzüglich noch maximale positive Energie schenken".
Ich bleibe aber aktuell eher skeptisch, denn Stand jetzt ist man laut Hasan Salihamidzic auch nicht gewillt, im Winter nochmal mit der ganz großen Nummer auf dem Transfermarkt anzugreifen. Die Voraussetzung für ein Ausscheiden der Bayern ist natürlich, dass Paris St. Germain sich nicht (wieder mal) selbst schlägt. Hier könnten die neuesten Gerüchte um Kylian Mbappé Bayern-Fans ein wenig Hoffnung geben.
Angeblich soll der WM-Torschützenkönig von 2022 nämlich erst kürzlichst gesagt haben, er würde nur dann langfristig bei Paris bleiben, wenn Neymar den Verein verlässt, wie auch ein neuer Mittelfeldspieler der Marke Harry Kane verpflichtet wird.
Zuzüglich soll dann auch noch die unglaubliche Aussage seitens Mbappé gekommen sein, er würde die Entlassung des aktuellen Trainers Christophe Galtier und stattdessen die Einstellung von Zinedine Zidane fordern, mit dem er bereits seit vielen Jahren ein enges Verhältnis pflegt.
Sollte das stimmen, würde ich persönlich mir wünschen, so polemisch und unjournalistisch das jetzt klingen mag, irgendjemand aus der Vereinsführung würde Mbappé einfach mal mit dem einfachen Satz "Halt die Klappe oder hau ab" abfertigen. Denn bei allem Respekt vor diesem fußballerischen Ausnahmekönner: Das toppt, sollten die Gerüchte stimmen, dann noch einmal alles an Abgehobenheit seitens eines Spielers, der ohnehin schon 200 Millionen Euro im Jahr verdient. Nicht einmal in der Karriere von Cristiano Ronaldo gab es eine vergleichbare Situation, bei der es um solche Forderungen gegenüber einem Verein ging und das will wirklich was heißen.
Denn nicht zuletzt zeigt auch grade die Verpflichtung von Trainer Galtier einen Lernprozess der Pariser auf, zumindest auf dieser Position zur Abwechslung mal nicht noch einen weiteren Superstar und Harlem-Globetrotter zu verpflichten, sondern jemanden, der bislang nur in Frankreich trainiert hat (zum Teil bei kleineren Vereinen) und der die ganzen Stars irgendwie bei Laune, gleichzeitig aber auch ein bisschen auf dem Boden halten soll.
Der zweite elementar wichtige Punkt wird sein, ob Lionel Messi im Verein weiterhin so performt, wie beim letzten WM-Turnier für Argentinien. Kann der Weltmeister an diese absolut herausragende Form anknüpfen, sollte PSG die Erwartungen eigentlich erfüllen, wobei dies, zumindest laut Präsident Nasser Al-Khelaifi, eigentlich nur eines heißt, nämlich die Champions League zu gewinnen. Für diesen ist nämlich ein Halbfinal- oder ein Finaleinzug schon eine Enttäuschung, aus diesem Grund - mal abwarten.
Denn da wäre ja schließlich auch noch Manchester City, die ich - ich nehme es vorweg - für den wirklichen Favoriten für das Turnier halte, individuell ähnlich top besetzt wie PSG, aber taktisch und als Mannschaft nochmal weitaus stärker. Hierbei tobt natürlich auch ein Teil meiner Fantasie - City in einem berauschenden Finale gegen PSG - Erling Haaland gegen Kylian Mbappé - Abu Dhabi gegen Katar!
Da stellt sich doch nur noch die Frage: Welcher Traditionalist und wahre Fußballfan hat sich dieses Finale nicht schon immer gewünscht?
Zwei Vereine, die wie keine Clubs dieser Welt für ihren Traum gekämpft haben, dabei alle Höhen und Tiefen durchgemacht hatten, die man erleben konnten, die sich das alles, ihren gesamten Erfolg, als fannahe Heimatvereine Stück für Stück selbst aufgebaut haben und dann doch immer wieder von diesem Glück verschont wurden, einmal - nur ein einziges Mal - dann doch mal diesen einen Henkelpott zu gewinnen.
Diese beiden Vereine und Aushängeschilder gelebter Fußballtradition dann im Finale - mit dem Wissen, dass einer der beiden erneut scheitern wird, während für die Fans des anderen Vereins das ganz große Glücksinferno losgeht - ist das nicht der Inbegriff von wahrer Fußballromantik 2022?
Fußballromantik, so romantisch, dass man daraus eigentlich einen weiteren Twilight-Teil drehen müsste, bei der sich Bella als Vertreterin der Qatar Sports Investments Group und Edvard als Vertreter der Abu Dhabi United Group Investment und Development Ltd. zunächst endgültig trennen, um sich dann in genau diesem Finale erneut zu vereinen - in Form der beiden heißesten Kandidaten auf die Topspitze der Welt in der Post-Ronaldo-Messi-Ära Haaland und Mbappé - ein Finale nachdem Haaland verkündet, er würde nun, seiner großen Liebe zu seinem Verein zum Trotz, doch zu Real Madrid wechseln, wonach Mbappé nur perplex in die Kamera schaut und sich denkt "Komisch, da wollte ich doch eigentlich hin. Muss ich jetzt etwa doch in meiner Heimat bleiben und mit meiner Vereinstreue zu Paris St. Germain ein klares Zeichen gegen die Kommerzialisierung des Fußballs setzen?"
Nun machen wir den Ironieknopf aber mal wieder aus. Denn rein sportlich betrachtet wäre dies Duell natürlich ohne jeden Zweifel ein absolutes Spektakel, vielleicht das Duell der beiden Stürmer (und Vereine) der Zukunft, was künftige Champions-League-Siege angeht.
Und hier muss man eben auch klar unterscheiden. Schaut man z.B. ein WM-Finale Frankreich gegen Argentinien aufgrund des Fußballs? Oder boykottiert man es, weil es eben in Katar stattfindet und gesellschaftspolitisch wie kein anderes von Korruption und Menschenrechtsverletzungen geprägt war und den Fußball, ganz vorne die FIFA, in seiner dunkelsten Seite gezeigt hat?
Wo liegen unsere eigenen Prinzipien? Wollen wir wirklich ein Messi in einem WM-Finale fünf französische Gegenspieler ausdribbeln sehen und dabei denken „jetzt bitte verlier doch den Ball oder verletz dich am besten schwer, einfach nur, damit es so ein richtig beschissenes Finale wird, passend zu einer WM an der Blut klebt"?
Oder wollen wir es in dem Moment dann doch einfach nur genießen? Ein sehr alter Beduine aus dem Sinai, wo ich über ein Jahr lang gelebt habe, sagte mir einmal: „Wenn I look in the world I see also the pain and yes, I feel like I have to see it. But if I look in the horizon I only see the sunrise over the ocean and nothing else. I just see it because that's what's making me strong in my heart“.
Vielleicht ist das der springende Punkt, der uns allen helfen könnte, die Entwicklung des modernen Fußballs wie auch viele andere Dinge auf der Welt sowohl kritisch zu hinterfragen als dennoch zu genießen.
Dass Dinge wie ein unglaublicher Messi-Lauf live im Stadion am Ende dann eben auch Momente sind, die uns Kraft schenken, Kraft, die uns prägen, begeistern und zu glücklicheren und damit im Idealfall auch besseren Menschen machen können - Menschen, die diese Energie dann wiederum nutzen, um mit umsomehr Feuer und Empathie Missstände anzusprechen und Menschen zu helfen, denen, völlig egal wo auf der Welt, Unrecht geschieht.
Deswegen ja - ich persönlich möchte Mbappé gegen Haaland im Finale sehen, einfach weil es das allererste Aufeinandertreffen der beiden wahrscheinlichsten neuen GOATs wäre, vielleicht sogar, auf lange Sicht betrachtet, der Vorausblick auf den spanischen Classico der Zukunft. Ich möchte es sehen, weil es - bei aller Kritik an den beiden Vereinen - mit Sicherheit ein fantastisches Fußballspiel wäre.
Und viel mehr muss man zu Manchester City dann auch eigentlich gar nicht mehr sagen, denn wer wäre ich, Pep Guardiola taktische Tipps zu geben?
Das Einzige, was man Manchester City raten könnte, wäre höchstens, nun wo man in der Premier League den ärgsten Konkurrenten Liverpool bereits im Winter abgehängt hat, sich in diesem Jahr so klar wie möglich auf diesen einen Wettbewerb, die Champions League, zu fokussieren, damit man nicht am Ende wieder aufgrund des Drucks die Nerven verliert. Es muss diese Siegermentalität rein a la "jetzt haben wir mit Haaland das letzte entscheidende Puzzlestück, jetzt gewinnen wir das Ding". Und selbst wenn man dann in der Premier League hin und wieder mal ein Spiel verliert, sogar wenn der unwahrscheinliche Fall eintreten sollte, dass mal nicht ManCity, sondern Chelsea, Tottenham oder Arsenal am Ende die Premier League gewinnen sollte, who cares?
Niemand schert sich doch noch um den xten Premier-League-Titel von Manchester City. Mit dem Gewinn der Champions League hingegen, dem Wettbewerb, bei dem man jetzt so viele Jahre so knapp gescheitert ist, würde sich Pep Guardiola endgültig ein Denkmal setzen und jeden sehen lassen, dass Manchester City derzeit einer der besten Vereine der Welt ist, wenn nicht sogar der Beste.
Dass ich mit RB Leipzig und den FC Porto nun zwei Achtelfinalteams ein bisschen überspringe, tut mir Leid, aber ersteren werde ich im Verlaufe der Rückrunde in meinen Bundesliga-Spieltagskommentaren noch oft genug analysieren. Grundsätzlich bin ich kein grundsätzlicher Gegner des RB-Konstrukts, es holt mich im Vergleich zu den meisten anderen Bundesliga-Teams aber auch nicht so besonders ab. Während ich selbst bei Augsburg und Wolfsburg dann immer doch irgendwie genau wissen möchte, was im Verein grade abgeht, ist es bei Leipzig dann eben oft so ein Egal-Gefühl, ein bisschen, wie wenn man beim Friseur im Wartebereich irgendein Klatschblatt liest, weil es eben grade da liegt.
Wenn überhaupt sind es Spielerentwicklungen, wie die von Christopher Nkunku, Konrad Laimer und Dominik Szoboszlai, die meine Aufmerksamkeit erregen. Dennoch - Leben und leben lassen und in diesem Sinne - schön, dass es Leute gibt, die sich mit den roten Bullen identifizieren und für die der Verein einen entscheidenden Teil ihrer emotionalen Welt ausmacht. Denn sportlich relevant ist der Verein allemal wie auch interessant für die 50+1-Frage in der Bundesliga.
Trotzalledem sehe ich beide Vereine, sowohl Porto als auch Leipzig, nicht wirklich weit vorne, wenn es um den Gewinn der aktuellen Champions League geht - Porto, weil es hier aktuell einfach an absoluter Topqualität im Kader fehlt, Leipzig eben wegen Manchester City als Achtelfinalgegner, dem vielleicht schwerstmöglichen Gegner in diesem Turnier gegen den man höchstwahrscheinlich ausscheiden wird.
Was Portos Gegner Inter Mailand hingegen angeht, wäre da zumindest ein Club, der gerade im Sturm so einige Fragen aufwirft - ob es der gefühlt schon 50jährige Edin Dzeko ist, der in den letzten Jahren mit allerlei Verletzungen und Formschwächen geplagte Chelsea-Rückkehrer Romelu Lukaku ist - oder eben Lautaro Martinez, der trotz Weltmeistertitel zuletzt auch als Sturmpartner von Lionel Messi dem jüngeren formstärkeren Julian Alvarez von Manchester City weichen musste.
Auch Inter-Stürmer Joaquin Correa spielte in der argentinischen Nationalmannschaft zuletzt gar keine Rolle mehr, war für den WM-Kader für Katar sogar nicht einmal nominiert. Desweiteren steht man auch in der Seria A derzeit auf Platz 5, ganze 11 Punkte hinter Tabellenführer SSC Neapel, was für die Ansprüche von Inter Mailand definitiv zu wenig ist.
Hoffnung macht jedoch die seit langem mal wieder stark italienisch geprägte junge Defensive rund um Franesco Acerbi, Federico di Marco, Alessandro Bastoni und Matteo Darmian, die auch den deutschen Nationalspieler Robin Gosens auf die Bank verdrängt haben. Hier zeigte man sich erstaunlich souverän gerade gegen die defensiv eingestellten Teams aus der hinteren Tabellenhälfte. Die 5 Spiele, die man in der aktuellen Saison verlor, verlor man ausschließlich gegen Teams, die wie Juventus oder Lazio auch selbst den Ball haben wollten. Dies ist, auf dieser Ebene, ein entscheidender Fortschritt zur vergangenen Saison für das Team um Trainer Filippo Inzaghi.
Ich möchte aber noch einmal auf besagten Julian Alvarez zu sprechen kommen, da mich hier eine Frage beschäftigt: Warum denn nicht eine Leihe des Weltmeisters von Manchester City zu Inter? Denn nachwievor steht in den Sternen, dass Alvarez bei Manchester City derzeit auch nur die geringste Chance hat Stammspieler zu werden (da der Sturm mit u.a. Erling Haaland doppelt und dreifach top besetzt ist und Guardiola auch nicht als Trainer bekannt ist, der mit einer Doppelspitze spielt), für Inter Mailand jedoch wäre ein weiterer schneller Stürmer, der gemeinsam mit Lautaro die Außenbahnen beackert, vielleicht die Chance in der Champions-League-Rückrunde nochmal ganz oben anzugreifen. Ich denke hier an das System der französischen Nationalmannschaft, Alvarez und Lautaro auf außen und im Zentrum dann eben noch ein Lautaro oder Dzeko, der auf Bälle lauert, die er dann z.B. mit dem Kopf verarbeiten kann. Noch dazu kennen sich Lautaro und Alvarez auch noch aus der Argentinischen Nationalmannschaft und haben beide weltweite Spitzenwerte, was Läufe in die Tiefe und das Antizipieren tiefstehender Abwehrreihen angeht. Denn momentan nehmen sich Dzeko und Lukaku hier von ihrem Spielerprofil gegenseitig den Platz weg und ein schneller Stürmer eines Lautaro Martinez alleine bringt es dann zu oft dann doch nicht über die Zeit. Auch fehlt dem Mittelfeld der Nerazzuris derzeit ein klarer offensiver Spielplan, da es wenn überhaupt Nicolo Barrella ist, der offensiv ausgerichtet ist und mit seinen Pässen regelmäßig hinter die gegnerische Kette kommt. Hier fehlt dann nur wiederum oft der Mann, der aus dem Halbraum kommt und die gegnerische Kette auf seine jeweilige Seite zieht, um dann wiederum dafür zu sorgen, dass z.B. Lukaku frei zum Abschluss kommen kann.
Ein Weiterkommen im Champions-League-Achtelfinle gegen Porto ist aber so oder so wahrscheinlich und sollte Inter Mailand auf dieser Position nochmal aktiv werden vielleicht sogar mehr.
Der Stadtrivale AC Mailand hingegen zieht auch diese Saison wieder locker seinen Stiefel durch, mit dem, was er eben aktuell hat. Ein Platz 2 in aktuellen Seria-A-Tabelle, und das obwohl man rein kadertechnisch immer noch weit entfernt von dem Glanz alter Tage ist, wo noch Namen wie Hernan Crespo, Clarence Seedorf, Andriy Chevchenko, Kaka, Gattuso oder Andrea Pirlo den Kader der Rossoneris schmückten, beweist dies.
Dennoch konnte das Team von Trainer Stefano Pioli sich vergangene Saison seit langem mal wieder mit dem Scudetto belohnen, ein Erfolg, der angesichts der jüngeren Vergangenheit schon fast einer Sensation gleicht. Taktisch setzt Pioli bei den Rossoneris knallhart auf die alten Tugenden: Knallhartes Positionsspiel, meist in einem 4-2-3-1, und meist mit Leao oder Giroud in der Sturmspitze.
Letzterer, der seit Dezember 2022 alleiniger französischer Rekordtorschütze ist, könnte auch in der KO-Runde der Unterschiedspieler sein, man erinnere sich nur an seine 4 Tore in einem Spiel als er in der Saison 2019/20 mit dem FC Chelsea den FC Sevilla nach Hause schickte.
Sollte es gelingen ihn gewinnbringend einzusetzen und derweile diszipliniert die Räume zu verteidigen, könnte es das Team von Ex-Inter-Trainer Antonio Conte trotz herausragender Offensivspieler wie Harry Kane, Heung-Min Son oder den zuletzt mit dem Tor des Turniers ausgezeichneten brasilianischen Ballzauberer Richarlison schwer haben.
Denn die große Stärke von Tottenham Hotspur wiederum liegt in der Geschwindigkeit der Außenstürmer, welche sich natürlich nur dann entfalten kann, wenn sich Räume zwischen den Ketten ergeben und es Spielmachern wie Rodrigo Bentancour oder Pierre-Emille Hojbjerg gelingt, ihre Schnittstellenpässe genau dorthin zu bringen, wo sie den Mailändern wehtun könnten.
Sollten diese allerdings hinten die Schotten dicht machen, könnten die Spurs schnell Probleme bekommen, zumal Antonio Conte nicht grade als sonderlich flexibler Trainer bekannt ist, sondern in solchen Fällen eher versucht, seine Mannschaft an der Seitenlinie mental und emotional zu pushen (was, insbesondere wenn er mit gewissen Schiedsrichterentscheidungen nicht einverstanden ist, auch schnell mal mit einer roten Karte enden kann).
Hochinteressant wird sein, wie der Transferpoker um den marokkanischen Mittelfeldspieler Sofyan Amrabat (derzeit noch beim AC Florenz unter Vertrag) weitergehen wird, der zuletzt bei der WM aufblühte und bei dem Tottenham derzeit in der Poleposition in den Verhandlungen steht.
Ansonsten bleibt die ewige Frage, wo Tottenham inzwischen stände, wenn der Verein nicht in der Premier League, sondern in irgendeiner anderen Liga spielen würde, wo er aufgrund der hohen Konkurrenz nicht ewig seinen Ruf als „bester titelloser Verein Europas“ weg hätte. Titellos stimmt in dem Fall allerdings nicht ganz, ein FA Community Shield in der Saison 2007/08 konnte man zumindest im neuen Jahrtausend gewinnen. Das war es dann aber auch schon mit der Ausbeute an Trophäen für die Spurs.
Dennoch ist sich Tottenham, die 2019 noch sensationell ins Champions League Finale gezogen waren, seiner Stellung auf dem Markt sehr wohl bewusst und gilt weiterhin als einer der schärfsten Verhandlungspartner in Sachen Transfers. Der FC Bayern, der wohl schon seit einiger Zeit an Tottenham-Star Harry Kane als Lewandowski-Nachfolger im Sturm dran ist, wird es daher nicht leicht haben, insbesondere dann, wenn die Spurs den AC Milan schlagen und ins CL-Viertelfinale oder sogar noch weiter ziehen sollten.
Eines der heißesten Battles außer deutscher Sicht ist zweifelsohne das zwischen dem FC Chelsea und Borussia Dortmund. Denn vieles haben diese beiden Clubs gemeinsam. Beide straucheln aktuell in der Liga (der FC Chelsea auf Platz 8, Borussia Dortmund auf Platz 6), beide haben vor kurzem den Trainer gewechselt und sich für jemanden an der Seitenlinie entschieden bei dem bislang ganz klar Vertrauen über Glamour steht und was nun noch dazu gekommen ist: Beide wollen ihn - Youssouffa Moukoko, das 18jährige deutsche Wunderkind, bzw. die einen ihn kaufen, die anderen mit ihm verlängern.
Niemand geringeres als der FC Chelsea ist es nämlich, der bereits mehrfach im Fall Moukoko angeklopft hat und Experten u.a. der Plattform Transfermarkt TV sind sich inzwischen sicher, dass in dem Fall, dass der BVB Moukoko keinen neuen besser dotierten Vertrag anbieten sollte, dieser im Sommer Dortmund verlassen wird.
Ob dies für den 18jährigen sportlich so sinnvoll ist, steht auf einem anderen Blatt. Moukoko würde bei Chelsea kaum Stammspieler sein, einige bezweifelten vor der Saison sogar, dass er für einen Stammplatz beim BVB schon weit genug wäre.
Moukoko ist ein gutes Beispiel dafür, inwieweit auch Berater und Umfeld oftmals einen Spieler selbst in dem Alter schon nicht nur sportlich, sondern vorwiegend auch monitär beraten, in einer Phase, wo zwischen einer Karriere eines Erling Haaland und eines an einem zu früh getätigten Transfers gescheiterten Jan-Fiete Arp noch alles offen ist.
Was, aber wenn der BVB in genau diesen beiden Duellen beweist, dass er zumindest sportlich als Verein im Vergleich zu Chelsea gar nicht die kleinere Adresse ist? Zumindest ist der FC Chelsea derzeit weit entfernt von dem Lauf, den er hatte, als man mit Thomas Tuchel als Trainer und dem deutschen Sturmduo Timo Werner und Kai Havertz 2021 sensationell die Champions League gewann.
Erst kürzlich sorgte der Verkauf des Vereins vom russischen Oligarchen Roman Abramowitsch an den US-Investor Todd Boehly für gewaltiges Chaos an der Stamford Bridge. Wie schon bei Paris St. Germain wurde Thomas Tuchel fast schon über Nacht entlassen, kurz danach machte man sich bei den Brighton-Fans unbeliebt und schnappte ihnen mitten in der Saison ihren bislang erfolgreichsten Trainer Graham Potter weg.
Dennoch hat sich die Mannschaft auch unter Potter nicht wirklich stabilisiert, wie zuletzt eine Niederlage gegen Aston Villa wieder einmal bewies. Lange Mittelfeldsäulen wie Jorginho und Ngolo Kanté werden sowohl verletzungsbedingt derzeit immer wieder zurückgeworfen oder spielen, wie im Fall Kanté, mit Abschiedsgedanken. Auch im Sturm läuft es seit dem Abgang von Lukaku nachwievor nicht wirklich rund, so wenig, dass man sogar schon Cristiano Ronaldo holen wollte, was Thomas Tuchel allerdings entschieden ablehnte, wie dabei auch dem neuen Investorenteam mangelnde sportliche Kompetenz vorwarf (angeblich soll man ihm seitens des Vorstands vorgeschlagen haben, er solle doch spaßeshalber mal eine 4-4-3-Aufstellung ausprobieren, sprich einfach mal mit 11 statt mit 10 Feldspielern in ein Champions-League-Duell gehen).
Ein weiterer Name, der derzeit in Zusammenhang mit Chelsea immer wieder fällt ist der Name Enzo Fernandez, an dem nach seiner herausragenden WM aber auch so ziemlich jeder Champions-League-Topclub dran ist. Ein Sieg Chelseas gegen den BVB ist also alles andere als sicher und auch in der Premier League ist man derzeit ganze 6 Punkte hinter den Champions-League-Plätzen, den Plätzen, die für den Verein in puncto eigener Erwartungshaltung eigentlich Pflicht sind.
Was aber tut natürlich Borussia Dortmund, wenn die Konkurrenz strauchelt? Sie straucheln natürlich ebenfalls. Insbesondere in der Defensive brachte die Abwehr rund um Mats Hummels, Niklas Süle und Nico Schlotterbeck konternde Gegner nicht gerade wirklich zum Schlottern. Dies zeigte insbesondere das letzte Spiel vor der Winterpause, ein 2 zu 4 gegen Borussia Mönchengladbach, bei dem die hintere Kette fahrig wie selten zuvor verteidigte und es den Gladbacher Stürmen in ihren Tiefenläufen in jeder Hinsicht unglaublich leicht machte. Sobald man in der Nähe der Mittellinie den Ball verlor, waren Gladbachs Stürmer alleine vor dem 16er und kamen in der Regel frei zum Abschluss.
Nicht zuletzt deswegen möchte man sich gerade auf dieser Position verstärken und schielt hier derzeit sowohl auf den jungen Polen Jakob Kiwior von Spezia Calcio als auch auf den Gladbacher Ramy Bensebaini, einem äußerst kampfstarken Mentalitätsspieler, der dem BVB sicherlich extrem gut tun könnte.
Schwächen gibt es allerdings auch im Sturm, wo Neuzugang Karim Adeyemi nachwievor bei 0 Scorerpunkten steht und Donyell Malen sich langsam aber sicher in die Liste der größten BVB-Transferflops der letzten Jahre einreihen muss.
Von den Neuzugängen in jüngster Zeit konnte hingegen einzig und allein der Ex-Kölner Salih Özcan sportlich vollständig überzeugen. Auch die Zukunft des Lastminute-Helden im Duell gegen die Bayern Anthony Modeste ist nachwievor unklar, nun wo laut Sky Sport auch der vor einem halben Jahr an Hodenkrebs erkrankte Stürmer Sebastien Haller auf dem Weg der Genesung ist und möglicherweise sogar im Januar 2023 schon wieder ins Training einsteigen könnte. Dies würde zum einen den Poker um die Vertragsverlängerung des dann möglicherweise nicht mehr gesetzten Moukokos verschärfen, dem BVB zum anderem aber auch einen Teil seiner Wucht im Sturm zurückgeben, die man zuletzt seit dem Abgang von Erling Haaland zu Manchester City ein wenig verloren hatte.
Auch Karim Adeyemi als eher schneller über die Flügel kommender Stürmer könnte es mit Haller als Flankenverwerter deutlich leichter haben, mit seinen schnellen Vorstößen über die Halbräume wieder so zu brillieren wie einst noch bei seinem alten Club RB Salzburg.
Für mich ist daher das Duell Chelsea gegen Dortmund das vielleicht heißeste und spannendste 50-50-Duell der gesamten Champions-League-Achtelfinalrunde.
Sollte Haller tatsächlich zurückkommen und möglicherweise sogar mit Adeyemi und (!) Moukoko auf den Flügeln in der Startelf stehen, traue ich dem BVB in jedem Fall den Einzug ins Viertelfinale zu, da sie in dem Fall gemeinsam mit Marco Reus und dem derzeit herausragenden und ebenfalls offensiv ausgerichteten Jude Bellingham über eine unglaublich starke Präsenz im Sturm verfügen würden. Dies könnte dann möglicherweise auch die nachwievor eklatanten Schwächen in der Defensive kompensieren. Sollte Haller allerdings nicht rechtzeitig fit werden und nicht nochmal ein erfahrener Ersatz auf Weltklasseniveau auf der 9er-Position geholt werden, könnten schon die Duelle gegen Chelsea für den BVB unglaublich hart werden.
Somit wären wir nun bei Titelverteidiger Real Madrid, dem Verein, der nachwievor wie kein anderer Verein auf der Welt Siegeswillen wie auch vor allem Siegesgewissheit in jeder Situation beweist. In der vergangenen Champions-League-Saison setzte man sich als die eigentlich immer spielunterlegenere Mannschaft gegen sämtliche KO-Gegner durch (PSG, Chelsea, Manchester City und Liverpool) und führte damit sämtliche Advanced-Stats-Revolutionen von Expected Goals bishin zu Packing und Non Shot based expected goals komplett ad absurdum. Oder wie die das Sportmagazin „The Athletic“ einst schrieb: „Real Madrid spielen als würden sie sich gar nicht wirklich um die Neuerungen im modernen Fußball scheren.“ Liverpool-Fans mögen hier nachdem letzten Finale, welches Liverpool nach 2018 zum zweiten Mal auf eine diesmal unvorstellbare Art und Weise gegen Real Madrid verloren hatte, laut in die Hände klatschen. Wie allerdings Hermann Gerland einst sagte: „Immer Glück ist Können. Immer Pech ist ...“.
Aus diesem Grund ist es natürlich für neutrale Fans umso schöner zu sehen, dass ausgerechnet diese beiden Mannschaften nun noch einmal, in dem Fall in gleich zwei Duellen, aufeinander treffen. Das Beeindruckendste ist, dass Real Madrid in all seiner Dominanz und trotz der beiden jungen brasilianischen Flügelstürmer Rodrygo und Vinicius Junior dabei nicht gerade „Jogo-Bonito-Fußball" spielt.
Sie sind eben nicht mehr jene „Galacticos“ von einst, sondern leben stattdessen von ihren - immer genau an der richtigen Stelle landenden - Schnittstellenpässe von Luka Modric, Toni Kroos und dem zuletzt überragenden grade mal 22jährigen französischen Nationalspieler Aurelien Chouameni. Dass man zuzüglich mit dem (zuletzt nach der WM aus der Nationalmannschaft zurückgetretenen) Homeoffice-Vizeweltmeister 2022 noch den aktuellen Ballon-d‘or-Sieger im Kader als Mittelstürmer hat, sollte dem Erfolg von Real Madrid sicherlich ebenfalls nicht schaden. Und der Erfolgshunger? Nun, dieser ist bei den Königlichen sowieso immer so da wie die Krone auf dem Vereinswappen der Madrilenen.
Der FC Liverpool muss also alles in die Wagschale werfen, um den nach dem letzten Finale dem Satz „Immer-Glück-Ist-Können" in Bezug auf seine Duelle gegen Real Madrid Lügen zu strafen. Hierfür hat man nun zunächst einmal Cody Gakpo von PSV Eindhoven geholt, dies bestätigte der Verein erst wenige Tage nach Weihnachten auf seiner Website. Dieser Transfer ist durchaus interessant, ist man doch grade im Sturm mit Darwin Nunez, Luis Diaz, Diogo Jota, Mohamed Salah und Roberto Firmino doch eigentlich, auch was die Breite angeht, mehr als Weltklasse aufgestellt. Umsomehr beweist dies, dass beim FC Liverpool championsleaguetechnisch alle Alarmglocken schrillen.
Denn sollte man gegen Real Madrid verlieren und im Achtelfinale ausscheiden, wäre das nur die logische Konsequenz einer bislang in jeder Hinsicht sportlich abenteuerlichen Saison. Als Höhepunkt muss hier das 1 : 4 gegen Neapel im ersten CL-Gruppenspiel genannt werden, bei dem man als Verein buchstäblich „auseinanderfiel“, so sehr, dass sich man sich sogar schon Sorgen um die Zukunft von Trainer Jürgen Klopp machen musste bei dem sich, wie schon bei Dortmund, das "verflixte siebente Jahr" andeutete.
De facto rennt man an der Anfield Road nachwievor den eigenen Ansprüchen hinterher, den Ansprüchen eines Vereins, der das Thema Zahlen und Advanced Stats auf ein neues Level gebracht hat wie kaum ein anderer Verein und was das angeht über die vielleicht weltbeste Analytics-Abteilung verfügt.
Der Grundgedanke dieser Analytics-Abteilung ist hierbei der „Expected Goals“ Gedanke, ein Gedanke, der sowohl auf Stochastik, wie auch auf historische Daten beruht. Wie wahrscheinlich ist es, dass jemand, wenn er zwei Meter vor einem leeren Tor steht, die Kugel mit dem Fuß irgendwie in den Kasten hineinbefördert bekommt? Oder eben als Gegenfrage - wie wahrscheinlich ist es, dass jemand, und sei es ein Zlatan Ibrahimovic, einen Fallrückzieher von der Mittellinie an 6 Abwehrspielern vorbei ins Tor gezwirbelt bekommt?
Das wären zwei Extrembeispiele, die Nicht-Insidern helfen, die jeweiligen Expected-Goals-Werte von Spielern und Teams, wie auch ihren Sinn zu verstehen. Dazwischen gibt es allerdings, wie man sich denken kann, noch extrem viele andere Spielsituationen, die mit ähnlichen Spielsituationen verglichen werden, wo beispielsweise ein Treffer aus einer bestimmten Position fiel oder eben auch nicht fiel. Jedes neue Fußballspiel wird in diese Statistik mit hereingerechnet, womit die Vorlagedaten für xG-Werte sich immer, zumindest leicht, verändern. Die Analytics-Abteilungen wiederum analysieren genau diese Stats, um die für sich passenden Spieler auf dem Transfermarkt zu holen und auch den eigenen Kader permanent zu beobachten. Denn wie oft ist es schon passiert, dass ein Verein für viel Geld einen Star eingekauft hat, nur um dann zu sehen, dass man genau auf dieser Position bereits über einen Stammspieler verfügt, der in dem, was seine Rolle in der Spielphilosophie des Trainers angeht, vielleicht sogar die besseren Stats hat?
Selbstreflektion, wie auch die ständige Beobachtung des Marktes anhand von Zahlen, zählen hier seit Jahren zu den größten Stärken des FC Liverpools - Stärken, so groß, dass man damit sowohl 2019 die Champions League, wie auch 2020 die Premier League gewinnen konnte. Nur auf diese Weise konnten die Transfers von Spielern wie Mo Salah oder Virgil an Dijk abgewickelt werden, Spieler, die vorher noch niemand wirklich auf dem Zettel hatte, die aber beim FC Liverpool innerhalb kürzester Zeit zu absoluten Weltstars heranreiften. Denn ein weiterer riesiger Vorteil jener Stats ist auch, dass sie die Eingewöhnungszeit der Spieler, wie auch das Scouting extrem erleichtert. Denn wo in anderen Vereinen die Scouts gefühlt von 365 Tage im Jahr 366 unterwegs sind, beruft man sich bei Liverpool ganz einfach auf die computerbasierten Daten - Daten, die wie kaum etwas anderes für die Entwicklung des Fußballs allgemein in den letzten 10-20 Jahrzehnten stehen und sich dabei auch weiterhin (was ihre Genauigkeit angeht) in rasanter Geschwindigkeit entwickeln.
Ein Beispiel: Ein Außenbahnspieler flankt von der Grundlinie aus scharf in den Strafraum, ein Mittelstürmer steht frei vor dem Torwart, verfehlt den Ball aber um Haaresbreite. In dem Fall würde dieser Ball aktuell nicht als Expected Goal und der Assist nicht als Expected Assist gewertet werden, da es sich ja um keinen direkten Torschuss handelte. Ein Stürmer, der also ständig mutig im Strafraum auftaucht, aber in seiner Flankenverarbeitung entweder Pech hat oder von seinen Mitspielern zu ungenaue Flanken bekommt, hätte somit einen niedrigeren XG-Wert als jemand, der ständig von überall auf dem Feld einfach raufbolzt und in 8 von 10 Fällen daneben schießt.
Hier liegen nachwievor leichte Schwachstellen in der xG-Wertung und sowohl in Liverpool als auch anderen Orten der Welt arbeiten Teams aus zum Teil hochentwickelten Mathematikern für die Vereine und daran, die Genauigkeit jener Werte stets zu verbessern.
Das Ziel dabei ist es, das Thema Scouting so stark wie möglich zu vereinfachen, beziehungsweise anhand so weniger Zahlen wie möglich zu sagen: "Dieser Spieler passt zu uns, beziehungsweise das, was unser Spieler auf dieser Position grade nicht hat, das hat wiederum der, den wir grade holen wollen."
Das Problem am FC Liverpool aktuell ist: Wo die einen vorreiten, reiten die anderen eben nach. Mittlerweile sind Advanced Stats selbst in mittel- bis unterklassigen Vereinen Gang und Gebe. Nahezu jeder Verein besitzt mittlerweile seine eigene in jeder Hinsicht geschulte Analytics-Abteilung. Hier von der Zeit überholt zu werden ist die Gefahr für den FC Liverpool und genau hier gilt es das Gegenteil zu beweisen, beziehungsweise auch neue Innovationen, vielleicht auch auf anderer z.B. teampsychologischer Ebene, wieder mehr zu fördern.
Denn wer hört schon gerne seinen eigenen Sound in allen Radiosendern, ist sich dabei aber bewusst: Okay, den Sound habe ich erfunden, die Musik spielen aber grade andere.
In Italien spielt die Musik derzeit dort, wo es vor der Saison sicherlich niemand erwartet hätte, nämlich in Neapel. Der SSC Neapel ist derzeit die Sensationsmannschaft der italienischen Seria A. Dass das Team von Luciano Spaletti aktuell mit insgesamt 14 Punkten vor dem Fünftplatzierten Inter Mailand steht, scheint allen noch wie ein völlig verrückter Traum, insbesondere, wo sich doch erst vergangenen Sommer mit Dries Mertens und Lorenzo Insigne gleich zwei absolute Schlüsselspieler verabschiedet hatten.
Ist Neapel am Ende das eine Überraschungsteam der diesjährigen Champions League, vielleicht sogar ein Titelfavorit? Cwitscha Kvaratskhelia, das Wunderkind aus Georgien, könnte es möglich machen. Dennoch ist Napoli natürlich weitaus mehr als nur Kvaratskhelia. Giacomo Raspadori, Matteo Politano, der derzeit weltstark aufspielende defensive Mittelfeldspieler Zamba Aguissa aus Kamerun, wie auch der noch einmal mehr für Torgefahr sorgende Giovanni Simeone (Sohn des dienstältesten Trainers aus Europas Topligen Diego Simeone/Atletico Madrid) haben sich hier mittlerweile zu einem Team zusammen gefunden, was auf gradezu unheimliche Art und Weise miteinander harmoniert.
Dabei spielt Napoli den wohl unitalienischsten Fußball aller Seria-A-Clubs, immer mit vollem Risiko, nach Ballgewinn sofort mit Vertikalpässen agierend, wie auch mit einer zwar tiefstehenden, aber, was den Spielaufbau angeht, dennoch offensiv ausgerichteten Viererkette aus der von den Passwerten her insbesondere der Koreaner Min-Jae Kim in der bisherigen Saison extrem herausstach.
Auch die Leidenschaft und Euphorie der Fans ist riesig, so träumt man doch so lange schon von den alten Zeiten, wo man letztmals 1990 mit Diego Maradonna als Kapitän den Scudetto holte. Sollte der jetzigen Napoli-Generation ähnliches gelingen und das Team dabei auch noch in der Champions League weit kommen, könnten einige von ihnen möglicherweise eines Tages ähnlichen Legendenstatus in Neapel erlangen.
Legendenstatus erspielten sich im vergangenen Jahr auch Spieler wie Rafael Santos Borré, Filip Kostic, Sebastian Rode, Ansgar Knauff, Kevin Trapp, Daichi Kamada und noch viele andere, das Ensemble, was das Unglaubliche wahr gemacht hat: Den Europa League Titel mit Eintracht Frankfurt, der Mannschaft, die ihr Publikum lebt, wie kaum eine andere in Europa und damit den größten Triumpf der Vereinsgeschichte erlebte. Diesen erlebte man, wohlgemerkt, während man in der Bundesliga sechs Plätze vor einem Abstiegsplatz auf Platz elf landete. Genau das ist Eintracht Frankfurt und das ist das, was die gesamte Europa League so einzigartig macht. Man hat als Fan tatsächlich noch das Gefühl, nahezu jeder kann diesen Wettbewerb gewinnen, wenn er an sich glaubt und sich selbst und seine Fans mitreißt.
Alle erinnern sich an jene unglaubliche Szenen wie bei dem Auswärtsspiel in Barcelona, wo sich tausende von Eintracht-Fans in die Barcelona-Blöcke schmuggelten mit dem Ergebnis, dass man am Ende im Camp Nou fast nur noch Menschen in weiß sah.
Die Fannähe war schon immer die eine riesige Stärke von Eintracht Frankfurt - jeder Fan ist Teil des Vereins und jeder Spieler spielt eben so, wie das, was die Fans mit ihm machen: Die Vorstellung einer 90minutenlangen mentalen Symbiose, die in dem Moment Realität wird, wo sie alle wahrnehmen ist das, was Team und Fans hierbei leben.
Jeder Musiker kennt das Gefühl, das Gefühl ein Konzert gespielt zu haben, von allen gefeiert zu werden, und sich in Nachhinein beim Anschauen der Live-Aufnahmen zu fragen: Wie habe ich das gemacht? Habe ich in dem Moment überhaupt gearbeitet? Habe ich überhaupt versucht, an diesem Abend besonders gut zu sein? Eigentlich bin ich doch nur auf dieser Wolke geritten und die wahre Arbeit haben eigentlich die Fans gemacht.
Genau dieses Gefühl trifft auf Eintracht Frankfurt zu und man kann es nahezu bei jedem Spiel, auch in der Bundesliga, beobachten.
Deutsche Skepsis a la „mal schauen“, „die sollen erstmal liefern“, „Filip Kostic haut doch eh bald ab“, „wie true ist der Verein überhaupt noch?“: Fehlanzeige. Stattdessen eine Ode an den Moment, beziehungsweise der Wunsch diesen immer und immer wieder zu erleben, dabei als Fan auch innerlich zu wachsen und dabei Erfahrungen zu machen, die einen vielleicht auch einmal auf ganz anderer Ebene stark werden lassen - Erfahrungen wie Glauben an das vermeintlich Unmögliche und die Gewissheit, dass es in dem Moment Realität werden kann, wo zum Beispiel ein Rafael Santos Borré diesen einen entscheidenden Elfmeter reinschießt.
Man könnte fast sagen, der wahre Vorstand von Eintracht Frankfurt sind die Fans. Denn wen schert es, ob genau jener Borré auf einmal gar kein Stammspieler mehr ist, dass mit Fredi Bobic der jahrelange starke Mann hinter Eintracht Frankfurt nun bei der Hertha ist und möglicherweise bald nebenbei auch noch den DFB retten soll, dass mit Markus Krösche der neue Manager ausgerechnet von RB Leipzig gekommen ist? Die Eintracht bleibt die Eintracht, sogar unabhängig von ihrem Personal. Nur wenigen anderen Clubs in Deutschland, nicht einmal Clubs wie Freiburg oder Dortmund, ist das in der Form so gelungen.
Auch dass mit Filip Kostic der völlig überragende Mann der Europa-League-Saison 2021/22 zu Juventus Turin abgewandert ist, zu einem Verein, von dem man derzeit mehr in Wirtschaftsmagazinen (oder Staatsanwaltschaftsakten) liest als in Sportzeitschriften, alles halb so schlimm.
Nur wo liegt das Geheimnis? Ist es das Heimatgefühl, wie beim SC Freiburg oder bei Union Berlin, wo Fans noch das Gefühl haben, jedes Wochenende zu ihrer zweiten Familie aufzubrechen, wenn sie ins Stadion gehen?
Oder sind es der Trainer, der Kader, die Verantwortlichen, die man vielleicht schon seit seiner Kindheit kennt, und wo man genau weiß, sie stehen am Ende als Personen für das, was man feiert?
Im Fall Eintracht Frankfurt trifft eigentlich nichts von alldem zu und genau das macht diesen Verein so unbegreiflich.
Denn sicherlich hat die Stadt Frankfurt auch ihre Geschichte und eine große Strahlkraft in Deutschland, dennoch ist die Gegend, was Traditionsvereine angeht, auch kein weißer Fleck auf der Landkarte: Darmstadt, Mainz, Kaiserslautern, Waldhof Mannheim, wie auch langezeit des FSV Frankfurt - all das sind Vereine aus der Gegend, die Jahrzehnte lang die Fußballkultur um Frankfurt herum geprägt haben. Und doch scheint es so als wären die Eintracht-Fans selbst der Verein, als würden sie es sein, die mit ihrer Energie all das lenken, was am Ende in solchen Wundern wie im Sommer 2022 dem Europa-League-Sieg endet.
Dazu kommt noch diese unglaubliche Fähigkeit der Frankfurt-Fans sich von einer Euphoriewelle mitreißen zu lassen, so sehr, dass man am Ende als Fan gar nicht mehr nachdenkt, sondern einfach nur gefühlt für alle Zeiten mitschwimmt, immer hinein in das nächstschönere Abenteuer, die nächstgrößere Challenge. Denn alles, was Spaß macht, geschieht sowieso von alleine, wenn man nur daran glaubt, während alles, was einen sonst im Leben vielleicht hält, irgendwo, wie auf einmal verschwunden in einem anderen Universum ist.
Dabei immer das Motto der Eintracht-Fans: Wir sind jetzt hier in diesem Film, warum ihn also nicht erleben? Da lag es zu Zeiten des Europa-League-Sieges fast schon auf der Hand, dass nahezu jeder Deutsche auf irgendeine Weise Frankfurt-Fan war, inklusive mir, der als gebürtige Ostberliner Schnauze mit der Stadt Frankfurt so rein gar nichts am Hut hat auch wenn ich das Glück hatte, zuvor mit meinem Verein nicht ganz dieselben, aber doch ähnliche Gefühle zu erleben.
War es daher am Ende bei vielen Menschen vielleicht auch einfach nur die Sehnsucht, das alles grade mit seinem eigenen Verein zu erleben, ganz nach dem Motto, wenn die Ehe nicht mehr läuft, holt man sich die Glücksgefühle eben anderswo? Denn das hundertprozentige Gegenbeispiel zu Frankfurt bei der Europa League liegt auf der Hand: Die DFB-Elf bei der Winter-WM in Katar. Kaum jemand war wirklich bereit zu sagen: Katar hin oder her, ich bin bereit für diese wenigen Wochen mit dieser Mannschaft emotional durch dick und dünn zu gehen, weil das mein Land ist und daher auch mein Team.
Hier fehlt es derzeit genau an diesem Gemeinschaftsgefühl, welches sowohl die Mannschaft, wie auch die Fans pusht und welches, wie noch 2014, genauso maximalen Glamour versprühen kann, wie es eben auch das Gefühl ist, was zum Beispiel 20 schweißüberströmte Metalheads erleben, die grade völlig euphorisch ihre lokale Lieblingsband irgendwo in einer versüfften Kneipe in Berlin-Rummelsburg abfeiern.
Doch möchte man diesen sogenannten Erfolgsfans in Bezug auf das DFB-Team einen Vorwurf machen? Oder sollte jene Sehnsucht nicht mehr denn je zu denken geben, auch was den Fußball und die Gesellschaft generell angeht?
Wo stehen wir als Gesellschaft, wenn wir immer nur dem Idol mit dem größeren Kontostand, der größeren Reichweite oder dem größeren Erfolg hinterherjagen? Und wo steht in alldem der Fußball, der in diesem einen Punkt schizophrener als jede andere von Form von Entertainment erscheint?
Warum hat 2022 die EM der Frauen viele Deutsche 100mal mehr mitgerissen als die Winter-WM in Katar, ein Turnier, was Eventismus in seiner Größe und Berechenbarkeit nochmal auf eine völlige neue Stufe brachte?
Warum sehnen sich Leute nach Youtube-Influencern, die wie z.B. Calcio Berlin einzig und allein aus eigener Kraft ihren Traum zum Beruf machen konnten und holen sich lieber dort ihre Anregungen anstatt sich wieder und wieder ausschließlich nur den Ausführungen von Superstars wie Lothar Matthäus, Toni Kroos oder Bastian Schweinsteiger zu widmen?
Das macht die Analyse des modernen Fanverhaltens so schwierig, denn einerseits sehnen sich alle nach großen Namen, Fanaufmärschen, Triumpfen und Schlagzeilen über große Transfers, andererseits sehnen sich dann aber auch wieder alle nach der Essenz zurück, einer durch den Sport gelebten Wahrhaftigkeit und wenn es heißt (ich denke da nur an Schalke 04 oder den HSV) dass die Verbindung zu seinem Verein zu einem nicht geringen Teil dadurch auch Fluch und Segen zugleich wird.
"You don't write the song, it will write you“, wie Marlon Roudette in seinem Hit "When The Beat Drops Out" schon so schön sang, eine Aussage, die sich für viele Fans zu hundert Prozent auch auf den Fußball übertragen lässt, wie auch auf die Wahl ihres Vereines, die für viele Fans am Ende dann doch so viel mehr ist als nur eine Wahl.
Man lebt die Diskrepanz, den Zwiespalt, den man überall im Leben wahrnimmt - die Diskrepanz zwischen "erfolgreich sein" und "man selbst sein" - über seinen Verein. Das ist das, was Fanverhalten psychologisch so unglaublich komplex, gleichzeitig aber auch so unglaublich spannend macht.
Denn ein Verein wie Eintracht Frankfurt ist fußballerisch nicht attraktiver als z.B. die Bayern, hat nicht mehr Tradition als z.B. Kaiserslautern, hat abgesehen von Legenden wie Jürgen Grabowski auch nicht die Säulen und Ikonen, an denen sich alle aufrichten, jene Franz-Beckenbauer-Idole, die am Ende für ein ganzes Land stehen, genauso wenig wie die Eintracht das eine Motto a la "Mia san mia" hat, ein Motto, was in drei Worten zusammen fasst: Das sind wir. Das ist Eintracht Frankfurt.
Und dennoch wird das eine der ganz großen Fragen sein müssen auf die die DFB-Taskforce rund um Oliver Kahn, Oliver Mintzlaff, Karlheinz Rummenigge, Rudi Voeller und Matthias Sammer eine Antwort finden muss. Wie machen die das in Frankfurt, dass sich am Ende alle Fans sagen: Das, was mir mit der Eintracht erleben, sind die Momente, die unser Leben ausmachen, Momente, wo wir so glücklich sind, dass es uns vielleicht sogar reicht, sie einmal erlebt zu haben auch wenn wir sie im tiefsten Herzen natürlich immer wieder erleben wollen.
Und wenn das im Fall Eintracht Frankfurt plötzlich heißt von einem Champions-League-KO-Runden-Platz zu träumen, das dann gemeinsam mit den Fans wieder erreicht und dann auch noch ausgerechnet den Gegner zugelotst bekommt, der genau diesen „zwick-mich-mal"-Traum derzeit in Italien erlebt: den SSC Neapel, auch ein Verein in einem Land, welches aus zwei absoluten WM-Debakeln kommt, was die Nationalmannschaft angeht? Dann fragt man sich schon fast, wie die Geschichte eigentlich noch perfekter hätte laufen können.
Frankfurt gegen Neapel ist daher nicht nur ein Spiel zwischen zwei Mannschaften, es ist mehr als jedes andere Spiel dieser Saison ein Spiel zweier Fanlager. Welche Fanpower setzt sich am Ende mehr durch? Wo greift die Connection Fans und Mannschaft mehr? Das, was sich so viele Menschen am Ende auch als Champions-League-Finale wünschen würden - ein Finale, wo am Ende gemeinsame Begeisterung, Leistung und Willen über Erfolg entscheidet und nicht das eine Konsortium, der eine Staat oder der eine Konzern, der einfach nur unendlich Geld in einen Verein pumpt und ihn damit erfolgreich macht - am Ende, wie wir alle wissen, eine Utopie, aber dennoch immer wieder eine sehr schöne.
Eine Utopie die uns aber auch eines lehrt: Schwarz und weiß ist vielleicht die Tastatur eines Pianos, das Fell eines Zebras und das ein oder andere Schachbrett, aber ganz sicher nicht der Fußball. Denn es wird immer auch Fußballfans geben, die sagen, dass ein Finale Haaland gegen Mbappé, sprich City gegen PSG, dann doch das weitaus attraktivere Spiel wäre als Frankfurt gegen Neapel.
Philosophisch betrachtet bleibt für uns als Fans somit ausschließlich die Frage, wo wir uns am Ende am besten fühlen, beziehungsweise wo wir das Gefühl haben, einen Teil unserer inneren Mitte wahrzunehmen, wir selbst zu sein und dabei gleichzeitig mit der Welt mitzuschwimmen, einer Welt, die am Ende dann doch einfach ist, wie sie ist.
Wenn wir uns am besten fühlen, uns zu sagen, ein Finale Abu Dhabi (Manchester City) gegen Katar (Paris St. Germain) hat in unserer Welt keinen Platz und damit basta, dann wunderbar. Wenn wir uns aber sagen, dass wir vielleicht doch nicht so wichtig sind, mit dem Boykott eines solchen Champions-League-Finales oder eines WM-Finales Frankreich gegen Argentinien in Katar auf einmal die ganze Welt zu verändern, ist das sicherlich auch ein Teil der Wahrheit. Die Wahrheit liegt bei uns, in unseren Herzen und in unseren Entscheidungen, wozu auch gehört:
Wenn es die Entscheidung von Clubs wie Eintracht Frankfurt und ihren Fans ist, vielleicht auf lange Sicht das große Ding im europäischen Fußball zu werden, was zeigt, dass 50+1 mehr als nur eine Regel ist und das es auch anders geht, dann sollen sie doch bitte auch genau das tun.
Denn dann ist genau das der Weg auf dem diese großartige Reise weitergeht, im Fall Frankfurt der einzig richtige Weg für den Club. Und warum - mit dieser Einstellung - nicht eines verrückten, und vielleicht gar nicht so fernen Tages auch mal der Champions-League-Titel?
Prognosen:
Mannschaften, die in den CL-KO-Runden überraschen werden:
- Borussia Dortmund
- Manchester City
- Inter Mailand
- FC Liverpool
- SSC Neapel
- Eintracht Frankfurt (schon wegen TOP-16-Qualifizierung)
- Club Brügge (siehe Frankfurt)
Mannschaften, die in den CL-KO-Runden die Erwartungen erfüllen werden:
- AC Mailand
- Tottenham Hotspur
- Benfica Lissabon
- Paris St. Germain
Mannschaften, die in den CL-KO-Runden die Erwartungen nicht erfüllen werden:
- Real Madrid
- Bayern München
- FC Chelsea
- FC Porto
- RB Leipzig
(written by Leon Buche)